+
Sie war ein Opfer der Kinder-Euthanasie: Alwine Dölfel (im Kindersitz) mit ihrer Mutter Alwine Dölfel und ihrer jüngeren Schwester Elfriede Dölfel. 

Fünf Stolpersteine werden in Dachau verlegt

Für die Opfer der Kinder-Euthanasie

Die Stadt Dachau verlegt heute zusammen mit dem Künstler Gunter Demnig fünf Stolpersteine – zur Erinnerung an Dachauer Bürger, die ihren letzten Wohnsitz in Dachau hatten und Opfer des Nationalsozialismus wurden. Zum Beispiel für Alwine Dölfel, ein Opfer der Kinder-Euthanasie, die im Alter von 13 Jahren getötet wurde.

Dachau– Alwine Dölfel war 13 Jahre alt, als sie ermordet wurde. Das Mädchen wurde 1931 geboren und lebte vor ihrer Verfolgung von 1939 bis 1944 in einer katholischen Einrichtung für Menschen mit Behinderung, die heute zum Franziskuswerk Schönbrunn gehört. Am 1. Oktober 1944 wurde sie in der „Kinderfachabteilung“ der „Heilanstalt“ Eglfing-Haar ermordet. Für Alwine Dölfel wird der Stolperstein vor ihrem Elternhaus verlegt, Augustenfelder Straße 20, um 14 Uhr. Am Abend findet im Rathausfoyer eine Gedenkveranstaltung statt.

Im Mittelpunkt stehen bei dieser Stolpersteinverlegung neben Alwine Dölfel zwei weitere Euthanasie-Opfer: Neben dem Mädchen gehören auch Maria Linner und Therese Wildmoser zu den Opfern der NS-Euthanasie aus Dachau, deren Schicksale im Vorfeld der Stolpersteinverlegung erstmals von Professor Dr. Gerrit Hohendorf vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Technischen Universität München recherchiert wurden.

Maria Linner ist Jahrgang 1899, war Näherin und wurde am 7. November 1940 in der Euthanasie-Tötungsanstalt Hartheim (bei Linz) ermordet. Therese Wildmoser wurde 1910 geboren, war Dienstmädchen und wurde am 25. Februar 1941 ebenfalls in Hartheim ermordet. Die Stolpersteine für die Euthanasie-Opfer werden mit Zustimmung der Angehörigen verlegt.

Alwine Dölfels Schicksal gehört zu den dunkelsten Kapiteln in der Geschichte von Schönbrunn. Sie gehörte zu den 47 Kindern, die im Juni 1944 nach Eglfing-Haar verlegt wurden, wo ihnen die Ermordung drohte. Obgleich dies dem Direktor der Anstalt Schönbrunn, dem Priester Josef Steininger, bekannt war, stimmte er letztlich zu, um Platz zu schaffen für die Teil-Übernahme Schönbrunns durch die Stadt München zur Unterbringung von Ersatzkrankenhäusern für Münchner Krankenhäuser, die bei Luftangriffen zerstört worden waren oder von diesen bedroht waren. 2011 wurde nach entsprechenden Forschungsergebnissen die Prälat-Steininger-Straße in Schönbrunn auf Antrag von Generaloberin Sr. M. Benigna Sirl in Viktoria-von-Butler-Straße umbenannt. Es hatte Jahrzehnte gedauert, bis die Schwestern den bis zu seinem Tod 1965 hochgeehrten Steininger kritisch bewerteten. Er selbst hatte sich nach dem Krieg zum Widerstandskämpfer erklärt und die Darstellung der Geschichte von Schönbrunn in der NS-Zeit bewusst manipuliert.

Alwine Dölfels Schwester Elfriede Ahr wird am Abend im Rathaus über ihre Erinnerungen an Alwine sprechen. Aus Schönbrunn wird der integrative Chor des Franziskuswerkes kommen. Unter Leitung von Tobias Thalmeier gestalten 25 Menschen mit und ohne Behinderung mit sechs Liedern den Abend musikalisch. Es erklingen Melodien aus Deutschland, Israel, Südafrika und den USA. Im Chor singt auch Markus Tolksdorf mit, Vorsitzender des Stiftungsvorstands der Viktoria-von-Butler-Stiftung und Geschäftsführer des Franziskuswerkes.

Weitere neue Stolpersteine erinnern an Johann Eisenmann. Der Hilfsarbeiter wurde 1909 geboren und schloss sich als junger Mann dem Kreis um den „Kommunisten Klein“ an und trat aus der katholischen Kirche aus. In der Nacht zum 22. März 1933 wurde er bei einer Verhaftungsaktion gegen Dachauer Kommunisten in „Schutzhaft“ genommen und ins Gefängnis München-Stadelheim gebracht. Am 3. April 1933 starb er in politischer Haft unter bis heute ungeklärten Umständen. Er wurde nur 23 Jahre alt. Die Biographie von Johann Eisenmann stellt Kirchenrat Dr. Björn Mensing vor, Pfarrer und Historiker an der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Angehörige von Johann Eisenmann haben ihr Kommen zugesagt.

Dr. Samuel Gildes Lebensweg hat Studiendirektor Christoph Triebfürst (Josef-Effner Gymnasium Dachau) recherchiert. Samuel Gilde musste seine etablierte Arztpraxis in München wegen des Berufsverbotes der Nazis für Juden aufgeben und zog im Herbst 1938 zur Miete im großen Haus des jüdischen Schriftstellers Hermann Gottschalk in Dachau-Augustenfeld ein. Nach der Pogromnacht wurde er vom 12. November bis zum 1. Dezember 1938 im KZ Dachau geschunden. 1942 kam er erst ins Zwangsarbeitslager Flachsröste Lohof, dann ins Ghetto Theresienstadt und wurde am 30. Juni 1944 im Alter von 70 Jahren ermordet.

Hermann Gottschalk wurde ebenfalls im November 1938 aus Dachau vertrieben. Er überlebte in München durch die Treue seiner „arischen“ Frau, kam aber bald nach der Befreiung bei einem tragischen Unfall ums Leben. Das in der NS-Zeit „arisierte“ Haus steht noch. Vor diesem wird der Stolperstein verlegt. Angehörige des ledigen und kinderlosen Arztes konnten nicht ermittelt werden.


Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Es sind kleine Gedenktafeln aus Messing, die in den Bürgersteig eingelassen werden. Es ist die dritte Stolpersteinverlegung in Dachau. Auf Initiative von Dachauer Forum und Versöhnungskirche wurden seit 2005 in Dachau zehn Stolpersteine verlegt zur Erinnerung an Dachauer, die im Holocaust ermordet wurden. Derzeit gehören zum Arbeitskreis Stolpersteine neben Stadt, Versöhnungskirche und Dachauer Forum auch die Katholische Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Der Künstler Gunter Demnig verlegt die Stolpersteine heute im Auftrag der Stadt Dachau: Für Alwine Dölfel vor ihrem Elternhaus, Augustenfelder Straße 20, um 14 Uhr; für Dr. Samuel Gilde vor seinem letzten frei gewählten Wohnsitz, St.-Peter-Straße 2, gegen 14.30 Uhr; für Therese Wildmoser vor ihrem Wohnhaus, Benediktenwandstraße 3, gegen 15 Uhr; für Johann Eisenmann vor seinem letzten Wohnsitz, Münchner Straße 24b, gegen 15.30 Uhr, und für Maria Linner vor dem Standort des Spitals, in dem sie zuletzt wohnte, Gottesackerstraße 5, gegen 16 Uhr. Um 18.30 Uhr beginnt im Rathausfoyer die Gedenkveranstaltung, in der die Biographien der fünf NS-Opfer vorgestellt und von OB Florian Hartmann gewürdigt werden.  

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Immer noch fehlen Hortplätze
Hort, Mittagsbetreuung oder Ganztagsklasse – im Familienausschuss gingen die Meinungen auseinander, was das Beste ist. Fest steht nur: Es stehen 60 Kinder auf der …
Immer noch fehlen Hortplätze
Emil Jonathan aus Dachau
Emil Jonathan, genannt „Krümel“, ist das dritte Kind von Irmela und Jürgen Bobinger. Auf den Spitznamen sind wohl die älteren Geschwister gekommen: Ida Helene und Linus …
Emil Jonathan aus Dachau
Vatertag extrem: Betrunkener Erdweger muss dreimal zur Blutprobe
Ein Erdweger Familienvater (53) hat am Vatertag dreimal die Polizei-Kelle vor der Nase gehabt - einmal saß er völlig betrunken im Mercedes, zweimal im Jaguar. Die ganze …
Vatertag extrem: Betrunkener Erdweger muss dreimal zur Blutprobe
Rund 5000 Haushalte ohne Strom
Viele Leute in Indersdorf, Röhrmoos, Hebertshausen und Vierkirchen saßen heute Morgen im Dunkeln. Der Grund war ein großflächiger Stromausfall im Landkreis. 
Rund 5000 Haushalte ohne Strom

Kommentare