Seitdem es eine klare Altersgrenze für den Einsatz von Astrazeneca gibt, haben die Debatten im Impfzentrum aufgehört. Foto. dpa
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Viele Ältere wollen den für sie freigegebenen Impfstoff nicht. Das macht Dr. Stephan Herf wütend.

Warum der Dachauer Allgemeinmediziner Dr. Stephan Herf verzweifelt ist

Corona-Appell eines Arztes: „Jetzt müssen die Alten solidarisch sein!“

  • Nikola Obermeier
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Dr. Stephan Herf ist verzweifelt. Der Dachauer Allgemeinmediziner befürchtet, dass die Zeit des Zusammenhalts in der Corona-Krise vorbei ist. Das zeige sich daran, dass viele Ältere den für sie freigegebenen Impfstoff nicht wollen. Er fordert Solidarität – und will, dass die Krankheit in den Fokus gerät, nicht die Diskussion über die Impfung.

Dachau – Die Corona-Infektionszahlen steigen, die Helios Amperklinik füllt sich wieder mit Covid-19-Patienten (siehe Interview am Ende). Nun wurde der „Impfturbo“ im Landkreis gezündet, alle über 60-Jährigen sollen in dieser Woche ein Impfangebot erhalten. Doch 15 bis 20 Prozent der Menschen, die ein Impfangebot erhalten, lehnen den Impfstoff Astrazeneca ab, berichtet Landrat Stefan Löwl.

Darüber ist Dr. Stephan Herf wütend. „Was mich persönlich wirklich irritiert, ist der Verlust der Solidarität: Ich impfe mich nicht nur für mich, sondern auch für die Anderen. Das fehlt im Bewusstsein.“ Der Dachauer Arzt fordert daher, dass die Krankheit wieder in den Fokus geraten müsse, nicht die Diskussion über die Impfung.

Er berichtet von einem 47-jährigen Covid-Patienten, der nach drei Wochen verstorben ist und drei Kinder hinterlässt; von einem 20-Jährigen ohne Symptome, der nach der Quarantäne nur noch 70 Prozent seines Lungenvolumens besitzt. „Diese Krankheit ist unkalkulierbar“ – und die Impfung mit Astrazeneca sei sehr wirksam. Deshalb verlangt Herf Solidarität von den älteren Menschen: „Ein Jahr lang haben die jüngeren für die älteren Menschen auf alles verzichtet, jetzt dürfen die Alten die Jungen nicht im Stich lassen!“ Der Pieks sei ein Ausdruck von Sozialität.

Seit einem Jahr und einem Monat ist Dr. Stephan Herf mit Corona beschäftigt. Er hat früh eine Infektionspraxis aufgebaut, er ist in der Pandemiegruppe des Landkreises. Fast wöchentlich muss er Patienten mit Covid-19 ins Krankenhaus einweisen. Seit rund einem Monat impft der Dachauer Allgemeinmediziner, zunächst mit mobilen Teams, jetzt in der Praxis.

„Man kann sicher sein, dass man mit Astra gut geimpft ist“, sagt Herf und zitiert damit die Weltgesundheitsorganisation und die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA, die den Impfstoff uneingeschränkt empfiehlt. Dass der Impfstoff für die ältere Personengruppe in Deutschland zunächst nicht freigegeben war, habe lediglich an fehlenden Daten gelgen, nicht an möglichen Nebenwirkungen.

Dabei hätte man damals schon sagen können, dass der Impfstoff gerade für die älteren Menschen gut ist, betont der Mediziner. „Die Nebenwirkungen von Astrazeneca sind bei jüngeren Menschen in 25 bis 50 Prozent der Fälle stark.“ Diese gingen aber in der Regel in ein bis zwei Tagen weg. Das sei zum einen ein Nachteil, aber gleichzeitig ein Vorteil des Impfstoffs: Denn Herf zufolge schafft Astrazeneca bereits nach der Erstimpfung einen sehr guten Schutz vor Tod und vor schweren Verläufen. „Das kann Biontech nicht“, so Herf. „Biontech braucht zwei Impfungen, dass man sich sicher fühlen kann.“ Biontech-Geimpfte müssten also „sechs Wochen länger zittern, bis sie wirklich geschützt sind“.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Geimpfte mit dem Virus in Kontakt kommen, sei derzeit noch zu hoch: Bei einer Inzidenz von 118 könne man laut Herf davon ausgehen, dass wir bei 200 liegen oder noch höher. „Und um schnell aus der Pandemie herauszukommen, ist es wichtig, dass sich möglichst viele schnell aus der Gefahrenzone bringen – und da ist Astrazeneca momentan für Ältere die beste Option.“

Doch manche ältere Patienten lehnen Astrazeneca ab – sie sind wegen der berichteten Fälle von Sinusvenenthrombosen verunsichert. Dafür hat Herf wenig Verständnis, da der Impferfolg in England weitgehend auf der Astrazeneca-Impfung beruhte. Allerdings liegen Daten vor, die nahelegen, dass bei Jüngeren sehr selten Komplikationen in Zusammenhang mit der Impfung auftreten könnten. „Wenn eine 75-jährige Frau mir erklärt, sie könne nur Biontech kriegen, Astrazeneca sei nicht gut – dann habe ich im Kopf: Wenn sie eine Enkelin hätte, dann nimmt sie der Enkelin den Impfstoff weg.“

Außerdem skizziert Dr. Herf folgendes Szenario: Wenn das Angebot an alle über 60-Jährigen ergangen ist, rutscht Dachau in der Priorisierung eine Stufe tiefer. Dann werden die Impfberechtigten immer jünger – und wer digital auf Zack ist, kommt möglicherweise schneller zum Zug. „Ich fürchte, dass die älteren Menschen dann das Nachsehen haben werden.“

Auch für den Schutz der Kleinkinder könne man sich solidarisch impfen, sagt Herf. Das Risiko, auf dem Weg in die Praxis einen tödlichen Unfall zu haben, sei größer als das Risiko, eine mögliche Nebenwirkung zu kriegen. Im Moment sei eindeutig wissenschaftlich nachweisbar, dass der Schutz von Astrazeneca überwiegt. Seine Empfehlung ist daher eindeutig: „Alle älteren Leute lassen sich mit Astrazeneca impfen, alle Jüngeren mit Biontech – und Hauptsache schnell!“ Das Anliegen von Dr. Herf ist es, „dass wir wieder etwas mehr zusammenrücken, damit die Impfkampagne hier im Landkreis Erfolg hat“. Der Dachauer Arzt legt den Menschen ans Herz, ihren Impftermin anzunehmen. Wer die Impfung allerdings ablehnt, dem wünscht er, „nicht die Impfung durch die B117-Variante zu bekommen“ – die ansteckende britische Variante des Coronavirus, die derzeit in Dachau vorherrscht.

Wie viele Covid-19-Patienten werden derzeit im Klinikum behandelt?
Alexander von Freyburg: Derzeit werden 20 Covid-19-Patienten im Klinikum behandelt, davon 16 Patienten auf der Normalstation und vier Patienten im Intensivmedizinischen Zentrum.
Wie beurteilen Sie den Anstieg?
Wie schon in den ersten beiden Wellen steigt die Anzahl an Patienten, die einer stationären Behandlung bedürfen, zwei bis drei Wochen zeitversetzt nach dem Anstieg der Inzidenz. Entsprechend ist leider zu erwarten, dass die Zahl der Covid-19-Patienten in unserem Klinikum noch zunehmen wird. Die Modellierungsmodelle des Robert-Koch-Instituts und der DIVI lassen befürchten, dass der Peak aus der zweiten Welle erreicht und überschritten wird.
Gibt es Unterschiede bei Krankheitsverläufen und Durchschnittsalter der Patienten im Vergleich zu vor einem Jahr?
Aufgrund der weit fortgeschrittenen Impfkampagne in der Prioritätsgruppe eins ist das Durchschnittsalter der Patienten deutlich gesunken. Die Impfung verhindert hocheffektiv Ansteckungen und stationäre Aufenthalte. Der Krankheitsverlauf an sich hat sich wenig verändert, aber wir sehen nun auch bei jüngeren Patienten deutlich schwerere Krankheitsverläufe, die einen längeren stationären oder gar intensivmedizinischen Aufenthalt erfordern.
Wie ist die Stimmung in der Belegschaft? Wirkt sich die Arbeitsbelastung in der Pandemie, die ja sicherlich kräftezehrend ist, auf die Stimmung aus?
Prof. Dr. Hjalmar Hagedorn: Wir gehen weiterhin professionell mit der Pandemiesituation um. Aber natürlich wären wir alle glücklich, wenn die dritte Coronawelle nicht das Niveau der zweiten Welle erreichen würde. Und wir würden uns sehr freuen, wenn sich unser Arbeitsalltag bald wieder normalisieren würde.
Interview: no

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