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Lange mit sich gerungen hat Agnes Hirschi, ob sie die KZ-Gedenkstätte in Dachau besuchen sollte.  Noch nie hat AgnesHirschi so vielPersönlichespreisgegebenIn der Schweiz willdie Zeitzeugin dafürwerben, dass Schülernach Dachau fahren

Holocaust-Überlebende besucht erstmals die KZ-Gedenkstätte in Dachau

Ein schwerer Gang für Agnes Hirschi

Die Holocaust-Überlebende Agnes Hirschi hat jetzt erstmals die KZ-Gedenkstätte in Dachau besucht. Der Schweizer Diplomat Carl Lutz rettete sie und mehr als 50 000 weitere Verfolgte in Budapest vor den Nazis.

Dachau– Es war der erste Besuch, den Agnes Hirschi überhaupt in einer KZ-Gedenkstätte machte. Bisher hatte sie das aus nachvollziehbaren Gründen vermieden. Und auch vor ihrer Dachau-Reise hatten ihre beiden Söhne ihr davon abgeraten, aus Sorge um die nervliche Belastung. Ihre Tante und ihre gleichaltige Cousine, mit der sie als Kind oft in Budapest gespielt hatte, waren in deutschen Konzentrationslagern ermordet worden. Sie selbst und ihre Mutter sind diesem Schicksal nur knapp entgangen.

Zu verdanken hatten sie und mehr als 50 000 weitere Juden in Budapest ihre Rettung dem Schweizer Vizekonsul Carl Lutz. Er stellte – weit über seine Kompetenzen hinaus – tausende Schutzpässe aus. Agnes brachte er sogar in seiner Residenz in Sicherheit. Ihre Mutter Magda Csányi beschäftige er als Hausdame. Nach dem Krieg heiratet Carl Lutz Magda und holte sie mit der Tochter Agnes in die Schweiz.

Heute hat es sich Agnes Hirschi zur Aufgabe gemacht, an den Rettungswiderstand ihres Stiefvaters zu erinnern. Im vergangenen Jahr gründete sie zu diesem Zweck die Carl-Lutz-Gesellschaft, deren Präsidentin sie ist. Pfarrerin Claudia Buchner von der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte lud Agnes Hirschi zu einem Zeitzeugengespräch nach Dachau ein.

Die 81-jährige Dame, die in der Nähe von Bern lebt, nahm die lange Fernbusreise auf sich. Im Publikum im Gesprächsraum der Versöhnungskirche waren auch ein Schweizer und eine ungarische Konsulin. Nach dem mit historischen Fotos illustrierten Vortrag der Zeitzeugin gab es viele Fragen.

Nachher bekannte Agnes Hirschi in kleiner Gesprächsrunde, dass sie noch bei keinem ihrer vielen Zeitzeugengespräche so viel Persönliches preisgegeben habe. Der Umzug in die Schweiz war für das Mädchen schwer. Sie musste ihren Vater, von dem ihre Mutter sich scheiden ließ, um Carl Lutz heiraten zu können, und ihr vertrautes Umfeld 1949 in Budapest zurücklassen, konnte kein Deutsch.

Auch konfessionell musste sie sich umorientieren. Ihre jüdische Familie in Budapest war nicht sonderlich religiös gewesen, Carl Lutz dagegen stark in der evangelisch-methodistischen Kirche verankert. Sein Rettungswiderstand war religiös motiviert gewesen. Und so wurde auch Agnes evangelisch. Heute engagiert sie sich in der evangelisch-reformierten Kirche.

In der Nacht nach dem Gespräch lag Agnes Hirschi lange in ihrem Dachauer Hotelzimmer wach. Dennoch blieb sie bei ihrem Entschluss, an einer Führung durch die KZ-Gedenkstätte teilzunehmen. Mehr als zwei Stunden war sie mit Kirchenrat Björn Mensing auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers unterwegs. Im Gedenkbuch für die Toten fand sie die Einträge zum Vater und zum Bruder eines guten Freundes. Beide wurden im Dachauer Außenlager Kaufering umgebracht.

Tröstlich war für die sichtlich erschütterte Agnes Hirschi, dass so viele Menschen die KZ-Gedenkstätte besuchen – und damit ihr Interesse am Schicksal der Verfolgten zeigen. Sie würde sich wünschen, dass mehr Schulklassen aus der Schweiz Dachau und andere Gedenkstätte besuchen.

Bei ihrem nächsten Zeitzeugengespräch in einer Schweizer Schule in wenigen Tagen wird sie dafür werben. Und einige Tage danach wird sie sich in Budapest bei der Präsentation der ungarischen Ausgabe eines Buches über Carl Lutz’ Rettungsaktion mit Agnes Heller über die Eindrücke in Dachau austauschen und Grüße übermitteln.

Die große Philosophin und Orbán-Kritikerin verdankt ihr Überleben ebenfalls Carl Lutz. Vor gut zwei Jahren kam auch sie auf Einladung der Versöhnungskirche erstmals in die Gedenkstätte nach Dachau.  dn

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