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Landratsamt droht mit roter Karte für Biomüll-Sünder

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Von: Thomas Zimmerly

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Umstritten: die Biokunststofftüte. Erst Information, dann Kontrolle
Umstritten: die Biokunststofftüte. Erst Information, dann Kontrolle © Landratsamt

Das Landratsamt Dachau hat eine Biomüll-Kampagne beschlossen. Schon bald geht es los. Der Grund: Es befindet sich vor allem zu viel Plastik in den Biotonnen. Informieren, motivieren, kontrollieren lautet das Credo der Kommunalen Abfallwirtschaft.

Landkreis – Sie habe Mülltüten aufgerissen, sagte Barbara Mühlbauer-Talbi, „es war erschreckend, wie viel Plastik dort noch enthalten ist“. Die Abfallberaterin des Landratsamts und ihre Kollegen von der Kommunalen Abfallwirtschaft haben 2021 die Biomülltonnen im Landkreis unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: 5920 Tonnen Biomüll – das sind 38 Kilogramm pro Einwohner – wurden gesammelt. Davon waren 592 Tonnen Störstoffe, die aussortiert und dann bei der Firma Wurzer thermisch verwertet wurden. Grund genug für das Landratsamt, um eine Biomüll-Kampagne zu starten. Informieren, motivieren, kontrollieren, so das Credo.

Mühlbauer-Talbi stellte das 16 000-Euro-Projekt im Umwelt-/Verkehrs- und Kreisausschuss vor und erklärte, warum sich das Landratsamt zum Handeln gezwungen sieht. „Kunststoffe belasten massiv unsere Umwelt“, so die Diplom-Biologin. „Einmal freigesetzt, zersetzen sie sich nur sehr langsam. Sie verrotten nicht, und sie werden zu immer kleineren Teilchen, zu Mikroplastik“, so Mühlbauer-Talbi. Von Mikroplastik oder Kunststoffteilchen spreche man, wenn sie kleiner als fünf Millimeter seien. Mikroplastik findet sich in der Erde, in der Luft, im Wasser – „und leider auch in unserer Nahrung“.

Die Störstoffe im Biomüll, das sind in der Hauptsache Plastiktüten, verpackte Lebensmittel sowie Restmüll. Darunter sind, und das ließ die Kreisräte in der Sitzung aufhorchen, auch die kompostierbaren Biokunststofftüten, wie sie etwa in Supermärkten ausgegeben werden. „Sie müssen mindestens aus 50 Prozent nachwachsenden Rohstoffen entstehen, das heißt, die Hälfte ist Stärke“, so Mühlbauer-Talbi, aber die andere Hälfte seien andere Stoffe, Additive oder Bestandteile, die das Material fest machen würden. „Unter normalen Bedingungen zersetzten sich die Biomülltüten nicht!“, so die Abfallberaterin.

Nun ist es so, dass biologisch abbaubare Biosammelbeutel zwar laut Landratsamt unerwünscht sind, jedoch 2023 allgemein gesetzlich zugelassen sein werden. Peter Kistler, Sachgebietsleiter Kommunale Abfallwirtschaft, meinte jedoch: „Wir können diese Biokunststofftüten ausschließen.“ Das gehe über die Sortiervorgaben des Kreises, in denen geregelt sei, was explizit in die Biotonne dürfe und was nicht.

Um die Verbesserung der Biotonnenqualität zu erreichen, sollen die Bürger informiert und sensibilisiert werden. Dazu wird es Pressemitteilungen geben, sowie Postkarten mit einer aufgedruckten, aufmerksamen Eule. Es wird auf Plakaten und mit Aufklebern geworben. Zudem sind Recyclinghof-Führungen für Schulklassen geplant. Studenten der Filmhochschule München werden einen Kurzfilm fürs Internet drehen. Schließlich ist die Künstlervereinigung Dachau involviert, die Bilder und Plakate gestalten wird.

Im Anschluss an die Information und Motivation folgt: die Kontrolle. „Im Juli werden wir ein bestimmtes Gebiet in Dachau stichprobenartig kontrollieren. Wir gehen in der Früh vor der Leerung durch die Straßen, schauen in die Biotonnen rein, ob alles richtig befüllt ist“, so Mühlbauer-Talbi. Wenn etwas nicht passt, bekommt der Besitzer einen gelben Anhänger an seine Tonne.

Wenn bei einer weiteren Überprüfung zwei Wochen später erneut zu viel Störstoffe drin sind, folgt der rote Anhänger, und die Tonne wird nicht geleert. Dann hat ihr Besitzer drei Alternativen: Er entfernt die Störstoffe selbst, er beauftragt einen Entsorger zur kostenpflichtigen Sonderleerung oder er verpackt den beanstandeten Müll in Restmüllsäcke und stellt ihn für die nächste Leerung der Restmülltonne parat. „Im Nachgang – von September bis November – kontrollieren wir stichprobenartig im gesamten Landkreis“, verspricht die Abfallberaterin.

Dachaus OB Florian Hartmann gab zu bedenken: „Bei größeren Anlagen ist es schwierig zuzuordnen, wer die Tonne kontaminiert hat.“ Da sei in der Tat ein „massives Problem“, so Mühlbauer-Talbi. „Aber es gibt eine Anschlusspflicht an die Biotonne. So schnell kann man sich seiner Pflicht nicht entziehen.“ (siehe Kasten).

Dr. Carsten Schleh (Grüne) zitierte aus einer Studie der Uni Amsterdam. Die Gelehrten dort hatten menschliches Blut untersucht. In 80 Prozent der Proben habe sich Mikroplastik gefunden, so der Karlsfelder Kreisrat. Hochgerechnet wurde ein Maximalwert von fünf Gramm Mikroplastik gefunden. „Wir essen also teilweise eine Kreditkarte in der Woche!“

Zum Abschluss gab es noch ein Statement, das zum Nachdenken anregte. „Wir sind doch eine aufgeklärte Bevölkerung“, meinte Emmi Westermeier (CSU), es wisse doch jeder, dass Plastik nicht in den Biomüll gehöre. Die Kampagne ist für die ehemalige Kreisbäuerin offenbar ein zu weit gehender Zwangsschutz des Staates. Es ginge auch einfacher. Plastiksünder, sagte sie, „müssten einfach an die Sortiermaschine beim Wurzer“!

57 Prozent haben eine Biotonne

Im Landkreis Dachau sind derzeit 57 Prozent der Einwohner an die Biotonne angeschlossen. Der Rest kompostiert den Biomüll im eigenen Garten. Im Landkreis besteht eine Anschluss- und Benutzungspflicht der braunen Biotonne, die in den Größen 80, 120 und 240 Liter zu moderaten monatlichen Gebühren von 5,35, 8 und 16 Euro angeboten werden. Die Tonnengröße richtet sich nach der Personenzahl. Pro Person müssen mindestens zehn Liter Tonnenvolumen zur Verfügung stehen. Die Leerung erfolgt 14-tägig. Eine Befreiung von der Biotonne ist auf Antrag möglich, wenn pro Person 25 Quadratmeter unversiegelte Gartenfläche auf dem eigenen Grundstück vorhanden sind und fachgerecht selbst kompostiert wird.

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