Der Friedhof auf dem Leitenberg war einer der ersten Erinnerungsorte in Dachau.
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Der Friedhof auf dem Leitenberg war einer der ersten Erinnerungsorte in Dachau.

Der Leitenberg rutscht ab

Gedenkstätte am Leitenberg in Gefahr

  • Stefanie Zipfer
    vonStefanie Zipfer
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Der Leitenberg ist mit seinem KZ-Friedhof wichtiger Teil der Dachauer Erinnerungs- und Gedenkarbeit. Doch speziell der Südhang des Bergs ist in schlechtem Zustand, es besteht Erosions- und Abbruchgefahr. Eine Sanierung würde Millionen kosten.

Dachau – Am 1. Januar 1984 schrieb die amerikanische Doktorandin Rebecca Boehling an den damaligen Dachauer OB Lorenz Reitmeier einen Beschwerdebrief: Der KZ-Friedhof Leitenberg bei Etzenhausen sei nicht nur schwer erreichbar, sondern auch noch schlecht beschildert. Was Reitmeier der jungen Historikerin antwortete, ist nicht überliefert. Fest steht: Der jüngste von Reitmeiers Nachfolgern im OB-Amt, Florian Hartmann, kann den Unmut der US-Besucherin nachvollziehen. Auch er habe die Stiftung Bayerische Gedenkstätten, die das Gelände Leitenberg verwaltet, „schon oft gebeten, das zu richten“. Nur leider seien sowohl die Wege als auch der gesamte Leitenberg „in schlechtem Zustand“.

Dr. Christoph Thonfeld, Leiter der wissenschaftlichen Abteilung der KZ-Gedenkstätte Dachau, bestätigt Hartmanns Feststellung. Speziell der Südhang des Leitenbergs sei „geologisch schwierig“ und „instabil“, es bestehe seit Jahren Erosions- und Abbruchgefahr.

Allerdings sind es nicht nur die Gesteinsschichten, die den Hang zum Abrutschen bringen. Auch die nahe ICE-Trasse München-Ingolstadt tut ihr Übriges, um den Leitenberg regelmäßig zu erschüttern. Thonfeld zufolge war diese Problematik den Verantwortlichen auch schon in den 1980ern und 1990ern bewusst. Doch es habe wohl „eine Interessensabwägung“ stattgefunden: „Der Bau der Zugtrasse war wichtiger, als für den Leitenberg jedes Risiko auszuschließen“.   

Einer der beiden Aufwege zum Friedhof ist seit langem gesperrt. Wegen Erosionsgefahr.

Was die Zukunft der Anlage betrifft, ist Thonberg daher nicht allzu optimistisch: „Uns ist klar, dass uns niemand 10 Millionen Euro in die Hand drückt“, um den Berg einer geologischen Generalsanierung zu unterziehen. Aktuell schützen Fangzäune die Spaziergänger vor Steinschlag. Einer der beiden Wege hinauf zum Friedhof ist zudem ganz gesperrt. Der zweite, noch begehbare Zuweg ist Christoph Thonfeld zufolge aber „alles andere als barrierefrei“.

Was Thonfeld aber derzeit am meisten betrübt: Er hatte sich eine Lösung für das Problem überlegt, die sowohl die Gefahr des Hangrutsches als auch die fehlende Barrierefreiheit umfasst hätte. Einen entsprechenden Förderantrag hatte Thonfeld im Sommer dieses Jahres formuliert. Sein Plan: den Leitenberg über dessen Nordseite erschließen und den dortigen Aufweg zu einer asphaltierten, barrierefreien Zufahrtsmöglichkeit ausbauen. Diese, so Thonberg, könnte doch „mit strategisch positionierten Informationstafeln ausgestattet werden, die umfassend über die Nachkriegsgeschichte des Ortes informieren“. Damit solle der Ort „neben seiner Funktion als Gedenkort auch als Informations- und Lernort entwickelt werden“. Ganz nebenbei würde die nordöstliche Wegeführung „die geologische Belastung des Südhangs unberührt lassen“.

Allein, so gut der Plan in der Theorie auch ist: Er scheiterte am privaten Grundstückseigentümer der für die Umsetzung von Thonbergs Idee nötigen Fläche. „Wir können uns nicht über Privatbesitz hinwegsetzen“, sagt der Gedenkstätten-Abteilungsleiter daher fast schon resigniert. Denn auch eine Umgehung des Privatgrundstücks scheint unmöglich: „Das wäre ein drei Kilometer langer Umweg.“ Da könne man dann nicht mehr von Barrierefreiheit reden.

In nächster Zukunft wird es daher wohl weiter bei den vergleichsweise günstigen, aber doch nur provisorischen Sicherungsmaßnahmen bleiben. Langfristig wünscht sich Thonberg jedoch „mehr Aufmerksamkeit für unseren Leitenberg“. Als regionaler Erinnerungsort habe dieser eine „kulturelle und touristische Aufwertung verdient“.

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