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Die Erhaltungssatzung sollte die Häuser in der Martin-Huber-Straße schützen. Sie wurde zurückgenommen, der Ärger aber geht noch weiter.

Erhaltungssatzung

Abrissgerüchte im Internet: Hausbesitzer am Pranger

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Die Erhaltungssatzung für die Dachauer Martin-Huber-Straße wurde vom Stadtrat beschlossen, von den Anwohnern bekämpft und am Ende vom Stadtrat wieder abgeschafft. Doch das Thema gärt weiter – im Internet. Ein Anwohner fühlt sich regelrecht an den Pranger gestellt.

Dachau – Als Thomas Eder im Juli eine Abbruchgenehmigung für sein Haus an der Martin-Huber-Straße 13 beantragte, wusste er nicht, was er damit auslöste. Im Bauamt nämlich, so stellten es anschließend zumindest dessen Leiter Moritz Reinhold und Oberbürgermeister Florian Hartmann dar, habe man um die Zukunft des schönen Hauses gefürchtet und daraufhin den Plan ersonnen, mittels einer sogenannten Erhaltungssatzung nicht nur Eders Haus, sondern auch gleich noch alle anderen Häuser in dem Umgriff zu schützen.

Wie berichtet, ging dieser Plan nicht auf: Zwar stimmten der Bauausschuss im September und der Stadtrat im Oktober knapp für den Erlass der Satzung; nach Anwohnerprotesten im Januar aber schwenkten die Freien Wähler um, und die Mehrheit im Stadtrat kippte – genau wie der Beschluss zur Erhaltungssatzung. Am 4. Februar revidierten die Stadträte ihren Beschluss und stoppten das Erhaltungssatzungs-Projekt des Bauamts.

Damit wäre wieder Ruhe eingekehrt in der Martin-Huber-Straße, könnte man meinen. Doch weit gefehlt. Wenige Tage nach der Sitzung tauchte in einem sozialen Netzwerk ein Foto des Anwesens Martin-Huber-Straße 13 auf – mit einem Container davor. Gepostet hatte das Bild Stadtrat Michael Eisenmann (Bündnis für Dachau) mit der Frage: „Weiß jemand, ob die Gründerzeitvilla (...) jetzt abgerissen wird? Eine Woche nach Rücknahme der Erhaltungssatzung steht schon ein Container davor.“ Zahlreiche User kommentierten das Bild, schrieben etwa, dass es „unmöglich“ sei, was dort passiere. Ein anderer glaubte zu wissen, dass jemand das „Haus gekauft hat, bestimmt nicht billig“. Eisenmann selbst legte noch nach, als er schrieb, dass das „stadtbildprägende Haus ohne Not zum Abriss freigeben“ worden sei.

Hausbesitzer Thomas Eder, der in München lebt, erfuhr erst über mehrere Ecken von den Vorgängen. Und ist sauer: „Es stinkt mir gewaltig“, so der Uhrmachermeister, dass sich „Leute, die keine Ahnung“ hätten, derart über ihn äußerten, sein Grundstück fotografierten und dabei „noch nie auch nur einziges Wort direkt“ mit ihm gesprochen hätten! Tatsächlich gehöre das Haus nämlich seit 1907 seiner Familie, zuletzt habe seine schwer demente Großmutter darin gelebt. Das letzte, was er daher tun wolle, sei das Anwesen abzureißen.

Allein: „Ich kann mir das Haus nicht leisten“, gibt Eder zu. Die Großmutter habe das sanierungsbedürftige Haus nämlich ihm und einer weiteren Person zu gleichen Teilen vermacht; er habe seine Miterbin daher erst auszahlen müssen. Da er sich die nötige Renovierung nicht leisten könne, bleibe ihm nichts anderes als der Verkauf des Anwesens – „am liebsten an jemanden, der es so erhält“.

Zum Abbruchantrag hätten ihm Architekt und Rechtsanwalt geraten. Aber, so Eder, „da ging es nur um die Genehmigung, einen Abbruch haben wir nie geplant.“ Wenn er dies gewollt hätte, hätte er seine Villa bereits im Sommer – vor dem ersten Beschluss zur Satzung – abreißen können. Dem Bauamt, so gibt er weiter zu Protokoll, habe er dies auch stets so mitgeteilt. Und: Der Container wurd nur wegen der Entrümpelung aufgestellt.

Stadtrat Eisenmann gibt auf Nachfrage zu, dass „es nicht unbedingt gut ist“, wenn derartige Auseinandersetzungen über das Internet und über die Köpfe von Menschen ausgetragen werden. Das direkte Gespräch mit Eder aber sei für ihn trotzdem nicht in Frage gekommen: „Ich kenne diesen Menschen nicht. Warum sollte ich mit ihm reden?“ Und wenn man schon von guten Sitten rede: „Im Normalfall werden im Stadtrat auch keine Beschlüsse revidiert“, weshalb sich „CSU und Freie Wähler“ genauso schuldig gemacht hätten.

Dass Eder sich nun an den Pranger gestellt fühle, sei daher nur „ein Missverständnis“. Er habe lediglich das System kritisieren wollen: „Sobald solche Häuser zum Erbfall werden, hat man keine Kontrolle mehr.“ Dann würden Investoren übernehmen.

Eder und seine Nachbarn aus der Martin-Huber-Straße sehen das anders. Die wahren Profitmaximierer wären nämlich nicht in ihrer Straße, sondern auf dem nahen MD-Gelände zu suchen: „Wir sind nur Hausbesitzer, aber da drüben ist Wall Street pur!“

Kommentar: Ein Mandat verpflichtet

Ob es an Donald Trump und/oder den Neuen Medien liegt: In der Politik ist es ungemütlicher geworden. Wo früher Kooperation und Anstand galten, steht heute oft eine erschreckende Rücksichtslosigkeit. Gut zu beobachten ist dies am Beispiel der umstrittenen Erhaltungssatzung für die Martin-Huber-Straße – eine Straße, für die sich bis vor kurzem vergleichsweise wenig Menschen interessierten. Auf dem Rücken der Anwohner wurde dort wochenlang Wahlkampf betrieben, statt um Argumente ging es am Ende nur noch ums Recht haben. Statt den Einzelfall zu prüfen, wurde den Anwohnern lieber ganz allgemein Profitgier und Gewinnmaximierung unterstellt. Und dank Facebook und Co. wurde sogar dann noch nachgetreten, als die Sache eigentlich schon erledigt schien. Gerade von einem Stadtrat wie Michael Eisenmann sollte man erwarten dürfen, dass er mit den Bürgern nicht via Internet kommuniziert, sondern direkt das Gespräch sucht. Vor allem sollte man erwarten dürfen, dass nicht über Facebook-Posts – selbst wenn sie als Frage formuliert sind – Stimmung gemacht wird gegen einen Menschen. „Eigentum verpflichtet“, findet Eisenmann. Aber auch ein Mandat verpflichtet – zu Anstand und Transparenz. Stefanie Zipfer

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