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Das passende Buch ist das A und O für Carolin Wagner. 

Die Leseweisung als Ahndung

Die Strafe: Lesen – mit Hirn

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Müll aufsammeln, Unkraut jäten, Teller waschen – alles Aufgaben, die Jugendliche nach einem kleineren Delikt als Strafe erfüllen müssen. Eine Alternative dazu ist: Lesen. Mit Hirn. Und das Erstaunliche daran: Es funktioniert.

Dachau– Lesen? Zur Strafe? Was soll das denn, könnte man sich da denken – verweichlichte Jugend, sowas. Nix da: Die „Leseweisung“, wie die Strafe fachlich heißt, „funktioniert ganz wunderbar“, sagt Carolin Wagner. Die 39-Jährige ist Diplom-Sozialpädagogin, arbeitet bei der Brücke Dachau. Seit sechs Jahren ist sie verantwortlich für die Leseweisung. Und sie hat Erfolg.

Die Idee dazu hatte eine Professorin. Carolin Wagner hat davon erfahren, die Idee aufgegriffen und weiterentwickelt. Mittlerweile wird die Leseweisung Jugendlichen immer wieder auferlegt, ob von der Staatsanwaltschaft oder dem Richter: 2013 waren es 31 Leseweisungen, 2014 gab es 39, im nächsten Jahr 35 und 2016 schon 48.

Eine Leseweisung wird natürlich nicht bei Mord oder Totschlag ausgesprochen. Aber wenn eine 14-Jährige einen Lippenstift klaut oder ein 16-Jähriger jemanden beleidigt oder bedroht, dann kann es darauf hinauslaufen. „Das ist keine Sanktionierung“, erklärt Wagner. Sondern: Erziehungsstrafrecht. „Ich brauch mich ja nicht vor die 14-Jährige setzen und sagen: ,Du darfst aber keinen Lippenstift klauen’“, sagt Wagner. „Das weiß sie ja.“

Sie alle wissen, dass sie etwas Unrechtes getan haben, ein Gesetz verletzt, eine Grenze überschritten. Genau das ist es ja, was die Jugendlichen dazu anstiftet. „Die Jugend ist eine Zeit der Grenzüberschreitung“, erklärt Wagner. „Und genau da gehört sie auch hin.“ In der Jugend passiert so etwas mal, in allen Familien, allen Schichten. „Da ist die Straffälligkeit episodenhaft“, sagt Wagner, „sie vergeht wieder. Die Frage ist nur: Wie geht man damit um? Wagner will „keine altbackenen Reaktionen“. Sie ist für pädagogische Ahndungen.

Bei der Leseweisung müssen die Jugendlichen eben ein Buch lesen. Und dann darüber reden. Das hört sich so einfach an, für viele ist das allein schon eine Aufgabe. „Zwei Drittel der Jugendlichen, die zu mir kommen, haben schon ewig nicht mehr gelesen“, sagt Wagner. „Denen laufen schon die Schweißtropfen runter, wenn ich nur ein 250-Seiten-Buch vor ihnen auf den Tisch leg.“ Aber: Da müssen sie durch.

Denn Wagner sucht das Buch schon vorher aus. Genau das passende. „Das ist das A und O an der ganzen Sache“, erklärt sie. Dafür hat sie viele Bücher gelesen, musste ausprobieren. Aus ihren Erfahrungswerten hat sie eine ziemlich perfekte Liste an Büchern erstellt, für jedes Thema das passende (siehe Kasten unten), allesamt gute Bücher: „Ich habe auch einen Bildungsauftrag.“ Und von ihrem Kollegen aus der Jugendgerichtshilfe kennt sie die genaue Geschichte des Teenagers. Die Kriterien für die Bücher: Die Geschichte muss echt sein, nachvollziehbar, spannend, nicht zu kindlich. Und sie braucht auch eine Moral, aber am besten „nicht zu plakativ“, sagt Wagner. Zusammen wird dann ausgemacht, bis wann das Buch gelesen sein muss.

Dabei wird auch die Lesekompetenz des Jugendlichen beachtet – wie bei der Buchauswahl. „Man muss auch realistisch bleiben“, sagt Wagner. „Nicht jeder schafft 250 Seiten.“

Zwei oder drei Wochen später kommt der oder die Jugendliche also wieder. Ist aufgeregt wie vor einem Schulreferat. Und soll schildern, was in dem Buch passiert ist. Das ist ein kleiner Test, denn Carolin Wagner merkt sofort, wenn jemand nur die Zusammenfassung gelesen hat – sie kennt ja ihre Bücher in- und auswendig. Doch schon dabei beeindrucken die Teenies: „Sie liefern mir eine detailreiche Schilderung und sind höchstbemüht um eine anständige Sprache.“ Erste Hürde geschafft. Dann geht es schnell weg von der Schilderung, weg von der Prüfungssituation, hin zur Bewertung des Problems. Und da passiert das eigentlich Erstaunliche: Die Jugendlichen bewerten schnell, zügig, spontan – und treffend. Nun muss Wagner vorsichtig sein, mit Fingerspitzengefühl rangehen. Wieso hat der Protagonist das gemacht? Was hat ihm gefehlt? Welchen Rat hättest Du ihm gegeben? „Ich muss quasi die Transferleistung anschieben: Von der Problemlage im Buch auf die eigene Lebenssituation“, erklärt Wagner. Das Ziel: Die Jugendlichen sollen Werte benennen. Und: Sie begründen. „Das ist richtig viel Arbeit für sie.“

Und manchmal, da sagt dann einer: „Das war schön.“

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