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Zu gut für die Tonne: der – schon ziemlich leere – Kühlschrank im AEZ.

Statt sie wegzuwerfen

Supermarkt verschenkt abgelaufene Lebensmittel - mit überraschendem Effekt

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Im Durchschnitt wirft jeder Deutsche rund 80 Kilogramm Lebensmittel jedes Jahr in die Mülltonne. Ein Dachauer Supermarkt will dagegen etwas tun – mit einem öffentlichen Kühlschrank. Doch es gibt offenbar einen Gewissenskonflikt.

Dachau– Sie nimmt eine Zehnerpackung Eier aus dem Kühlregal – ohne zu bezahlen. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist in wenigen Tagen erreicht: „Ich brauche gerade Eier, und dann ist das ganz praktisch hier“, sagt die Rentnerin. „Andere Supermärkte könnten das auch machen“, dann huscht sie schnell weiter.

Im AEZ im Gewerbegebiet Dachau-Ost steht seit Kurzem ein öffentlicher Kühlschrank mit Lebensmitteln, deren Mindesthaltbarkeitsdatum am aktuellen Tag oder in wenigen Tagen ist. Eigentlich eine gute Sache, aber es gibt offenbar einen Gewissenskonflikt. Denn wer darf sich an dem Regal bedienen?

Das „Gratis Food Share Regal (englisch Lebensmittel- teilen-Regal) gibt es bereits im AEZ Buchenau und in Pullach und seit kurzem in Dachau. „Wir wollen dem Trend entgegensteuern, dass so viele Lebensmittel weggeworfen werden“, sagt Jill Klotz, Geschäftsführerin der AEZ-Gruppe.

Das Regal ist zweigeteilt, im Kühlregal stehen Molkereiprodukte, im Holzregal daneben gibt es Nudeln, Konserven oder Äpfel mit Druckstellen. Alle sollen von dem Regal profitieren, sagt Klotz. Doch die Hürde bleibt.

Für die meisten Verbraucher ist es ein ungeschriebenes Gesetz: Hat das Lebensmittel das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) überschritten, darf man es nicht mehr essen. Manche zweifeln schon, wenn sie den Joghurt am selben Tag essen, an dem er „abläuft“. Ein Trugschluss: Denn das MHD bedeutet nicht, bis zu diesem Datum muss der Joghurt oder das Müsli unbedingt verbraucht werden, sondern bis zu diesem Tag ist das Produkt – mindestens – haltbar. Das Selbstbedienungsregal neben den Kassen des Dachauer AEZ soll das wieder bewusst machen.

Das Regal komme bei den Kunden gut an, sagt Jill Klotz: „Jeder kann selbst entscheiden, ob er sich etwas aus der Food Share Station nehmen möchte oder nicht.“

Als Christine Baur, 63, Rentnerin aus Altomünster, das Regal nach dem Einkauf entdeckt, ist es schon fast leer: Im Kühlschrank sind noch drei 200-Gramm-Plastikschalen mit sahniger Thunfisch- und Peperoni-Creme, das Mindesthaltbarkeitsdatum ist der heutige Tag: „Wenn man das heute oder morgen isst, ist das doch kein Problem“, sagt sie. Sie nimmt sich aber trotzdem nichts davon, sie habe ja schon alles eingekauft.

Heutzutage wirft jeder etwa 80 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr in die Tonne, ein Großteil davon ist aber noch genießbar, wie das Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz mitteilt. Einige Lebensmittel davon liegen über dem Mindesthaltbarkeitsdatum, die meisten Supermärkte werfen sie vorher in die Tonne.

Eine Alternative für die Tonne ist das Food Share Regal: „Ich finde, das ist eine tolle Idee, weil viele Lebensmittel halten ja noch viel länger, zum Beispiel Mehl, Salz oder Zucker“, sagt Christine Baur.

Und zugreifen darf jeder – ohne ein schlechtes Gewissen, sagt Geschäftsführerin Klotz: „Wir wollen wachrütteln: Leute das sind Lebensmittel, und die wirft man nicht einfach so weg.“

Dabei gehe es aber nicht um die Versorgung der Bedürftigen – das sei Aufgabe der Tafel, sagt Klotz.

Anna Schwarz

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