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Frust in der Kulturbranche

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Von: Stefanie Zipfer, Christiane Breitenberger

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Mann vor leeren Holzbänken mit 2 Plakaten in der Hand
Die Hoffnung stirbt zuletzt: Post-Wirt Heinrich Kellerer hofft, dass Monika Drasch und Ludwig Müller bald in seinem Veranstaltungssaal auftreten können. © hab

Die Kulturbranche ist ziemlich deprimiert. In den Wirtshäusern sind die Regeln locker, in Theater- und Konzerthäusern geht’s dagegen streng zu. Kulturschaffende im Landkreis Dachau, zumal die Ehrenamtlichen, sind deshalb sauer auf die Staatsregierung und fühlen sich durch die Coronamaßnahmen gegenüber der Gastro massiv benachteiligt.

VON CHRISTIANE BREITENBERGER UND STEFANIE ZIPFER

Landkreis – Heinrich Kellerer ist eigentlich Optimist, wie er selbst von sich sagt. Aber: „Das versteht doch wirklich kein Mensch mehr!“ Die aktuellen Regelungen für den Kultur- und Gaststättenbereich seien schlicht eine „Riesenkatastrophe!“ Was ihn konkret aufregt: In Gaststätten haben nach der 2G-Regel Geimpfte oder Genesene Zutritt, während Theater- oder Konzertbesucher zusätzlich Tests vorlegen müssen. Zudem dürfen Kulturbetriebe nur 25 Prozent der Plätze besetzen.

Zwei Herzen schlagen dabei in Kellerers Brust. Zum einen ist er Wirt des alteingesessenen Familienbetriebs Gasthof zur Post in Schwabhausen, gleichzeitig betreibt er noch die hauseigene Kleinkunstbühne. Während er also seine Gaststätte – bei entsprechendem 2G-Nachweis der Gäste – komplett füllen darf, die Menschen zudem ohne Maske am Tisch sitzen können, gelten für seinen Veranstaltungssaal komplett andere Regeln: 300 Zuhörer könnten normalerweise in seinem 160 Quadratmeter großen Saal eine Veranstaltung genießen, nach den derzeit geltenden Regeln darf er nur 75 reinlassen. Zudem müssen die Zuschauer den ganzen Abend über ihre FFP2-Masken tragen.

„Auf der einen Seite dürfen also auf 60 Quadratmetern 50 Leute in einem Raum ohne Maske sein, auch mal zehn an einem Tisch. Und bei der Kultur ist alles anders“, schimpft Kellerer. Er als Wirt hätte es daher durchaus verstanden, wenn auch in Bayern „wie sonst überall in Deutschland die 2G-Plus-Regel in der Gastro gelten würde. Dann wäre es wenigstens einheitlich“.

Kommende Woche würde sein Programm fürs neue Jahr starten. Wie das gehen soll, weiß er nicht. „Ich hab’ alleine 115 Abonnenten, aber nur 75 dürfen rein.“ Da bleibt nur: „Wieder verschieben, oder die Veranstaltung auf zweimal aufteilen.“ Doch Kellerer erklärt, dass Veranstaltungen mit einer Auslastung von unter 50 Prozent ein „reines Draufzahlgeschäft“ seien.

Zudem hat er noch drei Veranstaltungen allein aus 2020, die er nachholen muss – den Auftritt von Christian Springer musste er zum Beispiel bereits fünf Mal verschieben. „Wenn nicht eine neue Regelung kommt, werden wir die Veranstaltung höchstwahrscheinlich absagen.“ Auch wenn Kellerer noch nicht ans Hinschmeißen denkt, „zur Zeit bin ich ziemlich deprimiert. Ich will einfach nicht ständig nur für null arbeiten“.

Auch die Sperrstunde mache ihm – gerade im Kulturbereich – die Arbeit kaum mehr möglich. „Eigentlich müsste man alle Abendveranstaltungen früher ansetzen, sonst klappt das alles nicht mehr.“

Auch Kai Kühnel vom Dachauer Kulturverein „Tollhaus“ hatte zuletzt öfter ans Hinschmeißen gedacht. Dass er es (bislang) nicht tat, liege aber allein am „Pflichtgefühl gegenüber den treuen Künstlern und dem treuen Publikum“. Ansonsten habe man in seiner Branche nämlich gerade „keine Lust“ mehr.

Kühnel, hauptberuflich Architekt, nebenberuflich langjähriger Stadtrat, organisiert mit seinem Tollhaus e. V. regelmäßig Konzerte, Freiluftkinos oder Theateraufführungen. Zumeist im Café Gramsci. Anders als der Gastwirt Kellerer „verdienen wir weder an Speisen, noch an Getränken irgendwas“. Auch ohne die zusätzlichen Corona-Auflagen fallen nach seiner Aussage „eine Menge Stunden für Vor- und Nachbereitungen“ der Konzerte an. Im vergangenen Jahr sind dazu noch Voranmeldungen an das Landratsamt, Kontaktdatenerfassung mit Aufbewahrungs- und Datenschutzpflichten, Impfnachweiserfassung – inklusive Ausweiskontrolle – hinzugekommen.

Und es ist ja nicht so, zählt Kühnel weiter auf, „dass man sich nur mit den tatsächlich stattfindenden Konzerten beschäftigt. Wir beschäftigen uns mit Konzertanfragen, hören Demos an, begründen Absagen, und wickeln alles rück ab, wird eine Veranstaltung aus welchen Gründen auch immer wieder abgesagt“. Also zusammengefasst: eine Menge Arbeit für die Ehrenamtlichen, für die sie keinen Cent bekommen.

Dass die Tollhaus-Leute immer wieder namhafte Künstler, die andernorts große Hallen bespielen, ins winzige Gramsci nach Dachau holen können, liegt Kühnel zufolge „nicht an unserer Gage, sondern weil sie unsere Arbeit wertschätzen. Unser Publikum ist aufmerksam und den Künstlern zugewandt“.

Dass diese Wertschätzung und Zugewandtheit gegenüber dem Künstler in einem kleinen Veranstaltungsort wie dem Gramsci mit reduzierter Besucherzahl nur schwer möglich ist, liegt für Kühnel auf der Hand: Selbst „wenn die Politik jetzt die Auflage von 25 Prozent Auslastung auf 50 Prozent erhöht, dann können wir schwer vermitteln, dass im Café statt elf jetzt immerhin 22 Gäste präsent sein dürfen“. Bei Veranstaltungsräumen wie Kellerers Post in Schwabhausen mag ein halb voller Saal vielleicht besser sein als ein zu einem Viertel gefüllter, aber bei Konzerträumen wie dem Gramsci „ist das unrealistisch“, findet Kühnel. Zudem sei die „Vorstellung absurd, dass das Publikum zwei Stunden im Café sitzt und Masken trägt und für jeden Getränkeschluck die Maske wieder abnimmt“.

Noch grotesker wird es in seinen Augen, wenn man dieselbe Veranstaltung ohne Eintritt durchführe, also als Hintergrundkonzert. „Dann braucht es keine Masken, und man kann zu 100 Prozent auslasten. Viele Bühnen sind diesen Weg in den letzten Monaten gegangen.“

Aber was ist das auf Dauer für ein Signal, fragt der Dachauer? Die Antwort gibt er, schweren Herzens, selbst: „Kultur ist wertlos.“

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