Verworrener Fall

Punk-Mädchen vergewaltigt? So hat das Gericht entschieden

Ein Punker soll eine damals 14-Jährige vergewaltigt haben, das Mädchen ist nach seiner Aussage untergetaucht. Das Schöffengericht Dachau hat nun eine Entscheidung in dem verworrenen Fall getroffen. 

Dachau– Als die Gerichtsprotokollantin die DVD einlegt und den Bildschirm herumdreht, ist im Gerichtssaal kein Laut mehr zu hören. Die ersten Bilder der Aufzeichnung, die am 27. Juli 2015 in einem schmucklosen Gerichtszimmer aufgenommen worden waren, zeigen eine beinahe zerbrechlich wirkende junge Frau. Sie sitzt auf einer lachsfarbenen Couch, den Blick zu Boden gerichtet. In den folgenden 70 Minuten ist die 17-Jährige den nicht enden wollenden Fragen einer Ermittlungsrichterin ausgesetzt. Die Richterin ist penibel, sie möchte keine Fehler machen, nichts übersehen.

Denn es geht um viel, um das Verbrechen der Vergewaltigung. Wenige Wochen vor der Vernehmung hatte die junge Frau einen heute 26-jährigen Dachauer angezeigt, der sie 2012 in sein Zimmer in einem einsamen Haus in Neuhimmelreich gelockt und sich an ihr vergangen haben soll. Drei Jahre lang hatte das damals 14-jährige Mädchen geschwiegen, dann war sie mit Unterstützung eines Freundes zur Polizei gegangen.

In den vollkommen stillen Saal des Dachauer Amtsgerichts hinein klingt die Aussage der jungen Frau. Immer wieder schluchzt sie oder verstummt für sehr lange wirkende Sekunden. Doch ihre Schilderungen sind klar. Sie kommen von einer intelligenten, charismatisch wirkenden Persönlichkeit. Sie sei von einem Jugendheim davongelaufen und habe sich der Münchner Punkszene angeschlossen. Sie habe einen Schlafplatz gesucht, und der Angeklagte habe ihr einen in seinem Zimmer angeboten. Mit der S-Bahn sei es vom Szenetreffpunkt Marienplatz hinaus nach Dachau gegangen. Auf dem Bett im Zimmer habe der Angeklagte begonnen, sie zu streicheln. Dann habe er sie ausgezogen, sich auf sie gelegt und den Geschlechtsverkehr vollzogen. Doch sie sagte auch, dass sie sich nur „ein bisschen gewehrt“ und den Angeklagten „versucht habe wegzudrücken“. „Am Ende habe ich mich eingerollt und auf den Morgen gewartet“, so die junge Frau. Als der Morgen angebrochen war, seien sie mit der S-Bahn zurück nach München zu den anderen Punks gefahren. „Alle waren so nett zu ihm und mochten ihn. Da habe ich mich nicht getraut, etwas zu sagen.“

Das Opfer ist nach der Vernehmung in München untergetaucht

Nach ihrer Vernehmung hat die junge Frau, die mittlerweile 19 Jahre alt ist, nie wieder mit Ermittlungsbehörden oder mit einem Richter gesprochen. Sie ist in München untergetaucht und nicht mehr zu fassen. Die Strafprozessordnung erlaubt es zwar, dass ermittlungsrichterliche Vernehmungen in einen Prozess einfließen dürfen. Doch es ist zumindest beim Schöffengericht Dachau ein höchst ungewöhnlicher Vorgang.

Als die Übertragung endet, ist auch die Beweisaufnahme vorbei. Der Angeklagte war bereits an einem früheren Verhandlungstag befragt worden. Er hatte ausgesagt, die junge Frau nie angerührt zu haben (wir haben berichtet). Andere Zeugen gab es nicht. Es stand also Aussage gegen Aussage.

Es spreche viel dafür, dass es sich so abgespielt habe, wie es die junge Frau geschildert habe, meinte die Staatsanwältin. Trotzdem plädierte sie auf Freispruch. Kurz danach folgte die Bestätigung durch das Schöffengericht. Der Vorsitzende Lukas Neubeck erklärte, warum: Es sei nicht mit letzter Sicherheit nachweisbar, dass der Angeklagte den entgegenstehenden Willen der jungen Frau mit Gewalt habe brechen wollen.

zim

Rubriklistenbild: © dpa

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