+
Entblößt vor zwei Mädchen: Deshalb stand ein 69 Jahre alter Mann vor Gericht.

Gerichtsverhandlung

Ein pädophiler Ehrenmann?

Dachau/Neufahrn - Er ist Vater von zwei erwachsenen Kindern, in der Kirche aktiv und bezeichnet sich als ehrenhaften Staatsbürger. Ein 69-Jähriger aus dem Landkreis Dachau, bereits vorbestraft wegen sexuellen Missbrauchs, stand nun vor Gericht, weil er sich vor zwei minderjährigen Mädchen entblößt hatte.

Im Neufahrner Schwimmbad im Landkreis Freising hat sich der Rentner (69) aus dem Landkreis vor zwei minderjährigen Mädchen entblößt. Der offenkundig pädophile Exhibitionist ist Wiederholungstäter. Wegen sexuellen Kindsmissbrauchs in vier Fällen war der im Landkreis Dachau lebende Mann bereits 2005 zu 14 Monaten Bewährung verurteilt worden. Am Nachmittag des 2. Juli 2016 vergnügten sich die neun- und zehnjährigen Mädchen im Warmwasserbecken des Schwimmbads. Durch Grimassen zog der Angeklagte ihre Aufmerksamkeit auf sich und entblößte sich. Laut Staatsanwaltschaft ließ er von den Mädchen so bald nicht wieder ab. An seiner Badehose soll der Pensionär für längerer Zeit herumgefingert haben.

Dem Gericht präsentierte sich der Angeklagte selbstbewusst als guter Kerl mit hohem Gerechtigkeitsempfinden, als ehrenhaften Staatsbürger, der Mitmenschen in seiner Heimatgemeinde als Vorbild diene. Der 69-Jährige ist in der Kirche aktiv, besetzt einen Posten in der Kirchenverwaltung und ist eigenen Angaben zufolge zusätzlich ehrenamtlich engagiert. Dem Richter teilte er mit, einer Familie sozial engagierter Menschen anzugehören.

Familie scheint dem Angeklagten wichtig. Ehefrau, seine beiden erwachsenen Kinder und einen guten Freund bezieht er mit ein in den Prozess der Aufarbeitung seiner Tat. Keine zwei Wochen nach dem Vorfall in Neufahrn trat der 69-Jährige eine ambulante Therapie an.

An die Familien seiner Opfer hatte sich der Angeklagte ebenfalls gewandt. Er bereue seine Tat aufrichtig, versicherte er: „Ich würde das gern wieder gutmachen.“ Im Sinne des von Richtern immer wieder gern gesehenen Täter-Opfer-Ausgleichs habe er den Familien eine Entschuldigung angeboten. Dem Schreiben seien ein Attest seines Therapeuten sowie zwei Schecks über jeweils 1000 Euro beigefügt worden. Dass die Familien ablehnten, sich nicht mal bei ihm rührten, will dem Mann nicht in den Sinn.

Auf eine verquere Weise sieht sich der Rentner durch seine Tat selbst geschädigt, in jedem Fall angemessen bestraft. Als ärgste Strafe überhaupt benannte er den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs. „Sie müssen sich vorstellen“, sprach er Richter Boris Schätz direkt an: „Es gibt tatsächlich noch intakte Familien.“ In diese heile Welt sei der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs geplatzt.

Womöglich ist es diese Einstellung, die es den Familien schwer macht, eine Entschuldigung zu akzeptieren. Die Welt der Mädchen in die der Rentner platzte, ist mit Sicherheit nicht mehr heil. Folgeschäden sind nicht auszuschließen. Der 69-Jährige verwies auf seine Ehrenämter, verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, das zu erwartende Urteil möge seinem ehrenamtlichen Tun keinen Riegel vorschieben. Geldstrafen über 90 Tagessätze finden Eingang ins Führungszeugnis.

Schätz blieb knapp unterhalb dieser Grenze und verurteilte den Angeklagten zur Zahlung von 6750 Euro (90 Tagessätze zu 75 Euro). Trotz Therapie, dem Bemühen um einen Ausgleich mit den Opfern und dem Umstand, dass er den Mädchen durch sein Geständnis einen Auftritt in dem Prozess ersparte, sei mehr nicht drin gewesen, so Schätz. Im Gegenteil: Als Wiederholungstäter möge der Rentner das Urteil als Entgegenkommen werten.

Dem Rentner nämlich war es bei weitem nicht gelungen, alle Bedenken auszuräumen: Vom Gericht zur Vorstrafe befragt, behauptete er, seinerzeit unangemessen bekleidet, ebenfalls in einem Schwimmbad, vier jungen Mädchen über den Weg gelaufen zu sein. Dafür habe er eine Haftstrafe von 14 Monaten bekommen. Als Ersttäter dafür gleich 14 Monate? „Das glaube ich Ihnen nicht“, sagte Schätz. Eher wolle sich der Rentner seine Neigungen nicht eingestehen. „Es gibt da ein Problem“, ist der Richter überzeugt. Ob Ehrenmann oder pädophiler Exhibitionist: Mit seinem Therapeuten sollte der Angeklagte sein Problem alsbald erforschen.

Andreas Sachse

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

„Ohne Tiere wären wir ein Varieté“
Er ist dem Zirkus schon sein Leben lang verbunden: Stefan Cordi gastiert derzeit mit seinem Zirkus Althoff in Dachau. Mit dabei sind etliche Akrobaten und viele Tiere. …
„Ohne Tiere wären wir ein Varieté“
Schwierige Rettung nach Überschlag
Ein Überholversuch auf der A8 endet mit mehrfachem Überschlag auf der Straße. Zwei Personen sind dabei schwer verletzt worden. Die Rettung des Fahres war schwierig.
Schwierige Rettung nach Überschlag
Ein würdiger Ausdruck des Vermächtnisses
Seit den 1980er Jahren kämpfte Max Mannheimer gegen das Vergessen des Holocausts. Dafür ist ihm die Stadt Dachau dankbar – und setzt ein Zeichen gegen das Vergessen des …
Ein würdiger Ausdruck des Vermächtnisses
Jetzt wird das Marktplatzkonzept vorgestellt
Zwei Klausuren, zwei Gesprächsrunden mit den Anwohnern, eine Reihe Expertengespräche. In Sachen neuer Marktplatz in Indersdorf ist einiges geschehen. Jetzt will die …
Jetzt wird das Marktplatzkonzept vorgestellt

Kommentare