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Familienfest mit Freunden: (vorne hockend) die Urenkel Samuel und Noah Faessler, (erste Reihe, sitzend von links) Oberbürgermeister Florian Hartmann, Eva Hönigschmid, Landrat Stefan Löwl, Schwester Elija Boßler, (zweite Reihe, stehend) Schwiegerenkelin Nadine Faessler mit Urenkelin Nora auf dem Arm, Enkel Andreas Faessler, Enkelin Judith Faessler mit ihrer Nichte Sara und Tochter Eva Faessler.

„Er ist gestorben, aber er ist nicht weg“

Familienfeier im Dachauer Kloster Karmel zum Gedenken an Max Mannheimer

Eine herzliche und heitere Familienfeier war das Gedenken an Max Mannheimer am Abend vor dessen 100. Geburtstag. Nichts Steifes, nichts Dramatisches. Stattdessen viele persönliche, ganz private Erinnerungen, die wie Liebeserklärungen an diesen außergewöhnlichen Menschen klangen. Der offizielle Mannheimer als Zeitzeuge und langjähriger Präsident der Lagergemeinschaft Dachau war zwar auch präsent. Aber als „der Max“ war er mitten drin in dieser Gemeinschaft seiner Familie und Freunde.

„Der Max“ also, erzählte Schwester Elija Boßler, „hat ja praktisch einen Zwilling“. Das ist Eva Hönigschmid, die just am gleichen Tag und im gleichen Jahr wie er in Mähren geboren ist. Sie lebt seit vielen Jahren in Eisolzried. Von Max Mannheimer hatte sie an ihrem – und somit auch seinem – 90. Geburtstag erfahren. Es entstand eine tiefe Freundschaft. Und jetzt feierte sie strahlend das Gedenken an ihren Freund und freute sich auf den eigenen 100. Geburtstag am nächsten Tag.

Die Freude über die vielen Gäste im Kloster Karmel Heilig Blut sprach auch Schwester Irmengard Schuster aus. Es seien viele da, die ihn kannten, und die ihn sehr gemocht hätten. So auch Oberbürgermeister Florian Hartmann, für den Mannheimer ein „Vorbild war mit seiner Offenheit.“ Sein Tod im September 2016 sei ein großer Verlust für Dachau gewesen. „Er war ein Mahner und Versöhner. Und er hat uns gelehrt: Wir dürfen nicht wegsehen.“

„Max Mannheimer ist auch weiter unter uns, er ist gestorben, aber nicht weg.“ Landrat Stefan Löwl sieht eine Verpflichtung für sich selber, wenn Mannheimer sagte: „Ihr seid nicht dafür verantwortlich, dass es passiert ist. Aber ihr seid verantwortlich dafür, dass es nie wieder passiert.“ Und, im Blick auf die Wahl von FDP-Mann Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten in Thüringen mithilfe der AfD wenige Stunden vorher, sagte Löwl: „Das darf kein Dammbruch sein.“

Auch Diakon Klaus Schultz von der Versöhnungskirche sprach diesen „unglaublichen Vorgang“ an und fragte sich: „Was hätte er wohl gesagt?“ Er erinnerte sich an Mannheimer, wie er kämpferisch und höchst aktiv, aber auch charmant und spitzbübisch war. Sein Humor blitzte in den schrecklichsten Erinnerungen auf, so wie bei seiner Häftlingsnummer. Befragt, warum denn diese fünf Zahlen auf seinem Unterarm tätowiert seien, sagte er: „Das ist die Telefonnummer von einem sehr guten Freund, den ich nicht vergessen will.“

Dr. Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ Gedenkstätte, hatte jahrelang viel mit Mannheimer zusammen gearbeitet, etwa bei der Neugestaltung der neuen Zugänge. Sie betonte seinen unermüdlichen Einsatz: „Wir vermissen sie, die täglichen Anrufe. Er ist immer noch ein Teil von uns.“

Einen emotionalen Höhepunkt schuf Judith Faessler mit ihrer Gedenkrede über ihren Großvater Max. Ihre ganz privaten, liebevollen Erinnerungen berührten. Drei Tage vor seinem Tod im Krankenhaus hatte sie ihn gefragt, ob er sich aufsetzen wolle, er huste so. „Ach, das ist nur ein Reizhusten, ich habe ja ansonsten keine Reize mehr.“ Er überspielte viel Belastendes mit Humor, er nahm sich selbst nicht zu ernst, er war optimistisch und voller Lebenslust, erzählte sie. Wie sehr ihn seine Familie geliebt hat, wurde sehr deutlich in ihrer Rede. „Und auch er hat uns geliebt, bedingungslos!“ Ins Karmel-Kloster waren noch außer seinen Enkeln seine Tochter Eva Faessler zur Gedenkfeier gekommen. Und seine Urenkel. Der bald zwölfjährige Samuel erinnerte sich an „lustige Geschichten“, die der Uropa immer erzählte. Und dem knapp 17-jährigen Noah war noch bestens im Gedächtnis, wie der 91-Jährige einmal völlig überraschend beim Fußballspielen der Jungs den Ball mit einem perfekten Rainbow-Trick übernahm und ihn kräftig zum Urenkel beförderte.

„Seine letzte Wahlfamilie: ein katholisches Kloster“, so Judith Faessler. „Seine engste Freundin: eine katholische Nonne, Schwester Elija“. Er sei weltoffen gewesen. Und verantwortungsvoll. Und gesprächsbereit – auch mit Neonazis. „Menschlichkeit und Freiheit waren seine Werte.“ Das Erbe ihres Großvaters: „Wir können viel von ihm lernen.“

Die letzte Ansprache, die genauso fasziniert wie alle anderen von „dem Max“ erzählte, hielt Stefanie Thurnhuber. Sie hat 2019 am Gymnasium Grafing ihr Abitur gemacht und ihn viele Jahre als Zeitzeugen erlebt. „Er hatte so viel Energie, so viel Lebenswillen. Er hat den Glauben an die Menschheit nie verloren.“ Dafür brauchte er sehr viel Mut. „Und davon habe ich mir eine Scheibe abgeschnitten.“ Nicht nur eine Scheibe – mit ihren Mitschülerinnen stellte sie mutig eine Ausstellung auf die Beine, die das schreckliche und das wunderbare Leben von Max Mannheimer anschaulich und eindringlich darstellt. So wie sie und das Musikensemble des Dachauer Ignaz-Taschner-Gymnasiums, das den Abend einfühlsam begleitete, denken und sprechen und spielen: Es sind die jungen Leute, die Hoffnung machen auf ein „Nie wieder“. Elfriede Peil

Die Ausstellung

„99728 – in Memoriam Max Mannheimer“ ist noch bis zum 20. Februar im Karmel Heilig Blut zu sehen. Montag bis Freitag von 9 bis 11.30 Uhr und von 13 bis 17 Uhr.

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