Corona-Fazit: Dr. Baumgartner-Schneider, Landrat Löwl, im Hintergrund Fallkurven.

Corona war im Landkreis Dachau ein großes Problem

Landkreis kam an seine Grenzen

  • Thomas Zimmerly
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Der Landkreis Dachau war vom Virus schwer betroffen. Die Verantwortlichen zur Bewältigung der Corona-Krise mussten deshalb an ihre Belastungsgrenze gehen. Die Leiterin des Gesundheitsamts, Dr. Monika Baumgartner, und Landrat Stefan Löwl schilderten bei einem Pressegespräch, wie sie diese bewegenden Wochen erlebt haben.

VON THOMAS ZIMMERLY

Landkreis – Musikfans werden sich vielleicht noch an den Hit „Working 9 to 5“ erinnern, bei dem Dolly Parton die Mühsal eines Arbeitslebens von früh um 9 Uhr bis nachmittags um 17 Uhr beklagt. Hätte die US-Countrysängerin das Lied Dr. Monika Baumgartner-Schneider gewidmet, hätte sie trällern müssen: „Working 7 to 23“. Denn seit Ende Februar arbeitete die Leiterin des Dachauer Gesundheitsamtes wegen der Coronakrise bis vor kurzem fast täglich von 7 bis 23 Uhr. Ihren ersten freien Tag hatte die Abteilungsleiterin nach 14 Wochen.

Wenig Schlaf, unzählige Telefonate und Besprechungen mit Mitarbeitern und Verantwortlichen – und dazu die quälende Frage: Werden wir die Krise meistern? Stand heute: Der Landkreis Dachau hat die Krise gemeistert. Aber es war ziemlich knapp. Gemeinsam mit Landrat Stefan Löwl sowie Landratsamt-Pressesprecher Wolfgang Reichelt blickte Baumgartner-Schneider bei einem Pressegespräch noch einmal zurück auf die Zeit, als das Virus in das Dachauer Land eindrang.

„Wir haben immer wieder die Meldungen gehört aus Italien und aus Wuhan. Wir waren da schon in Alarmbereitschaft“, so Baumgartner-Schneider über die Tage ab Ende Februar. Obwohl es bei uns noch ruhig war, nutzte das Gesundheitsamt die Zeit, um Vorbereitungen zu treffen. „Wir haben die Arbeitsgruppe Pandemie einberufen. Der Landrat hat relativ zügig Mitstreiter aktiviert, die niedergelassenen Ärzte, Klinikum, BRK und Apotheker.“ Alles sei ein wenig in Aufruhr gewesen, so Baumgartner-Schneider.

Denn es habe beispielsweise keine Schutzausrüstung oder Masken gegeben. Am 5. März war der SARS-CoV-Erreger schließlich angekommen. Zunächst nur bei zwei Schülern der Fachoberschule Karlsfeld. Doch schon nach kurzer Zeit waren es 20 Infizierte pro Tag, später sogar 50. „Wir hatten ein Ablageregister, wo wir die eingehenden Faxe oder E-Mails über Fälle reingelegt haben. Ab 7 Uhr haben wir die Fälle rausgenommen“, so die Leiterin des Gesundheitsamts.

Dann galt es Kontaktpersonen zu ermitteln, Infektionswege nachzuverfolgen und das Geschehen zu überwachen. Schnell waren sämtliche acht Mitarbeiter des Infektionsschutzes mit der Krise befasst. Ärzte wurden miteingebunden, auch die Kinderkrankenschwestern, deren Job es eigentlich ist, die Einschulungsuntersuchungen vorzunehmen, sowie die Sozialpädagogen. Schließlich fokussierten sich Mitarbeiter aus sämtlichen Abteilungen, vom Klimaschutz bis zur Zulassungsstelle, auf die Bewältigung der Krise.

Man habe das Glück gehabt, so Baumgartner-Schneider, viele Teilzeitkräfte zu beschäftigen, die dann ohne Murren Vollzeit gearbeitet und überdies Überstunden gemacht hätten. Landrat Löwl lobt in diesem Zusammenhang die Einrichtung der Arbeitsgruppe Pandemie mit Vertretern der Ärzteschaft, der Rettungskräfte, des Katastrophenschutzes, der Apotheker, Behörden oder Gemeinden als die beste strategische Entscheidung während dieser arbeitsreichen Zeit. Denn in der Gruppe bündele sich die geballte Kompetenz des Landkreises.  

Große Dynamik bei den Lockerungen

Dennoch kam das System Dachau in der Hochzeit der Fälle an seine Grenzen. „Drei, vier Tage noch, dann – vom Bauchgefühl her – wären wir an die Wand gefahren“, meinte Löwl. Doch es kam anders. Ab 10. April gingen die Fälle langsam zurück, ab Mai dann deutlich.

Alles in allem aber ist der Landkreis Dachau stark betroffen. Mit bis heute 938 Infizierten sowie 29 Toten liegt er auf Platz zehn der bayerischen Landkreise.

In diesen Tagen hat das Landratsamt andere Aufgaben zu bewältigen. Das sogenannte Contact-Tracing-Team, bestehend aus 22 speziell geschulten Beamtenanwärtern, hat zur Ermittlung, Nachverfolgung und Überwachung von SARS-CoV-2-positiv getesteten Personen zwar weiter reichlich zu tun. Das Hauptaugenmerk der Behörde liegt aber auf der Umsetzung der nach und nach einsetzenden Lockerungen.

Baumgartner-Schneider spricht von einer „wahnsinnig großen Dynamik“. Denn: „Was heute gegolten hat, war morgen wieder außer Kraft gesetzt.“ Rückblickend meint die Abteilungsleiterin, dass die vergangenen Monate eine „sehr belastende Zeit“ gewesen seien, die jedoch sie und ihre Mitarbeiter „ungemein zusammengeschweißt“ hätten. „Es hat sich eine Energie entwickelt bei uns im Gesundheitsamt, die unglaublich war.“

Landrat Löwl wiederum glaubt, dass „90 bis 95 Prozent unseres normalen Lebens wieder stattfinden wird“. Es werde erneut lokale Hotspots, nicht aber einen weiteren Gesamtlockdown geben. Sollte er wider Erwarten doch kommen, der Landkreis wäre vorbereitet. So werden am Gesundheitsamt 13 neue Stellen geschaffen, etwa für Ärzte oder Hygienekontrolleure. Zehn weitere Jobs werden im Contact-Tracing-Bereich entstehen. Genügend Equipment wie Sauerstoff, Masken, PCs und Software stehe jederzeit bereit, so Löwl – Desinfektionsmittel sogar „hektoliterweise“.

Wolfgang Reichelt, Pressesprecher des Landratsamts, veröffentlichte beim Pressegespräch mit der Heimatzeitung zahlreiche Fakten, die deutlich machen, wie sehr die Coronakrise das Leben im Dachauer Land beeinflusst hat. Bis jetzt gab es 938 Infizierte, 29 Menschen starben. Der jüngste Tote war 64 Jahre alt, der älteste 99. Alle Verstorbenen hatten Vorerkrankungen. 2242 Kontaktpersonen wurden ermittelt. Im Zeitraum von 13. April bis 20. Juni (Zeit des Katastrophenfalls) wurden von 13 257 Personen Abstriche gemacht. Ab März und bis Ende Mai wurde das Personal im Landratsamt um 50 Personen aufgestockt, die insgesamt 6681 Arbeitsstunden leisteten. Die Führungsgruppe Katastrophenschutz traf sich zu 37 Besprechungen, die Koordinierungsgruppe Pandemie kam elf Mal zusammen. Die Möglichkeiten für Homeofficeplätze stiegen während der Krise von 50 auf über 400. Nachdem zunächst nicht erkannt wurde, dass ein Patient, der von Starnberg ins Klinikum Dachau verlegt worden war, an Covid-19 erkrankt war, blieb das Krankenhaus drei Tage lang vorsorglich geschlossen. In diesem Zeitraum wurden alle 200 Patienten sowie 1200 Mitarbeiter getestet. Sieben Mitarbeiter hatten sich angesteckt, aber kein Patient. Die Gesamtkosten zur Bewältigung der Krise inklusive des zwischenzeitlich eingerichteten Hilfskrankenhauses belaufen sich laut Landkreiskämmerer Michael Mair bisher auf knapp über eine Million Euro. Übers Bürgertelefon, das am Freitag abgestellt wurde, kamen 2660 Anrufe herein.

zim

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