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Kämpft um seine Existenz: Drei-Rosen-Wirt Reinhard Hörmann in seiner leeren Gaststube. 

Gastronomen in der Corona-Krise

Dachaus Wirte lassen sich nicht unterkriegen

  • Thomas Zimmerly
    vonThomas Zimmerly
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  • Christiane Breitenberger
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70 000 Betriebe im Hotel- und Gaststättengewerbe stehen in Deutschland vor dem Aus, hat der Hotel- und Gaststättenverband vorgerechnet. Auch im Dachauer Land ist die Lage wegen der Schließungen auf unabsehbare Zeit sehr schlecht. Eines aber haben die die einheimischen Gastronomen gemeinsam: Sie lassen sich von Corona nicht unterkriegen!

Reinhard Hörmann, Wirt des Dachauer Gasthauses Drei Rosen, findet die Lage in der Gastronomie – wenig überraschend – „besch...eiden!“ Zwar laufe der Straßenverkauf „verhältnismäßig gut, doch das kann keine Dauerlösung sein“. Was Hörmann neben der Schließung seines Gastbetriebs seit Mitte März schmerzt: „Die Einnahmen aus dem Hotel sind: null!“ 19 Zimmer hat das Drei Rosen zu vermieten. „Klar“, sagt der Wirt, „wir könnten Geschäftsleute aufnehmen. Nur: Es sind keine unterwegs.“

Im Besonderen tut es ihm um sein Personal leid. Hörmann beschäftigt zwölf Festangestellte sowie 20 Aushilfen, die alle in Kurzarbeit sind. „Sie verdienen weniger, und das Trinkgeld fällt komplett weg“, meint er. Daher sei es wichtig, bald wieder öffnen zu dürfen. Von ihm aus in „kleinerer Form und mit kleinerer Besetzung, erst mal nur mittags, vielleicht“. Wichtig für ihn: der Biergarten. Hier gelänge es, den notwendigen Abstand zwischen den Tischen einzuhalten und auch die Hygienestandards, so der Wirt. Angst, dass das Traditionsgasthaus für immer schließt, brauchen die Gäste nicht zu haben. „Dafür haben wir in der Vergangenheit zu gut gewirtschaftet“, meint Reinhard Hörmann.

Aufgeben kommt auch für Michael Groß nicht infrage. Der Chef des Hotel Gasthof Groß in Bergkirchen, ein Familienbetrieb in vierter Generation mit 70 Mitarbeitern, hat eine solch schlechte Lage noch nie erlebt, wie er sagt. Groß macht hierfür der Politik um Kanzlerin Angela Merkel große Vorwürfe. „Es stimmt die Verhältnismäßigkeit nicht“, sagt er. Im Dachauer Krankenhaus gehe man schon wieder in den Normalbetrieb über, weil die Corona-Situation dies erlaube. Aber die Gastronomie dürfe das nicht. „Ich sperre jeden Tag in der Früh meine Wirtschaft auf, weil ich nicht anders kann“, verrät Groß. Und dann? Zusammen mit einem Koch und einer Küchenhilfe werden für den Straßenverkauf Speisen zubereitet. Doch: „Das ist doch kein Wirtshausflair“, sagt Groß, dem allerdings eine Sache ein wenig Mut macht: die Solidarität seiner Gäste, die in großer Zahl bei ihm Essen mitnähmen. Zudem gab es eine Firma, die bei Groß 125 Essensgutscheine für die Zeit nach Corona bestellt hat. „Da kriegst du eine Gänsehaut“, sagt Michael Groß.

Auf ihre Gäste verlassen können sich auch Michaela und Enrico Cicirelli vom Ristorante Pizzeria Mamma Rosa in Dachau. „Der Mitnahmeverkauf am Osterwochenende war gut“, sagt Michaela Cicirelli, jetzt sei es aber ruhiger geworden. Auch ihre 15 Mitarbeiter sind derzeit in Kurzarbeit. Die Situation, so die Wirtin, „ist jetzt halt so“. Lieber seien jetzt die Betriebe ein paar Wochen geschlossen, als wenn geöffnet wäre und das Virus käme zurück. Die Cicirellis haben die Soforthilfe des Staates in Anspruch genommen sowie einen Kredit zur Überbrückung aufgenommen. „Weitere Schulden machen wir aber nicht mehr“, so Michaela Cicirelli, „vorher hören wir auf“. Schließlich seien sie (62) und ihr Mann Enrico (67) „fast im Pensionsalter“.

Ein doppeltes Problem haben die Pächter von Vereinsgaststätten: Das Lokal ist sowieso dicht und der Sportbetrieb ruht auf unbestimmte Zeit. Beim SV Günding etwa hat die Familie Inzirelli erst am 1. Februar angefangen, nachdem der Klub die Räumlichkeiten komplett renoviert hatte. „Wir unterstützen unseren Wirt, wo wir nur können“, sagt SVG-Vorsitzender Heiko Krüger. Gemeinsam mit dem Ehepaar Inzirelli haben Klubmitglieder überall in Günding und Feldgeding Speisekarten verteilt. Per Telefon, E-Mail oder WhatsApp können die Bürger am Freitag, Samstag und Sonntag bestellen. Der Trainer der 1. Fußballmannschaft, Patrick Moder, hilft kräftig mit, alles zu organisieren. Und so sagt Vereinschef Krüger: „Wir stehen das gemeinsam durch!“

Unterkriegen lassen will sich auch Christof Wieckhorst vom Dachauer Restaurant Lujanicht. Gemeinsam mit Ehefrau Karin und seinen 18 Mitarbeitern trotzt er der miesen Lage. Durch Sparen und Kreativität. „Wir haben alles abgestellt, Pizzaofen, Grill etc. Nur der PC und zwei Kühlzellen laufen noch. Zudem haben wir unseren Stromabschlag von 1000 auf 200 Euro reduziert“, sagt Wieckhorst. Überdies müsse man sich halt was einfallen lassen. „Man muss kreativ sein, was ich im Übrigen allen Gastronomen rate. So erledigen wir schon jetzt Sachen, die wir später machen wollten. Wir werden uns einen Eimer Farbe kaufen, unseren Laden renovieren und die Speisekarte überarbeiten. Zudem haben wir den Jahresabschluss 2019 durchgearbeitet“, so der Luja-Chef. Und weil er Zeit hat und „mal was Nettes tun“ wollte, spendierte er allen 1000 Angestellten des Dachauer Krankenhauses mal eben Pizza (wir berichteten).

Was Nettes tun, könnte nach Ansicht von Wieckhorst auch der Staat – etwa mit der Absenkung des Mehrwertsteuersatzes für alle Speisen auf sieben Prozent, wie es der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) forderte. „Das ist ein Supervorschlag und etwas, was zielgerichtet bei allen ankommt. Sie müssen nur daran denken: Ein Lokal in der Münchner Innenstadt macht sehr viel Umsatz, muss aber sehr viel Miete zahlen. Im ländlichen Bereich hingegen macht ein Wirt vielleicht weniger Umsatz, zahlt aber auch eine niedrigere Miete“, so der Gastronom.

Herbert Forche hat jahrelang seine eigene Bar im Kopf designt, erst vor einem Jahr und vier Monaten eröffnete das Butchers in den Räumen der früheren Metzgerei am Indersdorfer Marktplatz. Mit der Bar mit Kleinkunstbühne und einer Speisekarte vor allem für Fleischliebhaber mit Burgern und Steaks hat Forche (35) schnell ein großes Stammpublikum gewonnen. Jetzt muss das kleine Lokal geschlossen bleiben, doch Trübsal blasen ist nicht Forches Ding. Deshalb hat er sich gleich „in der ersten Stunde, als klar war, dass wir das Lokal wegen der Pandemie schließen müssen, dran gemacht, eine Take-away-Karte zu kreieren“. Von 17 bis 20 Uhr können Kunden Essen zum Mitnehmen bestellen. Die ersten Tage lief das Geschäft mit den Gerichten zum Mitnehmen so schlecht, „dass wir schon überlegt haben, es wieder zu lassen“, aber mittlerweile läuft es zumindest so gut „dass wir unsere vier Festangestellten normal weiter einsetzen können“, sagt Forche. Auch seine elf Minijobber versucht er zumindest teilweise für den Telefondienst für den Abholservice einzuspannen.

Forche trifft die jetzige Situation auf mehreren Ebenen. Der Club „Schießstand“, den er betreibt: geschlossen. Sommertollwood, auf dem er immer einen großen Stand mit bis zu 40 Mini-Jobbern betreibt: abgesagt. Dachauer Volksfest, an dem er einen Schnapsstand betreibt: abgesagt. Glonntalfestival, auf dem er mit einem Stand vertreten ist: abgesagt. Er und sein Team nutzen die Zeit, sich jetzt um Dinge zu kümmern, für die man „unterm Jahr sonst nie Zeit hat“: eine neue Speisekarte kreieren, die Wagen fürs Tollwood auf Vordermann bringen. Geholfen hat, dass die Soforthilfe bereits nach „zwei, drei Wochen auf dem Konto war“.

Das Belastendste an der jetzigen Situation sei einfach die „Ungewissheit. Das Schlimmste ist, dass man einfach nicht weiß, wann alles wieder normal ist.“ Herbert Forche hofft, wie viele seiner Kollegen, dass sich jetzt in der Krise vor allem politisch etwas tut: „Es ist jetzt unbedingt Zeit, den Mehrwertsteuersatz für Gastronomie auf sieben Prozent anzupassen. So wie eben beim Imbissverkauf auch.“ Optimist, wie Herbert Forche ist, sieht er in der ganzen Situation auch etwas Gutes: Im Juni wird er zum ersten Mal Papa. „Wenigstens haben meine Frau und ich jetzt ganz viel Zeit füreinander.“ Und er hofft, dass ihn seine Stammgäste nicht vergessen haben, wenn die Krise endlich vorbei ist.

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In Dachau genügt der Prüfraum für Fahrschüler nicht den Corona-Hygieneanforderungen. Deshalb haben 20 Fahrlehrer aus zehn Landkreis-Fahrschulen auf dem TÜV-Gelände protestiert.

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