Erst für die SPD, später fraktionslos: Hans Hartl saß für zwei Legislaturperioden im Landtag.

70. Geburtstag

Dr. Hans Hartl: Vom tiefen Fall gut erholt

Dachau/München/Paris -b Landtagsabgeordneter, Stimmenwilderer, Kunstmäzen, Baulöwe – Dr. Hans Hartl war eine schillernde Figur in den 80er und 90er Jahren in Dachau. Dann kam der Absturz und der Rückzug aus der Öffentlichkeit. Jetzt wird Hans Hartl 70 Jahre alt. Er hat noch Pläne für Dachau.

Dr. Hans Hartl, Rechtsanwalt, Bauträger und Politiker, war in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts geradezu ein regelmäßiger Lieferant für Schlagzeilen, bevor er sich mehr oder weniger unfreiwillig komplett zurückzog und von der Bildfläche verschwand. Am heutigen Samstag feiert der im kleinen Wöhr bei Indersdorf geborene Hartl seinen 70. Geburtstag. Anlass genug, um zu fragen: „Was macht eigentlich Hans Hartl?“

„Es geht mir gut!“ betont er. Der Anruf erreicht ihn frohgelaunt in einer Klinik im Schwarzwald, „wo ich mich jedes Jahr erhole und mal durchchecken lasse“. Aufs „ruhige Privatleben zurückgezogen“ habe er sich, verrät der Mann, der lange Zeit alles andere als ein ruhiges Leben geführt hat oder ein Leisetreter war.

Stadtratsmandat fast  im Alleingang errungen

Am 20. Juni 1945 in Wöhr geboren, machte Hartl in Freising am Camerloher Gymnasium Abitur, studierte dann Rechtswissenschaften, Politik und Geschichte. Typisch für den umtriebigen jungen Mann, der sich früh als Weltbürger fühlte: Es hielt ihn im Studium nicht an einem Ort. Er schrieb sich an den Universitäten in München, Köln, Bonn, Berlin, Salzburg und Innsbruck ein. 1972 promovierte er, ein Jahr später folgte das 2. juristische Staatsexamen.

Hartl eröffnete eine Anwaltskanzlei in Dachau. Doch die Juristerei reichte ihm nicht. Er stieg in die Politik ein. Nach einer kurzzeitigen Mitgliedschaft in der CSU gründete Hartl 1977 die „Christlichen Bürgerunion“, mit der der 33-jährige Anwalt ein Jahr später fast im Alleingang ein Stadtratsmandat in Dachau errang. Dort blieb der CBU-Mann nicht lange allein. 1980 schloss er sich der SPD an, stieg innerparteilisch schnell bis zum Unterbezirksvorsitzenden auf und wurde schließlich für die Landtagswahl 1986 nominiert.

Wahlkampf mit enormen Aufwand

Hans Hartl wusste natürlich, dass er als relativ unbekannter SPD-Kandidat normal keine Chance haben würde, in den Landtag einzuziehen. Also startete er wieder einen Alleingang. Mit enormem finanziellen Aufwand – die Rede war von einer Million Mark – warb er mit Postwurfsendungen auch in anderen Stimmkreisen kräftig für sich. Das war zwar legitim, brachte ihm allerdings parteiintern den Ruf als „Stimmenwilderer“ ein.

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Auf der Kutsche zum Volksfest war natürlich Tracht angesagt.

artl feierte einen sensationellen Wahlerfolg. Obwohl er im Stimmkreis Dachau das fünftschlechteste Ergebnis der oberbayerischen SPD-Kandidaten einfuhr (19,4 Prozent oder rund 10 000 Erststimmen), standen am Ende mehr als 30 000 Stimmen für ihn zu Buche. Mit Hilfe der Zweitstimmen schob er sich auf der sechsten Platz der oberbayerischen SPD-Liste vor – mit 41 Jahren zog Dr. Hans Hartl ins Maximilianeum ein. Zur ersten Sitzung kam der Dachauer in Tracht – damals ein Unding.

Parteiausschlussverfahren aus der SPD

Als er vier Jahre später dieses Kunststück wiederholte, weil er seine Wahlkampftaktik erneut erfolgreich anwandte und diesmal in einem Mailing sogar noch ein Gewinnspiel mit einer „Traumreise“ integrierte, hatte die SPD genug: Sie zog ein Parteiausschlussverfahren durch, so dass Hans Hartl ab Anfang 1992 dem Landtag als fraktionsloser Abgeordneter angehörte.

Skandal in Freising: Die Skulptur der biblischen Esther vor dem Kunsthaus.

Nicht nur in der Politik machte Hartl Schlagzeilen. So eröffnete er als Kunstmäzen 1991 in Freising das „Kunsthaus Dr. Hans Hartl“ – eine pompöse Villengalerie mit Werken des Wiener Phantasten Ernst Fuchs. Das Prunkstück, eine acht Zentner schwere Nacktskulptur der biblischen Esther, sorgte für einen handfesten Skandal und rief die Freisinger auf den Plan. Einige forderte gar die Verhüllung der provokanten Skulptur, die vor dem Eingang des Kunsthauses stand. Auch als Brauereibesitzer (St. Wolfgang-Bier) versuchte sich der umtriebige Hartl.

Absturz und finanzielle Probleme

Doch „weil es im Leben nicht immer bergauf geht“, wie der heute 70-Jährige weiß, ging es irgendwann halt bergab: „Es ist kein Geheimnis, dass ich mich als Immobilien-Bauträger Ende der 90er Jahr in den neuen Bundesländern engagiert habe.“ Wie so viele damals fiel auch der Dachauer damit auf die Nase: „Am 8. Juni 2000 musste ich Privatinsolvenz anmelden.“

Immer für eine Pose gut: Hans Hartl konnte problemlos in viele Rollen schlüpfen, war immer für einen Auftritt gut.

Er war hoch geflogen und tief gestürzt.

Rückblickend spricht Hartl von einer zehn Jahre währenden „schweren Zeit“. Doch nach der siebenjährigen „Wohlverhaltensphase“, die die Privatinsolvenz damals noch mit sich brachte, ging es wieder aufwärts. „Heute habe ich meine Dinge geordnet, es geht mir wieder sehr gut, auch finanziell.“ Der ehemalige Abgeordnete wohnt abwechselnd in München-Bogenhausen und in Paris, wo auch seine Tochter lebt.

Neues Projekt für Dachau

Zu Dachau hatte er in den vergangenen Jahren wenig Kontakt. Das hat sich wieder geändert. Denn Hartl besitzt an der Karwendelstraße am so genannten Sonnenwinkel ein fast 6000 Quadratmeter großes Grundstück und plant – wie kann es anders sein – ein prestigeträchtiges Projekt: ein internationales Studentenwohnheim mit knapp 200 Appartements sowie ein kleines Hotel mit rund 50 Betten.

Wenn man Hartl auf dieses Projekt anspricht, räumt er ein, dass ihm das Ganze „ein großes Anliegen“ ist. Er spricht von „Vermächtnis“, von einem „krönenden Abschluss“, dass er Dachau etwas zurückgeben will. Wenn das Vorhaben klappt, könnte sich „Unser Hans“, wie er auf den Wahlplakaten vor mehr als 25 Jahren genannt wurde, tatsächlich in der Großen Kreisstadt ein kleines Denkmal setzen.

Derzeit läuft für das Bauprojekt ein Umwidmungsverfahren, denn auf dem Areal besteht Baurecht für ein 300-Betten-Hotel. Im Stadtrat kamen zwar Bedenken auf, Hartl könnte in Wirklichkeit Luxuswohnungen bauen. „Das stimmt natürlich nicht, und ich habe mich bereit erklärt, das auch in einer Grunddienstbarkeit festzuschreiben, festgelegt auf 30 Jahre. Damit hätte der Stadtrat die Kontrollmöglichkeit“, sagt Hartl. „Wir hatten viele Gespräche, und ich gehe davon aus, dass die Stadt das mitträgt, weil es eine gute Sache ist für den Lernort Dachau.“

Wichtige Entscheidung soll bald fallen

Hartl hofft, dass noch vor der Sommerpause im Bauausschuss ein positiver Grundsatzbeschluss gefasst wird. Dann könnten noch heuer der Aufstellungs- und der Billigungsbeschluss folgen – „und im nächsten Frühjahr vielleicht der Spatenstich“, hofft Hartl.

Parallel will der ehemalige Politiker eine Stiftung gründen, die es sieben jüdischen Studenten aus aller Welt ermöglichen soll, dort kostenlos zu wohnen. Das Projekt selbst soll die GWS-Immobiliengesellschaft schultern, deren Mehrheitsanteile von 51 Prozent Hartl hält.

Die anderen 49 Prozent liegen bei Helene Schuster, der ehemaligen Frau des Indersdorfer Baulöwen und früheren SPD-Politikers Josef Schuster aus Indersdorf. Helene Schuster war lange Zeit die Lebensgefährtin von Hans Hartl.

Von Torge Wester

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