Erfolgreiches Lerntandem: Der Diplom-Ingenieur Cumhur Esin (links) sorgt dafür, dass Friseur-Azubi Gool Jafari die Gesellenprüfung packt.
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Erfolgreiches Lerntandem: Der Diplom-Ingenieur Cumhur Esin (links) sorgt dafür, dass Friseur-Azubi Gool Jafari die Gesellenprüfung packt.

Landkreis sucht

Im Tandem zur Gesellenprüfung

  • Stefanie Zipfer
    vonStefanie Zipfer
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„Der Stoff ist nicht das Problem, es ist die Sprache!“ Damit Flüchtlinge mit Migrationshintergrund nicht abgehängt werden, sucht der Landkreis Ausbildungsbegleiter.

Landkreis/Karlsfeld – Seit einem halben Jahr läuft im Landkreis Dachau ein ziemlich pfiffiges Projekt, das mit seinem Titel „Ausbildungsbegleitung für Azubis mit Flüchtlingshintergrund“ wesentlich sperriger und bürokratischer klingt, als es tatsächlich ist. Wie damals berichtet, hatte sich der Integrationslotse im Landratsamt, Julius Fogelstaller, aufgemacht, um für fachlich und sachlich hoch engagierte Azubis, die aufgrund ihres Flüchtlingshintergrunds in der Berufsschule in Schwierigkeiten geraten waren, ehrenamtliche Helfer zu suchen. Diese sollten mit den jungen Leuten regelmäßig einerseits den Berufsschulstoff durchgehen, andererseits aber auch moralisch stützen und motivieren.

 In den meisten Fällen nämlich, so Fogelstaller, sei schlicht die Sprache das Problem: „Im Alltag sprechen die Azubis gut deutsch. Im Umgang mit der Fachsprache und in der Schule reichen die Sprachkompetenzen aber zum Teil nicht aus.“

 Angesichts des grassierenden Fachkräftemangels auch in der Region sieht der Integrationslotse mit seinem Projekt daher die Chance, sowohl jungen Menschen auf ihrem Weg in eine gesicherte Existenz zu helfen, als auch den Betrieben die händeringend gesuchten Arbeitskräfte zu vermitteln. Bislang konnte er 20 Ausbildungsbegleiter für diese Aufgabe begeistern – und weitere werden dringend gesucht! Vor allem in den Bereichen Lagerlogistik, Landschaftsgärtnerei, Maler, Bodenleger, Bäcker, Einzelhandelskaufmann, Friseur, Heizung und Sanitär sowie Zahnmedizinischer Fachangestellter sucht Julius Fogelstaller noch Ehrenamtliche, die bereit wären, junge Flüchtlinge zu unterstützen.

 Ein sogenanntes Lerntandem, das er zusammengebracht hat, lernt seit knapp drei Monaten fleißig miteinander: der 24-jährige Friseur-Azubi Gool Jafari, der im Jahr 2015 von Afghanistan nach Deutschland kam und nun in der Flüchtlingsunterkunft in Karlsfeld lebt, und der 40-jährige Diplom-Ingenieur für Werkstofftechnik Cumhur Esin. Jafari hatte 2017 in einem Echinger Friseursalon seine Ausbildung begonnen, die praktische Arbeit und der Kontakt zu den Kunden machte im Spaß. Im dritten Lehrjahr aber zeichnete sich ab, dass er die theoretische Abschlussprüfung an der Berufsschule nicht schaffen würde – er hörte auf.

 Esin arbeitet als Projektleiter im Automotiv-Bereich, normalerweise ist er beruflich viel unterwegs. Seit Corona jedoch hat er mehr Zeit – und da er in Karlsfeld lebt und er grundsätzlich ein Mensch ist, dessen Lebensmotto „geben und nehmen“ lautet, da habe er sich gedacht: „Das mache ich!“

 Für Gool Jafari ist die Unterstützung durch Esin, mit dem er sich nun jeden Samstagnachmittag im Schulungsraum der Karlsfelder Asylunterkunft trifft, ein derartiger Gewinn, dass er direkt zu seiner früheren Chefin ging und sie bat, es doch noch einmal versuchen zu dürfen. Die willigte gerne ein – im kommenden Juli muss Jafari an der Münchner Berufsschule nun zu seiner Gesellenprüfung antreten.

 Für den 24-Jährigen wie auch seinen „Nachhilfelehrer“ Cumhur Esin steht eigentlich außer Frage, dass er es schafft. Gool Jafari ist sogar so motiviert, dass er nach seiner bestandenen Prüfung vielleicht irgendwann auch die Meisterschule besuchen will. Denn der Stoff, also die Mathematik und die Chemie, sagt Ausbildungsbegleiter Esin, seien für den jungen Mann, der in Afghanistan nur sieben Schuljahre absolvieren durfte, nicht das Problem: „Es ist die Sprache.“

 Esin also erklärt ihm langsam – und mithilfe einer Übersetzungsapp – die Rechenwege und die Aufgabe, zeigt ihm wie Prozentrechnen und Preiskalkulationen funktionieren. Der studierte Ingenieur muss sogar etwas lachen, wenn er sagt, dass er „mitlernt“. Wer weiß, wofür ihm sein Einblick ins Friseurhandwerk eines Tages noch nutzen könnte?

 Wer Interesse hat,

als ehrenamtlicher Integrationslotse tätig zu werden, kann sich jederzeit bei Julius Fogelstaller im Landratsamt unter Telefon 0 81 31/74 18 75 oder E-Mail an julius.fogelstaller@lra-dah.bayern.de melden. Interessierte sollten kulturell offen sein, etwa zwei Stunden pro Woche Zeit aufbringen können und nach Möglichkeit aus einer ähnlichen Fachrichtung stammen.

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