„Ein Italiener kapiert nicht, worum es da geht“: die drei umstrittenen Flyer von Dachau Agil. Foto: zim
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„Ein Italiener kapiert nicht, worum es da geht“: die drei umstrittenen Flyer von Dachau Agil. Foto: zim

Die italienischsprachigen Werbebroschüren für Touristen, vom Regionalentwicklungsverein Dachau Agil produziert, strotzen vor Fehlern

Mamma mia – was für Flyer!

  • Stefanie Zipfer
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Die italienischsprachigen Werbebroschüren für Touristen, vom Regionalentwicklungsverein Dachau Agil produziert, strotzen vor Fehlern. Sogar Italiener tun sich schwer zu verstehen, was ihnen die Flyer eigentlich sagen wollen. Die Dachauer Tourismusreferentin Sabine Geißler findet die Angelegenheit „bodenlos“. Dachau Agil will den „Vorgang nun intern prüfen“.

Dachau – Die deutsche Formulierung „auf die Jagd gehen“ bietet einen breiten Interpretationsspielraum: So kann man auf die Jagd nach Rehen oder Wildschweinen gehen, aber auch auf die Jagd nach Schnäppchen oder Sehenswürdigkeiten. Die Macher der Broschüre „Turismo nella regione di Dachau“ (deutsch: Tourismus in der Region Dachau) gingen daher offensichtlich davon aus, dass die „Jagd“ in anderen Sprachen – etwa im Italienischen – ein ähnlich dehnbarer Begriff ist. Die italienischen Touristen werden also dazu aufgefordert, die Kulturschätze des Dachauer Lands zu „jagen“: „(...) di braccare numerosi tesori culturali“.

Dr. Tanja Jorgensen-Leuthner vom Dachauer Kulturamt ist italienische Muttersprachlerin – und entsetzt von dieser Formulierung. „Braccare“ erklärt sie, bedeutet im Italienischen nämlich „wildern“ beziehungsweise „Gefangene auf der Flucht erschießen“. „Braccare“, so Jorgensen-Leuthner, „endet immer mit dem Tod“! Derartiges zu schreiben, noch dazu in Dachau und in einer Broschüre, in der explizit auf die KZ-Gedenkstätte hingewiesen wird, findet sie „Wahnsinn“.

Dabei ist die falsche Jagd bei weitem nicht das Einzige, was die Italienerin ärgert. Neben unübersehbaren Schreibfehlern – „consisterare“ statt „consistere“ – gibt es in den insgesamt drei italienischen Infoflyern, die seit Januar in der städtischen Touristinfo ausliegen, noch jede Menge weitere Formulierungen, die einfach wortwörtlich aus dem Deutschen übersetzt wurden, die aber kein Italiener versteht. Jorgensen-Leuthner ist sich daher sicher: „Diese Broschüren hat kein Italiener übersetzt. Das ist 100-prozentig einfach nur gegoogelt.“

Weiteres Beispiel: der Flyer „Linea di Vita“, bei dem es eigentlich um den Erlebnispfad „Lebensader Maisach“ gehen sollte. Tanja Leuthner-Jorgensen aber erklärt: „Ein Italiener kapiert nicht, worum es da geht.“ Denn: Die „linea di vita“ ist im Italienischen die Lebenslinie beziehungsweise die Daumenfurche in der Hand. Korrekt heißen müsste es: „Energia di Vita“.

Noch verwirrter dürfte der italienische Tourist werden, wenn er in der „Linea di Vita“-Broschüre für Gastrotipps auf die Internetseite www.tourismus-dachauer-land.de verwiesen wird: Dort nämlich warte eine Rubrik „piacere“ auf ihn. Gemeint ist, vermutet Jorgensen-Leuthner, dass es dabei wohl um „Genuss“-Tipps geht. Im Italienischen geht es bei „piacere“ aber um Vergnügen aller Art – und dabei gern auch sexueller Natur.

Dachaus Tourismusreferentin Sabine Geißler (Bündnis für Dachau) findet die Flyer daher „bodenlos“, „peinlich“ und „entsetzlich“. Zufällig, berichtet sie, war sie vor wenigen Tagen in der Tourist-Info der Stadt am Karlsberg auf die Broschüren gestoßen. Vor Jahren, an der Uni, hatte sie ein bisschen Italienisch gelernt – was reichte, dass ihr nun die Fehler in den Flyern direkt ins Auge sprangen. Das Problem an der Sache ist ihrer Meinung: „Die Stadt hat diese Flyer zwar nicht gemacht. Aber es fällt ja auf uns zurück!“ Sie ist sich daher sicher, dass man „so einen Mist nicht in die Welt setzen kann“!

Tatsächlich ist der Regionalentwicklungsverein Dachau Agil für die Broschüren verantwortlich. Im Jahr 2006 gegründet, soll der Verein laut seiner Internetseite „gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern unseren Landkreis so gestalten, dass wir – und vor allem unsere Kinder – unseren Landkreis als Lebens- und Arbeitsraum weiterhin wertschätzen können“. Finanziert wird Dachau Agil aus EU-Mitteln, im Vorstand sitzen überwiegend Lokalpolitiker. Die Geschäftsführung hat aktuell Julia Gamperl inne, als Vertretung für die in Elternzeit weilende Sylvia Podewils. Vereinsvorsitzender ist Bürgermeister Marcel Fath aus Petershausen, derzeit in Urlaub.

Auf die Flyer und die diversen damit verbundenen Fragen angesprochen, bekommt man sowohl von Julia Gamperl als auch von Wolfgang Hörl, Bürgermeister von Schwabhausen und aktuell zweiter Vorsitzender von Dachau Agil, keine telefonische Stellungnahme. In einer E-Mail heißt es nur, dass die italienischen Broschüren „in Kleinstauflage von je 200 Stück gedruckt“ worden seien und nun „vorläufig aus unserer Auslage“ in der Touristinfo „entfernt“ werden. Zudem wolle man den „Vorgang intern prüfen“ und die Broschüren „überarbeiten“. Die Fragen, wer die Flyer nun übersetzt und was die Produktion gekostet hat, beantwortet Gamperl leider nicht. Auch die Finanzierung bleibt unklar: Um EU-Fördermittel zu erhalten, müssen in der Regel Vorgaben genau eingehalten und unzählige Unterlagen und Rechnungen eingereicht werden.

Laut Gamperl gibt es die drei fraglichen Flyer, die auf Deutsch „Lebensader Maisach“, „Meditativer Wanderweg InSichGehen“ und „Inspirationen für einen Aufenthalt im Dachauer Land“ heißen, übrigens auch auf Englisch. Sabine Geißler hat sich geistig daher bereits auf die nächste schwer verdauliche Lektüre vorbereitet. Denn schon nach der ersten Durchsicht „deutet sich an, dass es ähnlich schrecklich wird wie bei den italienischen“.

Immerhin: Eine gute Nachricht gibt es an der Sache. Den französischen Gästen bleibt eine derartig fehlerhafte Lektüre erspart. Denn, so Geißler: „Französische Flyer haben wir nicht. Gott sei Dank.“

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