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Einbahnstraße: „Nix Halbes und nix Ganzes“

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Von: Stefanie Zipfer

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Linienbus
An die Geisterbusse in der Altstadt müssen sich die Autofahrer gewöhnen. Die Linienführung der Busse wird nämlich nicht geändert, beschlossen die Stadträte. hab © Norbert Habschied

Einbahnregelung in der Dachauer Altstadt: Die Probephase läuft. Nach wie vor gibt es Befürworter und Kritiker, die befinden: „Nix Halbes und nix Ganzes.“

Dachau – Solange die Busse in beiden Richtungen durch die Altstadt fahren dürfen, ist die seit Herbst eingerichtete Einbahnstraße eigentlich keine richtige Einbahnstraße. Darin sind sich die Stadträte einig. Aber was wäre die Lösung? Eine Neuregelung der Buslinien? Die Rückkehr zum früheren Begegnungsverkehr? Eine Fußgängerzone?

Seit Herbst gibt es in der Altstadt eine von der Ludwig-Thoma- bis zur Brucker Straße verlaufende Einbahnstraße. Wie berichtet, sind nicht alle Anwohner davon begeistert, es gibt Unterschriftenlisten sowie eine Klage gegen die Regelung. Doch es gibt auch Befürworter, die sich über die Verkehrsberuhigung freuen. Oberbürgermeister Florian Hartmann hatte zuletzt im Gespräch mit der Heimatzeitung betont, das Thema leidenschaftslos zu sehen und das Ende der einjährigen Probephase abzuwarten, um sich abschließend eine Meinung darüber zu bilden, ob und wenn ja wie der Verkehr künftig durch Dachaus gute Stube fließen soll.

Dennoch ging es am Dienstag im Umwelt- und Verkehrsausschuss des Stadtrats erneut leidenschaftlich zur Einbahnstraßen-Sache. Anlass der Diskussion war die Frage, wie echt eine Einbahnstraße ist, wenn sich dort im Minutentakt die Stadtbusse der Linien 719, 720 und 722 begegnen?

Für die CSU-Stadträte war die Antwort klar: „Das ist keine richtige Einbahnstraße, das macht keinen Sinn!“ Laut Sprecher Peter Strauch hat man nun „das Gleiche wie vorher, nur dass die Autos nur noch in eine Richtung fahren“. Eine attraktive Altstadt mit Aufenthaltsqualität, mit mehr Freiflächen und einer echten Verkehrsberuhigung funktioniere daher nur, wenn man den Begegnungsverkehr der Busse beende. Peter Gampenrieder (ÜB) war ähnlicher Meinung. Die aktuelle Situation sei „nix Halbes und nix Ganzes“.

Doch was macht die Altstadt attraktiv? Sind es tatsächlich nur nette Schanigärten und ruhige Sitzbankerl? Nein, fand Verkehrsreferent Volker C. Koch (SPD): „Zur Attraktivität gehört auch, dass die Menschen auf direktem Weg in die Altstadt kommen!“ OB Florian Hartmann warnte daher vor „Schnellschüssen“; die Busse nur noch in einer Richtung fahren zu lassen, sei „kein gutes Vorgehen für die Altstadt“.

Belegen konnten Koch und Hartmann dies mit Zahlen. Im Auftrag der Stadtwerke hatte das Münchner Ingenieurbüro Gevas nämlich eine Studie angefertigt, die prüfen sollte, inwiefern sich das Bussystem der Ringlinien auch in einer Einbahnrichtung durch die Altstadt führen ließe. Das Ergebnis der Prüfung war: Die Reisezeiten der Fahrgäste würden verlängert, je nach Variante der Haltestellenverlegung – wobei die Haltestellen der Altstadt zuletzt für teures Geld behindertengerecht ausgebaut worden waren – müssten die Fahrgäste umsteigen oder Fußwege in Kauf nehmen; und auch für die Stadtwerke würde es teuer, da sie einen zusätzlichen Bus und weitere Fahrer bräuchten. Gevas-Vertreter Erik Meder fasste es daher so zusammen: Wenn das Ziel der Stadt sei, den Nahverkehr attraktiver zu machen, dann „würde die Einbahnregelung für Busse diesem Ziel entgegenwirken“.

Denn auch wenn bedingt durch Corona die Nachfrage nach den Bussen der Linie 719 zuletzt um 25 Prozent abgenommen habe, sehe er bei den Linien 720/722 „Potenzial“, so Meder. Schon jetzt würden 46 Prozent aller Stadtbus-Nutzer werktags mit den Linien 719, 720 und 722 die Altstadt anfahren. Zwei Drittel davon würden die Linie 719 nutzen, ein Drittel die 720/722. „Nach Bewältigung der Pandemie-Auswirkungen dürfte die Fahrgastnachfrage bei der Linie 719 wieder mindestens Werte von 2018 erreichen“, so Meder. Bei den Linien 720/722 könne aufgrund der Einführung des Zehn-Minuten-Takts „perspektivisch von mindestens 50 Prozent höheren Fahrgastzahlen ausgegangen werden“.

Die Polizei zieht positive Bilanz

Die im Oktober eingeführte Einbahnstraßenregelung durch die Altstadt wird viel diskutiert – und von der Polizei genau beobachtet. Gestern veröffentlichte die Dachauer PI diese 100-Tage-Bilanz:

- Die Zahl der Falschfahrer nahm nach kurzer Zeit deutlich ab.

- Für den Schwerverkehr, der schon vorher von der Konrad-Adenauer- in Richtung Augsburger Straße in eine Richtung geleitet wurde, ist es nun einfacher, die Einbahnregelung zu erkennen.

- Behinderungen durch den Lieferverkehr konnten reduziert werden, da parkende Lieferfahrzeuge nun leichter umfahren werden können.

- Der Durchgangsverkehr auf Seite der Augsburger Straße über den Karlsberg zur Münchner Straße ist nicht mehr existent. Dies führt zu einer deutlichen Verkehrs- und Lärmreduzierung im Altstadtbereich.

- Der Schulweg der Kinder ist nun sicherer: Die Gefahrenstelle Zollhäuschen/Karlsberg ist entschärft, und auch alle anderen Querungen sind deutlich gefahrenreduzierter.

- Der Radverkehr ist von der Einbahnregelung ausgenommen und hat nun mehr Platz. Den Radlern und ihrer Sicherheit kommt die Einbahnregelung somit zugute.

- Auch beim Ein- und Ausparken hat sich die Situation verbessert. Der Parkende kann sich besser konzentrieren, da er in der Regel nur auf einen Verkehrsstrom achten muss.

- Durch Einführung der Einbahnregelung wurde das Überqueren der Fahrbahn für Fußgänger deutlich erleichtert und ihre Sicherheit damit deutlich erhöht.

- Im Bereich der Einbahnstraße zwischen Konrad-Adenauer- und Augsburger Straße gab es zwischen 1. Oktober 2020 und 5. Januar 2021 insgesamt zehn Unfälle – genauso viele wie im selben Zeitraum ein Jahr später. In Anbetracht der Tatsache, dass die Stadt im Dezember 2020 im Lockdown war, bedeutet die gleichbleibende Unfallzahl eine Verbesserung, da 2021 trotz mehr Verkehr die Unfallzahlen nicht anstiegen.

- Fazit: Die Polizei begrüßt die Einführung der Einbahnregelung im Rahmen des Probebetriebs. Die Aspekte „Sicherheit“ und „Leichtigkeit des Verkehrs“ haben schon jetzt profitiert! dn

Thomas Kreß (Grüne) plädierte daher wie Koch und Hartmann dafür, die aktuelle Buslinienführung beizubehalten. „Wir wollen die Menschen aus den Autos in den Bus bringen“, dafür solle man die Attraktivität des ÖPNV „nicht beschneiden“. Auch Michael Eisenmann (Bündnis für Dachau) nannte das aktuelle Bussystem „perfekt für Dachau“. Mittel- bis langfristig wolle das Bündnis ohnehin eine Fußgängerzone in der Altstadt, und dafür „ist ein guter ÖPNV nötig“!

Doch selbst eine Fußgängerzone dürfte nicht ohne Anbindung an den Busverkehr funktionieren, kündigte OB Hartmann an. Die Straßen der Altstadt seien zwar „ausgelegt auf Pferdefuhrwerke und Postkutschen“, doch sei aufgrund der „Hanglage und der Topographie“ gerade für mobilitätseingeschränkte Personen eine gute Erreichbarkeit wichtig.

Gegen die Stimmen der CSU stimmte der Ausschuss daher am Ende für die Beibehaltung der jetzigen Regeln. Peter Gampenrieder gab seinen Kollegen am Ende aber eine Denkaufgabe mit: „Grundsätzlich müssen wir uns einfach überlegen, ob die Altstadt künftig noch mit dem Auto erreichbar sein soll. Oder ob wir ganz auf die Aufenthaltsqualität setzen.“ Jetzt, und da widersprach niemand, „ist der Zustand einfach extrem unbefriedigend“.

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