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Feuerwehrler bangen: Sane Sadibou läuft die Zeit davon - er muss Deutschland wohl verlassen

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Von: Stefanie Zipfer

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Große Unterstützung: Die Feuerwehrkameraden lassen nichts unversucht, dass Sane Sadibou hier bleiben kann. Georg Roth (4.v.l.) würde dem Senegalesen in seiner Gärtnerei einen Arbeitsvertrag anbieten.
Große Unterstützung: Die Feuerwehrkameraden aus Hebertshausen lassen nichts unversucht, damit Sane Sadibou hier bleiben kann. Georg Roth (4. v. l.) würde dem Senegalesen in seiner Gärtnerei einen Arbeitsvertrag anbieten. © no

Der Senegalese Sane Sadibou lebt seit sieben Jahren im Landkreis Dachau. Er arbeitet, treibt Sport, ist bei der Feuerwehr und hat Freunde. Dennoch wird der Mann Deutschland wohl verlassen müssen.

Dachau – Sane Sadibou beschreibt sich selbst folgendermaßen: „I bin keine Raucher, mache keine Alkohol, habe keine Probleme. Nicht mit Polizei, nicht mit Geld, nicht mit Frauen!“ Stattdessen lebt Sane Sadibou für seinen Sport, seine Arbeit und sein Ehrenamt.

In sagenhaften eineinhalb Stunden läuft der 43 Jahre alte, gebürtige Senegalese die Halbmarathon-Distanz – also 21,1 Kilometer! – und arbeitet seit sieben Jahren in der Dachauer Stadtgärtnerei. In Hebertshausen macht er begeistert bei der Feuerwehr mit. „Sane hat immer Spaß“, sagt er von sich selbst. Das einzige, was ihn „krank im Kopf“ macht, sei „die Politik“. Die sei schuld, dass er nicht mehr essen und nicht mehr schlafen könne. Ohne seinen Sport, sagt er, würde er vor Stress „kaputt werden, ohne Smarrn“, wie er es formuliert.

Vom Landkreis Dachau zurück in den Senegal? Warum es schlecht steht um Sane Sadibou

Tatsächlich steht es schlecht um Sane Sadibou. Sein Asylantrag wurde 2016 abgelehnt, Senegal gilt laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) als sicheres Herkunftsland. Sane Sadibou wurde damit offiziell zur Ausreise verpflichtet.

Bei der Feuerwehr aktiv: Der 43-Jährige packt mit an, wo es nötig ist.
Bei der Feuerwehr aktiv: Der 43-Jährige packt mit an, wo es nötig ist. © hab

Dass er sich dennoch immer noch in Deutschland aufhält und sich von Duldung zu Duldung hangelt – Kettenduldung nennt man diesen Zustand im BaMF-Jargon – liegt daran, dass es von Sane Sadibou keinen offiziellen Pass gibt. Er gibt an, aus der senegalesischen Krisenregion Casamance zu stammen und am 19. Januar 1979 geboren zu sein. Aber ob das stimmt? Peter Barth, Sprecher der Asylhelferkreise im Landkreis Dachau, zweifelt dies an: „Das stimmt sicher nicht, ich schätze ihn zehn Jahre jünger.“

Sane Sadibou läuft die Zeit davon: Beliebter Dauerläufer aus dem Senegal befürchtet Abschiebung

Doch diese Passlosigkeit, die es einerseits bis heute verhinderte, dass Sane Sadibou abgeschoben werden konnte, hat Barth zufolge einen Hasenfuß: Sie kriminalisierte den 43-Jährigen. Wegen seiner laut Amtsgericht mangelhaften Bemühungen, sich einen Pass zu besorgen, wurde er sogar verurteilt – und zwar zu einer saftigen Geldstrafe von knapp 1000 Euro.

Peter Barth gehört dennoch zu den großen Fans und Förderern von Sane Sadibou. „Er ist so ein guter Mensch“, sagt Barth. Genau wie Sadibous Betreuer Christine Kuhn und Jürgen Weber kämpft er darum, dass der sportliche Hüne mit der zarten Seele und dem großen Herzen doch im Landkreis Dachau bleiben und sich endlich auch offiziell eine eigene Existenz aufbauen darf.

Zwei Festanstellungen hätte er sicher, doch er darf nicht arbeiten

Denn auch wenn Sane Sadibou seit sieben Jahren zuverlässig seinen Dienst bei den Dachauer Friedhofsgärtnern macht, verdient er damit praktisch kein Geld. Da er aus Ausreisepflichtiger keine Arbeitserlaubnis bekommt, darf er sich nur mit sogenannter gemeinnütziger Tätigkeit die Zeit vertreiben. 80 Cent pro Stunde zahlt ihm die Stadt Dachau dafür, im Monat rund 80 Euro.

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Die Stadt würde Sane Sadibou wegen seines Fleißes und seiner rundum netten Art sofort fest einstellen. Genau wie Georg Roth, der in Hebertshausen eine Gärtnerei betreibt und den 43-Jährigen von dessen Arbeit auf dem Dachauer Friedhof kennt.

Nachdem Sane Sadibou vier Jahre in der Großen Kreisstadt gewohnt hatte, war er nach Hebertshausen in die dortige Flüchtlingsunterkunft gezogen. Um Kontakte zu knüpfen, schlug er irgendwann bei der Feuerwehr auf. Und fand dort – genau wie in Dachau – sofort Freunde. „Es geht nicht anders, man muss ihn mögen“, sagt Georg Roth über den 43-jährigen Senegalesen, der „sich für keine Arbeit zu schade ist“, der „immer anpackt“ und auf den man sich „100 Pro verlassen könnte“. Wenn er dürfte, würde er Sane Sadibou auch gern als ungelernten Arbeiter anstellen, weil „der ist mir 5000 Mal lieber als der Rest, der sich sonst so bei mir bewirbt“. Roth sagt in diesem Zusammenhang nur ein Wort: „Fachkräftemangel“.

Er lebt für den Sport: Sane Sadibou läuft oft und weit, auch an Wettkämpfen nimmt er teil.
Er lebt für den Sport: Sane Sadibou läuft oft und weit, auch an Wettkämpfen nimmt er teil. © Privat

Doch wenn man Barth, Weber und Kuhn glauben mag, wird es nicht mehr dazu kommen, dass die Hebertshauser Gärtnerei Roth dem Dauerläufer Sane Sadibou einen Arbeitsvertrag anbieten kann. Seit er vor wenigen Wochen nach München zu einem Anhörungstermin mit ermächtigten Bediensteten der Republik Senegal geladen wurde, befürchten die Unterstützer das Schlimmste: „Aufgrund dieser fragwürdigen Kommission werden Senegalesen abgeschoben“, weiß Barth. Diese Ministerialen prüfen, ob es sich bei den Geladenen tatsächlich um Landsleute handelt. Bei den Betroffenen sorgen diese Anhörungstermine für „Angst und Schrecken“.

Feuerwehr Hebertshausen: Mitstreiter Sadibou droht Ausweisung

Juristisch, geben seine Betreuerin Kuhn und Flüchtlingshelfer Barth zu, „wird man nichts erreichen können“. Denn neben den beiden Tatsachen, dass Sane Sadibou aus einem als sicher geltenden Herkunftsland kommt und wegen seiner Passlosigkeit offiziell vorbestraft ist, kommt erschwerend hinzu, dass er Analphabet ist. Das geplante neue Chancenaufenthaltsrecht, das kommendes Jahr in Kraft treten soll, und auch die bayerische Härtefallkommission erwarten laut Barth aber, dass der Asylbewerber Deutschkenntnisse des sogenannten Kompetenzniveaus A2 beherrscht. Diesen Test zu bestehen, ohne lesen und schreiben zu können, ist unmöglich. Einen entsprechenden Alphabetisierungskurs durfte Sane Sadibou aber nie machen – da er ja nur geduldeter Ausländer war.

Seine Unterstützer wollen aber nicht aufgeben: „Nichts zu versuchen, ist keine Option“, sagt Christine Kuhn. Gemeinsam mit den Kameraden der Hebertshauser Feuerwehr verteilen sie derzeit Formulare, in denen jeder, der Sane Sadibou kennt, schreiben soll, warum der 43-Jährige in Deutschland bleiben soll. So steht zum Beispiel in einem der Schreiben zu Sane: „Ich habe selten einen Menschen kennengelernt, der so empathisch, bescheiden, fleißig, ehrlich und hilfsbereit ist.“

Die Regierung von Oberbayern, die für Sane Sadibou zuständig ist, möchte sich übrigens nicht zu dem Fall äußern. Sprecher Wolfgang Rupp: „Wir bitten um Verständnis, dass wir aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes ohne entsprechende Vollmacht zu individuellen Personen und Verfahren keine Auskunft geben können.“

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