Mutter mit Sohn bei Hausaufgaben
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Warum sperren sie unsere kerngesunden Kinder weg? Martina Jahnke mit ihrem Sohn Moritz beim Homeschooling, was bei der Dachauer Familie kaum möglich ist.

Corona-Quarantäne

Dachauer Eltern fühlen sich im Stich gelassen

  • Thomas Zimmerly
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Eltern von Kindern, die in den wegen eines Coronafalls in Quarantäne sind, üben Kritik am Kultusministerium. Ihr Vorwurf: Der Staat kümmere sich nicht um sie.

Dachau – Umsonst bezahlte Hortgebühren, immenser Stress beim Homeschooling, drohende Gehaltseinbußen, keine Rückerstattung für gebuchten Urlaub, Sorge um ihre gesunden Kinder, die wochenlang nicht mehr nach draußen dürfen. Und das Gefühl, dem Staat ist das alles egal. Eltern von Schülern der Grundschule Dachau-Ost, deren Kinder nach Schulschluss einen nahen Hort besuchen, machen aus diesen Gründen ihrem Ärger Luft. Wie berichtet, sind Schule und Hort geschlossen worden, nachdem ein Schüler am 1. Oktober positiv getestet worden war.

Insgesamt sind 58 Kontaktpersonen noch bis 14. Oktober in Quarantäne. Bisher sind alle Betroffenen zweimal getestet worden. Jeweils nur einen Tag später lag das Ergebnis vor. Wie der Hort die Eltern mittlerweile in einer E-Mail wissen ließ, ist „die zweite Testreihe auch negativ. Gott sei Dank sieht es so aus, als habe sich keiner angesteckt“. Zwar würden noch ein paar Ergebnisse fehlen, „aber hier hoffen wir jetzt auch auf ein negatives Ergebnis“, heißt es in der Mail.

Lob für Lehrer und Gesundheitsamt Dachau

An sich sind das gute Nachrichten für die vierköpfige Familie Jahnke. Sohn Moritz (8) besucht Schule und Hort. Dennoch haben die Jahnkes wegen der Quarantäne viele Probleme – und sind mächtig sauer. Mutter Martina (47) stellt klar, dass die Lehrer „total bemüht“ sind und das Gesundheitsamt „tut, was es kann“. Sie kritisiert allerdings das Kultusministerium und konfrontiert es mit Fragen.

Etwa: Wie steht es um die Hortgebühren (samt Essen)? Nach dem Lockdown im Frühjahr wurden diese den Jahnkes erlassen. Und jetzt? Sie müssen blechen, da die momentane Situation „unter ,höhere Gewalt’ fällt und auch unsere Ausgaben weiterlaufen und wir somit auf dieses Geld angewiesen sind“, teilte der Hort mit. Immerhin: Ein Viertel des Betrags für das Essen wird erstattet. Die Jahnkes können dies verschmerzen. Sanela Gafurovic (39), deren Sohn Elmedin (9) in dieselbe Klasse und Hort geht wie Moritz Jahnke, nicht.

Die alleinerziehende Mutter ist Verkäuferin in einem Lebensmittelmarkt. Monatlich 111 Euro Gebühr, plus 68 Euro fürs Essen sind für sie, bei der es am Ende des Monats „plus-minus Null ausgeht“, eine Menge Geld. Ihr Chef meinte, sie könne daheim bleiben; entweder ohne Bezahlung oder sie arbeite nach. „Ich lebe von meinem Lohn, dem Kindergeld und ein bisschen Unterhalt“, sagt Sanela Gafurovic. Die Konsequenz: Ihr bleibt nichts anderes übrig, als halbtags arbeiten zu gehen – und Elmedin allein zu Hause zu lassen. Verwandte, die sich um den Buben kümmern könnten, hat sie nicht. „Er ist sehr zuverlässig. Und wir sind ständig in Kontakt“, so die Mutter.

Wie alle Dachauer Quarantäne-Eltern muss Sanela Gafurovic mit ihrem Kind Homeschooling machen. Die Verkäuferin arbeitet sechs Stunden in Früh- oder Spätschicht. Gelernt wird dementsprechend vormittags oder nachmittags, was „sehr, sehr schwierig ist“, so Gafurovic.

Effektives Homeschooling unmöglich

Bei den Jahnkes ist effektives Homeschooling nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Mutter Martina und Vater Maik (51) machen beide seit Monaten Homeoffice. Der zweite Sohn Max (11) geht aufs Gymnasium. Moritz hat überdies eine Lesestörung. „Sie können nicht voll arbeiten und gleichzeitig Ersatzpädagoge sein“, sagt Martina Jahnke, die als Buchhalterin bei einer Versicherung angestellt ist. Sie spricht von einer „wahnsinnigen Doppelbelastung“. Der Stoff, den die Lehrer für den Heimunterricht ausgeben, ist sehr umfangreich. Für Moritz ist es unmöglich, die Aufgabenstellungen auf dem Handy oder dem Tablett-PC zu entziffern. Und den großen Laptop benötigt Vater Jahnke, ein IT-Fachmann.

Weitere Fragen, die Martina Jahnke an das Gesundheitsamt gerichtet hat, sind: Wie steht es um Fahrtkosten, als sie mit Moritz zum Testen kommen musste? Und kann sie die 73 Euro Versicherungsprämie für eine spezielle Covid-19-Reiserücktrittsversicherung vom Staat zurückfordern? Die Jahnkes haben für die jetzt anstehenden Herbstferien für zwei Tage Bayerischer Wald gebucht. Das Hotel verweigert die Rückzahlung der Übernachtungskosten. Die Jahnkes haben zwar für 100 Euro eine allgemeine Jahresreiserücktrittsversicherung abgeschlossen, doch die zahlt nicht bei Corona.

Das Landratsamt hat in Sachen Kostenentschädigung für Eltern „eine Anfrage an die Regierung gestellt“, so Sprecherin Katharina Gall. Eine Antwort steht jedoch noch aus.

Große Sorgen machen sich die Eltern um die schulische Zukunft ihrer Kinder. Denn: Bei der derzeitigen restriktiven Landespolitik kann es immer wieder zu Quarantänephasen kommen. So sind die Jahnkes drauf und dran, „den Moritz wieder in die zweite Klasse zu stecken“, so Martina Jahnke.

Petra Schulz (Name geändert), deren Sohn ebenfalls die dritte Klasse der Grundschule Dachau-Ost sowie den Hort besucht, ist ebenfalls sehr beunruhigt. Auch sie hatte „größte Schwierigkeiten“, Homeschooling und Job unter einen Hut zu bringen. Die Alleinerziehende fürchtet, dass man ihrem Sohn bei der Rückkehr in den Unterricht das Gleiche abverlangen wird wie den Schülern, die nicht in Quarantäne waren. Sie fragt sich, „ob auf ihn Rücksicht genommen wird“.

Ein letzter Kritikpunkt aller Mütter ist: Warum sperrt man ihre kerngesunden Kinder weg. „Ihm fehlen total seine Freunde“, sagt etwa Sanela Gafurovic. Und wenn die Quarantäne aufgehoben ist und Elmedin wieder auf den Spielplatz darf? „Ihm ist es peinlich, zu sagen, ich war in Quarantäne, weil die anderen denken würden, er ist positiv.“

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