Dachauer Volksfest-Aufzug

Ihr letzter Ritt an der Spitze des Festzugs

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Wenn sich Irmi Lachner heute auf ihren Festl setzt, wird sie ein wenig wehmütig sein. Die Dachauerin führt heute zum letzten Mal nach 20 Jahren den Volksfest-Aufzug zur Festwiese als Vorreiterin an: Ihr Pferd geht in Rente, und sie gleich mit.

Dachau– Irmi Lachner bezieht heute wieder an erster Stelle des Festzuges Position, im Sattel ihres Festl, dem kräftigen braunen Wallach. Sie übernimmt die Rolle des Vorreiters, den es traditionell beim Dachauer Volksfest-Aufzug gibt, vor dem Taferlbuam und den Ludwig-Thoma-Musikanten. „Jahrelang bin ich als Mann geritten“, erzählt sie lachend. In den ersten Jahren musste sie ihre blonden langen Haare unter dem Hut verstecken. Inzwischen ist sie auch offiziell „die Vorreiterin“. Doch heute wird die 61-jährige Dachauerin den Aufzug zur Festwiese zum letzten Mal anführen.

Von klein auf war Irmi Lachner beim Festzug mit dabei. Kein Wunder: Ihr Vater Vitus Lachner war Wirt in Udlding, im Jahr 1968 Festwirt auf dem Volksfest. Auch er prägte den Festumzug: Er führte den Pony-Sechserzug als Brauereiwagen. Jahrzehntelang war dieser Sechserzug beim Dachauer Volksfest im Einsatz, später auch beim Oktoberfest für das Bräurosl-Bierzelt von Willi Heide. Irmi Lachner war stets mit dabei – bis ihr Vater vor 21 Jahren starb. „Dann hab ich gesagt, ich mag nicht mehr“, sagt Irmi Lachner.

Genau in diesem Jahr kam Klaus Mader, Organisator des Volksfestes bei der Stadt Dachau, auf sie zu, auf der Suche nach einem neuen Vorreiter. Davor hatten unter anderem Alois Durchdenwald und Michael Burghart diese Aufgabe. Die Tradition des Vorreiters hat seinen Ursprung in den jährlichen Pferderennen, die noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts stattfanden. Bei jedem Einzug marschierte vorneweg ein Reiter – und das sollte auch so sein, nachdem Irmi Lachners Vorgänger aufhörten.

„Ich hab Bedenken gehabt, weil ich ja eine Frau bin“, erklärt Irmi Lachner. Damals, 1998, sei es mit solchen Dingen noch ein wenig strenger zugegangen. Mader fragte den damaligen OB Kurt Piller, „der hat gesagt, dann verstecken wir halt die Haare“, so Irmi Lachner. Inzwischen ist sie jedoch längst „die Vorreiterin“.

Eigentlich reitet Irmi Lachner ja Schleppjagden. Vier Pferde trainiert sie, zusammen mit Karl Waibl, hinter dessen Gärtnerei in Ludwigsfeld. Hier haben die Pferde ein kleines Paradies: einen hellen Stall, Koppeln, Offenstall, für das Training eine Rennbahn, Geländehindernisse – und schöne grüne Wiesen, die direkt an den Hof anschließen.

Seine Zeit auf diesen grünen Wiesen kann der 20 Jahre alte braune „Festival“ nun für den Rest seines Lebens genießen. Festl nennt ihn Irmi Lachner, das Pferd, das sie in den vergangenen Jahren beim Aufzug immer sattelte, der aber auch als Sportpferd im Einsatz war. „Ich hab ihn in diesem Jahr in Rente geschickt, wie man sieht“ – Irmi Lachner deutet auf den runden Bauch des Pferdes und lacht. Und sie geht gleich mit in Rente – zumindest als Vorreiterin. „Das lerne ich jetzt keinem mehr.“ Festl schnaubt. Er wirkt tiefenentspannt. Aber wer den kräftigen Braunen beim Volksfestumzug schon gesehen hat, weiß, dass er auch anders kann.

„Er macht sich ganz wichtig, wenn er Zuschauer hat“, berichtet Irmi Lachner lächelnd. Das bedeutet: Festl tänzelt ein bisschen, hält seinen Kopf hoch erhoben, wirft sich in Pose. „Aber er macht das super“, lobt ihn Irmi Lachner. Immerhin ist so ein Volksfestumzug für ein normales Reitpferd durchaus eine außergewöhnliche Kulisse: Blasmusik, viele Leute, die zum Beispiel mit Kinderwagen dicht an den Pferden vorbeigehen. „Früher bin ich ja noch mit Pferd mittendrin beim Standkonzert vor dem Rathaus gestanden“, erzählt sie. Sie hatte verschiedene Pferde für den Festzug, ganz zu Beginn auch einen Festl, „auch ein sehr braves Pferd“. Der hatte einmal, als Irmi Lachner am Morgen des Festzugs in den Stall kam, ein Eisen verloren. Die Reiterin suchte voller Hektik die Koppel ab, fand es schließlich in der Box, nagelte es wieder auf den Huf. „Wir haben’s trotzdem noch rechtzeitig geschafft!“

In der Ostenstraße wird Irmi Lachner auch heute früh ihr Auto mit Pferdehänger parken. Von dort reitet sie in die Altstadt hinauf, bezieht ihre Position am Beginn des Festzugs. Dann herrscht Anspannung. „Ich bin sehr konzentriert.“ Sie muss auf die Besucher achten, dann, wenn sich der Zug in Bewegung setzt, auf das richtige Tempo und den Boden.

Entlang der Strecke, wenn die Leute klatschen und winken, schwingt heute natürlich Wehmut mit: „Ich habe ein lachendes und ein weinendes Auge“, sagt Irmi Lachner. Auf der Festwiese angekommen, reitet Irmi Lachner gleich weiter in die Ostenstraße. Wenn der Oberbürgermeister Florian Hartmann heute den ersten Banzen anzapft, hat sie ihren Festl längst wieder verladen und ist auf dem Weg in den Stall. Und Festl tritt seinen wohlverdienten Ruhestand an – auf den Koppeln bei Ludwigsfeld.

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