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Nach Vorstoß von Klimaschutzminister Habeck: Kommt im Landkreis Dachau frischer Wind in den Windradbau?

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Von: Thomas Zimmerly

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Rotmilan
Im Anflug auf den Landkreis Dachau: der Rotmilan. Bislang konnte der Vogel einige Windradprojekte verhindern. © dpa

Der neue Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz Robert Habeck möchte die in Bayern geltende 10-H-Regel abschaffen. Der Bund Naturschutz Dachau ist erfreut. Kreischef Roderich Zauscher führt Argumente dafür an, warum weitere Windkraftanlagen gebaut werden sollten – selbst wenn er bei sich zuhause „eine vor der Nase hätte“.

Landkreis – Robert Habeck, grüner Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, hat angekündigt, die bayerische 10-H-Regel, die besagt, dass ein Windrad mindestens das Zehnfache seiner Höhe von Wohnbebauung entfernt sein muss, zu kippen. Zum Erreichen der Klimaziele sowie im Kampf gegen die Inflation, sprich um Deutschland von Rohstoffimporten unabhängiger zu machen, brauche es auch mehr Windkraft und dafür deutlich mehr Flächen. Genauer gesagt möchte Habeck, dass auf zwei Prozent der Landesflächen Windenergie erzeugt werden soll. Mit seiner Ansage hat der neue Minister der CSU einen ordentlichen Schrecken eingejagt. Im Landratsamt Dachau bleibt man hingegen gelassen. Beim Bund Naturschutz (BN) sind die Verantwortlichen begeistert.

So hofft der BN-Kreisvorsitzende Roderich Zauscher, „dass Habeck erfolgreich ist. Es wäre immens wichtig für unsere Zukunft“. Logisch, dass Zauscher den Klimaschutzminister unterstützt, könnte einem in den Sinn kommen, schließlich sind die beiden Parteigenossen. Doch der Gemeinde- und Kreisrat aus Odelzhausen hat gute Gründe, die für die Abschaffung von 10H sprechen.

Da ist einmal der Artenschutz. „Den brauchen wir, klar“, sagt Zauscher. Doch man müsse bedenken, dass die Riesenrotoren nur für etwa ein Promille der getöteten Tiere verantwortlich seien. Es würden laut Zauscher ungleich mehr auf Autobahnen, in und um Gebäude oder an Strommasten ihr Ende finden. „Windräder sind da fast bedeutungslos geworden“, so der BN-Vorsitzende. Zudem gebe es mittlerweile Systeme, die abschalteten, wenn sich ein Vogel nähere.

Etwa der Rotmilan, der von Windradgegnern gerne und überaus erfolgreich ins Feld geführt wird, um Anlagen zu verhindern. Der Greifvogel gelte als bedroht, so die Windkraftgegner – nicht zuletzt, weil er häufig mit Windrädern kollidiere. Stimmt nicht, meint Zauscher. Es habe noch nie so viele in Deutschland gegeben wie heute, so der Kreisrat, der Bestand sei keineswegs gefährdet.

Nach Auskunft von Hartmut Lichti vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) Dachau steht der Rotmilan zwar nicht auf Roten Liste gefährdeter Arten, jedoch auf der Vorwarnliste. Im Landkreis komme er nicht allzu häufig vor, „ist aber langsam in der Ausbreitung“. Ganz allgemein, so Lichti weiter, sei es schwer zu ermitteln, wie viele Vögel von Rotorenblättern getötet werden. Für den Landkreis Dachau gebe es keine Erhebungen. Viele Windräder stünden in Waldgebieten, so der Vogelexperte, „getötete Vögel sind da oft nicht mehr aufzufinden, weil der Fuchs schneller war“.

Windkraft sei die Flächen sparendste der erneuerbaren Energien, nennt Zauscher ein weiteres Argument für den Bau weiterer Anlagen. Und gleich noch eins: Rund um den Windpark Hohenzell (Buchwald), der in einem Waldstück in der Nähe von Zauschers Heimat Odelzhausen entstand, seien dank der Rodungen für die fünf Anlagen und der dadurch verstärkten Sonnenbestrahlung des Bodens wertvolle Biotope entstanden. Mehr Schmetterlinge oder Pflanzen seien dort nun zu sehen. „Das hat eine gute ökologische Wirkung“, so Zauscher.

Das Landratsamt hat aktuell keine Untersuchung des Landkreisgebietes vorgenommen, wo eventuell noch Möglichkeiten zum Bau einer Windkraftanlage oder eines Windparks bestehen, wie Pressesprecherin Sina Török mitteilt. „Eine solche Lokalisierung wäre primäre Aufgabe eines Projektführers oder seines Planungsbüros, ebenso wie auch die Beurteilung der Frage der voraussichtlichen Rentabilität des Projektes.“ Neben den fünf Anlagen bei Hohenzell gibt es im Landkreis noch drei weitere Windräder, zwei bei Dachau und eines bei Welshofen. Weitere Anlagen sind derzeit nicht geplant.

Allerdings sei eine Errichtung einer Anlage innerhalb des 10-H-Bereichs „durch eine gemeindliche Bauleitplanung grundsätzlich überall möglich“, so Török weiter. „Mit entsprechendem planerischen Willen einer Gemeinde müssen somit ansonsten nur die allgemeinen – auch ohne 10H geltenden – Genehmigungsvoraussetzungen eingehalten werden“; etwa Artenschutz, Flugverkehr oder Wasserrecht.

Offensichtlich mangelt es – aus welchen Gründen auch immer – vor allem in Bayern am „planerischen Willen“, denn von den gut 460 im vergangenen Jahr in Deutschland aufgestellten Anlagen wurden im flächenmäßig größten Bundesland Bayern lediglich acht errichtet. Habeck sprach daher von einer „Verhinderungsplanung“ im Freistaat. Dem wiederum widerspricht das Landratsamt. Sprecherin Török: „Ziel der 10-H-Regelung war ja explizit nicht, die Windkraft zu verhindern, sondern durch einen ,Konsens vor Ort’ im Rahmen eines Bauleitplanverfahrens die Windkraft zu steuern.“

Landrat Stefan Löwl hält darüber hinaus nicht viel von Habecks 2-Prozent-Quote. Er setzt sich vielmehr für eine festgelegte Erzeugungsquote von regernativem Strom/Energie ein. Jeder Gemeinde solle demnach eine, jährlich entsprechend den Klimazielen steigende, Energieerzeugungsquote zugeordnet werden, die dann nach den jeweiligen Verhältnissen und Entscheidungen vor Ort durch Windkraft, Photovoltaik, Biogas, Wasserkraft, usw. zu erfüllen sei, so Löwl. „Es geht also um eine vorgegebene, gemeindespezifische Energieproduktionsmenge aus regenerativen Quellen, aber nicht um die Vorgabe einer bestimmten Erzeugungsart“, so der Landrat.

Kreistagskollege Zauscher wiederum sagt, dass vor allem der Windkraft die Zukunft gehöre. „Wir brauchen mehr Windräder und werden weiter dafür kämpfen. Auch wenn ich dann selbst welche vor der Nase hätte“, so der Odelzhauser.

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