Norbert Göttler, Kreisheimatpfleger
+
Norbert Göttler, Kreisheimatpfleger

INTERVIEW - Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler über lokale Geschichte im großen Rahmen

„Heimatpflege ist Zeitgeschichtsarbeit“

Dachau – Seit zehn Jahren ist Norbert Göttler Bezirksheimatpfleger von Oberbayern. Auch als Kreisheimatpfleger des Landkreises Dachau war der 61-Jährige ein Jahrzehnt hauptamtlich tätig. Nun wurde der gebürtige Dachauer zum Prodekan der Klasse „Kunst und Literatur“ der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste gewählt.

Herr Göttler, herzlichen Glückwunsch zur Wahl zum Prodekan. Welche Aufgaben kommen mit dem neuen Amt auf Sie zu?

Norbert Göttler: Vielen Dank! Als Prodekan leite ich in Stellvertretung der Dekanin die Klasse „Kunst und Literatur“. Zusammen gestalten wir das Leben der Fakultät. Konkret geht es darum, die vielen Mitglieder der Klasse ins Gespräch zu bringen und inhaltlich Aspekte zu entwickeln, wo die Neugierde aneinander, das Verstehen von Problemen und fremden Arbeitsfeldern deutlich wird. Das mache ich alles natürlich ehrenamtlich. Mein Hauptberuf ist nach wie vor Bezirksheimatpfleger. Das klingt jetzt erst einmal nach zwei verschiedenen Stiefeln. Ist es für mich aber nicht.

Wie meinen Sie das?

Es ist meine Überzeugung, dass wir als Heimatpfleger mit einem gewissen Horizont arbeiten müssen. Die Wertschätzung der kleineren Einheit, was ja auch Heimatpflege ist, muss immer auch gepaart sein mit einem Spagat, den größeren Umfang zu sehen. Lokale Heimatpflege und internationale Vernetzung sind zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Wie kann dieser Spagat Ihrer Ansicht nach konkret aussehen?

Nehmen wir das Beispiel Menschenrechte. Wir sind als Heimatpfleger gefordert, die ganze Breite unserer Gesellschaft abzudecken mit den Fragen der Migration, mit den Fragen des Umweltschutzes, der Naturgestalt, des Denkmalschutzes. Hier gilt es über die Grenzen hinaus zu blicken. Aber jeder, der turnt, weiß: Ein Spagat kann schmerzhaft sein und ist nicht selbstverständlich.

Gibt es etwas, das Sie in Ihrem Denken beeinflusst hat?

Ich würde schon sagen, dass der Standort Dachau eine Rolle spielt. Hier kann man gar nicht anders Heimatpflege betreiben, als zu sehen, dass Heimatpflege auch Zeitgeschichtsarbeit und eben auch der Umgang mit der NS-Vergangenheit ist. Da ist man hier immer aufgrund der Geschichte der Stadt ein Stückchen weiter als in anderen Landkreisen, da man eher gezwungen ist, sich auch mit internationalen Dingen zu beschäftigen. Der Name Dachau ist Chance und Verpflichtung zugleich.

Inwiefern?

Die Chance besteht darin, als Lernort positive und vielfältige Anregungen zu bekommen, auch darin hochinteressante Besucher im Landkreis zu empfangen. Gleichzeitig haben wir in Dachau die Verpflichtung zur Verantwortung, sich den Gegebenheiten zu stellen.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Auch eine gebrochene Heimat, wie es Dachau ist, kann Heimat sein und ist es wert, dass man sich für sie engagiert. Diesen Erkenntnisse sind auch in meine Bezirkstätigkeit eingeflossen, aber auch in meine Tätigkeit in der Akademie. Es geht immer darum: lokal arbeiten, international denken.

Mit welchen Herausforderungen haben Sie zu tun?

Ich sehe zwei Problemkreise. Zum einen eine Polarisierung der Gesellschaft im Politischen. Das stellen wir in allen Bereichen, auch in unserer Arbeit, fest. Begriffe wie Heimat werden immer öfter gebraucht, aber auch missbraucht. Sehr viele Parteien benutzten den Begriff in ihren Wahlkämpfen, da sind wir sehr kritisch, weil das oft genug auch demagogisch gemeint ist. Ein Mittel gegen zu starke Polarisierung ist der Dialog und die Möglichkeit einen Austausch zu schaffen, was das Hauptanliegen der Europäischen Akademie ist. Zum anderen habe ich eine gewisse Befürchtung, dass wir nach Corona eine Art Biedermeier-Kultur entwickelt haben, die vielleicht in der Krise auch in Ordnung ist. Nach der Krise darf sie aber nicht weitergeführt werden.

Was verstehen Sie unter dem Begriff „Biedermeier-Kultur“ und warum bereitet sie Ihnen Sorgen?

Ich befürchte, dass man sich über ein paar Jahre eine Art Kleinbürgertum angewöhnt hat. Ich habe Sorge, dass man bequem geworden ist und verlernt hat, sich mit schwierigen politischen und gesellschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen. Nach der Krise müssen wir uns wieder öffnen, uns über unseren Landkreis und Horizont hinaus engagieren. Das ist sowohl in der Heimatpflege ein Thema als auch für eine europäische Akademie, die gerade versucht, ganz unterschiedliche menschliche Zivilisationen zusammenzuführen. Wir müssen uns stets weiterentwickeln. Immer wieder den Horizont zu erweitern von einer lokalen auf eine internationale Ebene – das gehört für mich zum Menschsein und könnte viele Konfliktherde, die wir auch im Lokalen haben, verhindern oder relativieren.

Interview: Verena Möckl

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare