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Nach Insolvenz vieler Billig-Anbieter: Kostenschock für Strom-Neukunden bei Grundversorgern

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Von: Stefanie Zipfer

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Wer in Dachau gerade auf der Suche nach einem neuen Stromanbieter ist, hat ein Problem.
Wer in Dachau gerade auf der Suche nach einem neuen Stromanbieter ist, hat ein Problem. Billiganbieter verschwinden vom Markt, und die Stadtwerke müssen den Neukunden hohe Tarife abverlangen. © Fernando Gutierrez-Juarez / dpa

Immer mehr Billig-Stromanbieter müssen angesichts der Preisexplosion auf dem Energiemarkt Insolvenz anmelden. Die Stadtwerke übernehmen dann die Grundversorgung. Ein Preis-Schock für viele Betroffene.

Dachau – An den Strommärkten waren in den letzten Wochen die Preise regelrecht explodiert. Die Folge: Billiganbieter wie Stromio, die ihren Strom zuvor günstig auf den sogenannten Spotmärkten, also den kurzfristigen Strombörsen, gekauft hatten, können nun nicht mehr rentabel arbeiten; sie kündigen daher ihren Kunden die Verträge oder gehen insolvent.

Damit bei diesen ehemaligen Discounter-Kunden nun nicht die Lichter ausgehen, sind die örtlichen Grundversorger, das heißt die Stromanbieter mit den meisten Kunden, gesetzlich verpflichtet, diese Strom-Losen mit Energie zu beliefern. Im Fall der Stadtwerke Dachau bedeutet dies: Seit 23. Dezember kommen laut Vertriebsleiter Christian Diecke zu den Stadtwerke-Bestandskunden 290 ehemalige Stromio-Kunden sowie noch einmal knapp 100 weitere Kunden anderer ins Trudeln geratener Stromdiscounter dazu.

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Preis-Schock bei Stromversorgung: Stadtwerke-Neukunden vor Problem

Da die Stadtwerke langfristig kalkulieren und drei Viertel ihres Stroms – anders als die Discounter – nicht an den Tagesmärkten, sondern langfristig mit festgesetzter Menge und fixem Preis einkaufen, stellen die rund 400 Neuen ein Problem dar. Denn: „Diese Mengen an Strom haben wir nicht. Die müssen wir also an der Börse tagesaktuell zukaufen“, so Diecke.

Und das ist teuer! Mit Preisen um die 55 Cent kostet die Kilowattstunde Strom zum Teil das Zehnfache wie noch vor wenigen Monaten. Die Frage „Was machen wir jetzt?“ beantworteten die Stadtwerke Diecke zufolge daher so: „Damit die Bestandskunden ihren Preis behalten können, mussten wir eigene Tarife für Neukunden anbieten.“ Die Altkunden dagegen sollen ihren Preis behalten dürfen.

Mehr als das Doppelte pro Kilowattstunde: Ehemalige Billig-Stromkunden vor Preis-Schock

In Zahlen bedeutet dies: Ein ehemaliger Stromio-Kunde zahlt bei den Stadtwerken nun 70,13 Cent pro Kilowattstunde, ein langjähriger Stadtwerke-Kunde wird dagegen nur mit 32,17 Cent belastet. Wobei Diecke betont: Die Lage bei den Dachauer Stadtwerke ist dank der 25 Prozent Strom-Eigenproduktion - hauptsächlich aus Wasserkraft - und der mehrjährig angelegten Beschaffungsstrategie noch vergleichsweise gut. Andere Stadtwerke, betont Diecke, wären noch wesentlich abhängiger vom Strommarkt und müssten noch mehr Strom zukaufen.

Im Landkreis stellt sich die Lage der von Kündigungen betroffenen Kunden anders dar. Bis auf Haimhausen werden alle anderen Landkreisgemeinden vom Stromriesen Eon versorgt, der laut Sprecher Arne Schleef derzeit keine unterschiedlichen Preise der Grundversorgung für Alt- und Neukunden berechnet.

Schleef betont aber auch, dass die aktuelle Lage „auf den Energiemärkten historisch einzigartig“ sei und sich „einige Discountanbieter in dieser schwierigen Marktsituation ihrer Verantwortung entziehen“. Um diese in Not Geratenen mit Strom zu versorgen, müsse nun auch Eon „die Energiemengen zu größeren Teilen nach den aktuellen Bedingungen der Märkte beschaffen“, weshalb der Konzern es doch sehr begrüßen würde, wenn „die Politik nun ihre Verantwortung wahrnimmt, zu einer Beruhigung an den Energiemärkten beizutragen“.

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Wechsel zu Stromriesen Eon: Stadtwerke können mit weltweitem Konzern nicht mithalten

Diecke formuliert es so: „Möglicherweise kann Eon als multinationaler Großkonzern, der weltweit agiert, das wegstecken, wir als Mittelständler können es nicht.“ Nur so sei es dem Riesen möglich, sowohl für Alt-, als auch die auf Grundversorgung angewiesenen Neukunden im Landkreis Dachau 30,21 Cent pro Kilowattstunde zu verlangen.

Was sich Diecke für die Zukunft wünscht: Dass die Bundesnetzagentur von vorn herein besser auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Strom-Billiganbieter achtet. Und dass auch bei den Kunden ankomme, dass Strom ein wertvolles Gut ist. Die Stadtwerke jedenfalls werden die Lage „weiter beobachten“, in der Hoffnung, auch den Neukunden bald einen günstigeren Tarif anbieten zu können. Sicher ist, „dass wir uns an den Neukunden nicht bereichern“, so der Stadtwerke-Mann. Wenn der Strom an der Börse 55 Cent pro Kilowattstunde koste und dazu noch diverse Netz-und Messentgelte, Umlagen, Abgaben und Steuern kämen, seien die den Kunden in Rechnung gestellten 70,13 Cent fast schon „Einkaufspreis gleich Verkaufspreis“.

Das Grundproblem sind aber Diecke zufolge ohnehin nicht die Billiganbieter, sondern die Tatsache, „dass wir zu wenig Strom haben in Deutschland“. Wenn funktionierende Kraftwerke für teures Geld vom Netz genommen und für noch teureres Geld neue Kraftwerke gebaut werden müssen, dann sei das, so Diecke, „volkswirtschaftlich einfach nur Wahnsinn“. Bis auf weiteres jedenfalls haben die Stadtwerke ihre Neukundenakquise eingestellt. *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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