Verneigen vor den Opfern: Dachaus OB Florian Hartmann (Mitte) mahnte, dass Antisemitismus und Nationalismus seit 1945 keineswegs verschwunden sind.
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Verneigen vor den Opfern: Dachaus OB Florian Hartmann (Mitte) mahnte, dass Antisemitismus und Nationalismus seit 1945 keineswegs verschwunden sind.

Gedenkfeier am Todesmarsch-Mahnmal in Dachau – Zeitzeuge Abba Naor reist aus Israel an

Erinnerung an die Opfer der Todesmärsche

Dachau – „Wir sind eigentlich nie befreit worden, das Lager ist immer noch da!“Die Sätze, die Abba Naor am vergangenen Samstag vor dem Todesmarschmahnmal an der Theodor-Heuß-Straße in Dachau sprach, gingen den Zuhörern durch Mark und Bein und rührte sie zu Tränen. Das Grauen, das der heute 93-Jährige damals miterleben musste, ist eigentlich nicht in Worte zu fassen.

Trotzdem erzählt Naor, was sich damals vor 76 Jahren abgespielt hat, als KZ-Häftlinge kurz vor Kriegsende noch auf die so genannten Todesmärsche geschickt wurden.

„Wir waren halb tot, als wir das Lager verlassen haben, wir hatten keine Verpflegung und kein Wasser. Wer nicht mehr laufen konnte, wurde erschossen“, schilderte Naor die schrecklichen Lebensstunden der Menschen, die diese Qualen unter der Nazi-Herrschaft erleiden mussten.

Augenzeugenberichte sprechen auch vom „zum Himmel schreienden Elend“ und von „wandernden Skeletten“. Dieses Motiv griff der Bildhauer Professor Hubertus von Pilgrim auf, der das Mahnmal vor 20 Jahren gestaltet hat. Er war bei der Gedenkfeier anwesend.

Abba Naor berichtet über Gräueltaten, bedankt sich für Zusammenarbeit

Abba Naor selbst war einer dieser Häftlinge, die auf Todesmärsche geschickt wurden. Er musste mit ansehen, wie Mithäftlinge aus einem toten Pferd Fleischstücke herausrissen, um den unvorstellbaren Hunger zu stillen – und deshalb von Aufsehern erschossen wurden. Er erzählt aber auch von Frauen in Bad Tölz und Fürstenfeldbruck, die versuchten, den Häftlingen Brot und Wasser zu geben und von NS-Schergen weggejagt wurden. Er selbst habe vor Hunger Gras gegessen, sagte der heute 93-Jährige, der für die Gedenkfeier extra aus Israel angereist war.

Noch berührender als seine Schilderungen der Gräueltaten sind Naors Worte der Versöhnung und des Dankes an die Deutschen, die damals wie heute helfen wollten und wollen. Naor bedankte sich vor dem Todesmarschmahnmal bei der Stadt Dachau für die gute Zusammenarbeit, sowohl auf dem schulischen als auch auf dem medizinischen Sektor. „Dank Ihrer Spenden hat das Kinderkrankenhaus in meiner Stadt einen Spielplatz bekommen. Das werden die Bürger in Israel nie vergessen“, betont der rüstige 93-Jährige, der seine beiden Brüder und seine Mutter im KZ verloren hat. Aber auch: „Dass es jetzt wieder einen neuen Hass auf Juden gibt – das habe ich mir nicht vorstellen können. Lasst den Hass weg!“

OB Florian Hartmann, Pfarrer Björn Mensing und Dr. Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, die krankheitsbedingt der Gedenkfeier fernbleiben musste, deren Grußwort aber verlesen wurde, sprachen sich gegen Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus aus – und gegen das Vergessen oder gar das Leugnen des Holocausts. Gerade in Coronazeiten hätten Verschwörungstheorien zu neuen antisemitischen Tendenzen geführt, so Hartmann. Er ging sogar noch einen Schritt weiter: „Antisemitismus und Nationalismus sind seit 1945 nie verschwunden.“ Er forderte die Anwesenden auf, hier entschieden entgegenzutreten.

Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkfeier von Florian Ewald (Klarinette), Gudrun Huber (Bratsche) und Verena Ewald (Cello) mit Werken von Ilse Weber, die im KZ Theresienstadt Lieder für Kinder komponierte, und des Komponisten Gustav Mahler. Die Werke der beiden jüdischen Künstler galten bei den Nazis als „entartet“.

Bereits vergangene Woche hatte in der KZ-Gedenkstätte ein stilles Gedenken an den 76. Jahrestag der Befreiung stattgefunden.

sim

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