Zwei Menschen
+
Daumen hoch für die Impfung: Für Prof. Dr. Hjalmar Hagedorn war klar, dass er sich impfen lassen würde.

INTERVIEW - Ärztlicher Direktor Hjalmar Hagedorn über die Lehren aus einem Jahr Corona

„Diese Zeit hat uns zusammengeschweißt“

Dachau – Exakt ein Patient wird derzeit noch im Helios Amper-Klinikum – auf der Normalstation – aufgrund einer Corona-Infektion behandelt. Ist damit alles gut? Haben wir die Pandemie nach einem Jahr endlich überstanden? Nein, sagt Prof. Dr. Hjalmar Hagedorn, Ärztlicher Direktor der Klinik, im Interview mit der Heimatzeitung.

Ziel der Coronapolitik war laut Kanzlerin Angela Merkel immer, unser Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu schützen. Ist dies in Dachau gelungen?

Dr. Hjalmar Hagedorn: Obwohl wir sehr viele Corona-Patienten aufgenommen haben, sind wir in unserem Klinikum nie an unser Limit gekommen. Wir hatten immer die Möglichkeit, innerhalb unseres Stufenplans weitere Intensiv- und Normalbetten für Covid-Patienten aufzustellen. In der zweiten Welle hatten wir zwar insgesamt mehr Corona-Patienten als in der ersten zu versorgen, aber wir waren besser vorbereitet und ein noch besser eingespieltes Team.

Waren Sie persönlich einmal an dem Punkt, an dem Sie sagten: Ich kann jetzt nicht mehr!

Nein, ich war nicht an meiner persönlichen Leistungsgrenze. Aber natürlich war das letzte Jahr eine große Herausforderung, weil die Pandemie uns alle vor neue Aufgaben gestellt hat, die ein hohes Maß an Engagement, Flexibilität und Eigeninitiative abverlangt haben. Deshalb sind wir sehr froh, dass die zweite Welle abflaut und wir langsam wieder in den normalen Modus zurückfinden.

Gab es aber auch einen positiven Moment oder ein schönes Erlebnis, das Ihnen Mut gegeben hat?

Was mich in dieser Zeit besonders berührt hat, sind der Teamgeist und der Zusammenhalt. Diese schwere Zeit hat uns, hat die Mitarbeiter in den unterschiedlichen Abteilungen und Stationen zusammengeschweißt. Wir haben gemerkt: Wenn es hart auf hart kommt, können wir ganz schnell sehr flexibel reagieren. Da wurde nicht lange über Zuständigkeiten diskutiert, da wurde einfach angepackt.

Die Privatisierung des Dachauer Klinikums wurde von vielen kritisch gesehen. Anders als einige umliegende Kreiskrankenhäuser kam Ihr Haus jedoch sehr gut durch die Pandemie. Teilen Sie diese Einschätzung?

Die Corona-Pandemie stellt alle Kliniken vor große Herausforderungen. Unser klares Ziel war von Beginn an, immer für die Aufnahme von Covid-19-Fällen offen zu stehen. Als Teil des Helios Unternehmens mit 89 Kliniken haben wir von den übergreifenden Strukturen profitiert. In der zentralen Taskforce von Helios wurden die Informationen und Erfahrungswerte aller Kliniken gesammelt und bewertet und entsprechend daraus Empfehlungen abgeleitet. Das war und ist bei einer bis dato nie dagewesenen Pandemie extrem hilfreich.

Wie sehen Sie die Lage heute? Viele warnen vor Mutationen, einer dritten Welle – wo stehen wir?

Bei der aktuellen Inzidenz von unter 50 können wir mit der Entwicklung in Dachau derzeit zufrieden sein – aber wir wissen auch, wie fragil diese Situation ist. Verschiedene Mutationen sind bereits im Landkreis nachgewiesen worden. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Infektionsgeschehen in den nächsten Wochen entwickelt. Hier ist die Verantwortung jedes einzelnen Mitbürgers gefragt, sich weiter an die Hygiene- und Abstandsregeln zu halten.

Sie haben in den vergangenen zwölf Monaten ungezählte Covid-Patienten behandelt. Verfolgen Sie deren Schicksal weiter? Viele leiden ja noch monatelang an den Folgen...

Als HNO-Arzt habe ich insbesondere Kontakt zu Patienten, die unter der Geruchsstörung nach einer Covid-Infektion leiden. Hier zeigt sich, dass diese Schäden die Lebensqualität der Patienten über einen längeren Zeitraum deutlich einschränken.

Was haben Sie die vergangenen zwölf Monate gelehrt?

Wie wichtig das regelmäßige Screening von Mitarbeitern ist, um unentdeckte Infektionen aufzudecken und so Patienten und Beschäftigte zu schützen. Wir führen nach wie vor regelmäßig Abstriche bei unseren Kollegen durch und freuen uns über die hohe Bereitschaft, sich testen zu lassen.

Sie selbst haben sich auch impfen lassen. Wie begegnen Sie Impf-Skeptikern?

Als HNO-Arzt bin ich mit den Patienten im direkten Kontakt und einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt. Wäre ich infiziert, würde ich ein hohes Risiko für meine Patienten darstellen. Für mich war deshalb selbstverständlich, mich impfen zu lassen. Je schneller alle geimpft sind, desto eher haben wir eine Herdenimmunisierung und können die Pandemie durchbrechen. Ich kann daher nur jedem empfehlen, sich impfen zu lassen.

Gehen wir mal davon aus, dass wir im Sommer wieder ein einigermaßen freies Leben führen dürfen: Worauf freuen Sie sich?

Ich bin nicht so optimistisch. Ich glaube nicht, dass wir einen normalen Sommer erleben werden. Es wird – aus gutem Grund – nach wie vor deutliche Einschränkungen geben. Ich freue mich aber schon sehr darauf, wieder mit Freunden in den Bergen Mountainbike zu fahren und den Abend in einer Alm ausklingen zu lassen.

Interview: Stefanie Zipfer

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare