Statue der Justizia
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Vor Gericht musste sich ein 39-Jähriger verantworten (Symbolbild).

Betrunkener attackierte Polizisten

Mildes Urteil für Tankstellen-Randalierer

  • Stefanie Zipfer
    vonStefanie Zipfer
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Ein mehrfach vorbestrafter Mitarbeiter einer Tankstelle im südwestlichen Landkreis hat während seiner Arbeitszeit getrunken, randaliert und anschließend noch Polizisten attackiert. Dennoch ließ das Amtsgericht Milde walten.

Dachau – Als die erste Polizeistreife am Nachmittag des 29. Februar an der Tankstelle eintraf, wurden sie schon erwartet: von Kunden, die sich nicht mehr in den Verkaufsraum trauten, und Nachbarn, die von dem Radau in dem Gebäude aufgeschreckt waren. Der Funkspruch, mit dem die Beamten zum Einsatzort geschickt worden waren, schien sich demnach zu bewahrheiten: „Mensch randaliert in Tankstelle.“

Tatsächlich sahen die Polizisten im Innern der Tankstelle „ein Trümmerfeld“, wie es eine Beamtin gestern am Amtsgericht Dachau schilderte. Ihr Kollege erzählte, dass er „noch nie so eine Verwüstung gesehen“ habe. Die ganze Tankstelle, so der Beamte, „war zammglegt“.

Schuld an dem Chaos war ein Mitarbeiter der Tankstelle. Um 5.45 Uhr an jenem Samstag hatte er seinen Dienst angetreten; hauptberuflich ist der 39-jährige gelernte Handwerksmeister übrigens bei der Stadt München angestellt.

Das Problem: Der Mann hat, speziell in den Jahren 2004 bis 2010, mehrfach Probleme mit dem Gesetz bekommen und war auch schon zweimal zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt worden. Seine Delikte: Fahren ohne Fahrerlaubnis, gefährliche Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Bedrohung – und das alles stets unter Alkoholeinfluss. Zuletzt, in den vergangenen Jahren, sei er „auf einem guten Weg gewesen“, wie der 39-Jährige gegenüber Amtsrichter Tobias Bauer erklärte, seit zwei Jahren mache er wegen seiner ärztlich attestierten „Impulskontrollstörung“ und seines in seiner Kindheit begründeten Alkoholmissbrauchs eine Therapie.

Warum er aber im Lauf des 29. Februar plötzlich wieder anfing zu trinken, beziehungsweise was genau er getrunken hatte – „wahrscheinlich Jägermeister“ – konnte er vor Gericht nicht mehr mit letzter Sicherheit sagen. Fest steht: Es seien irgendwann Bekannte in der Tankstelle aufgekreuzt und er habe sich „mitreißen lassen“.

Laut Staatsanwältin sei dieses mitreißende Verhalten bald über einen normalen Rausch hinausgegangen. „Seine Stimmung schwankte zwischen friedlich und unvermutet aggressiv“, hieß es in der Anklageschrift. Auch ein Arbeitskollege erinnerte sich, dass der 39-Jährige „lichte Momente“ gehabt habe und „ein bisschen ansprechbar“ gewesen sei.

Nachdem er bereits Flaschen aus den Regalen geschleudert, Stühle und einen Tisch durch die Gegend geworfen und die Verkaufswaren bespuckt hatte, konnte die junge Polizeibeamtin tatsächlich auch kurzfristig einen Draht zum Rasenden finden. Klar habe er gelallt, aber er habe „fast schon weinerlich und ein bisschen depressiv“ mit ihr reden können. Doch dann sei er wieder umgeschwenkt und aggressiv geworden, wobei ihr Kollege schließlich „einen ganz auffälligen Blick“ meinte feststellen zu können. „Es war wie eine Angriffsvorbereitungshandlung. Und sein Griff ging zum Barhocker. Da sagte ich zur Kollegin: Komm, jetzt packen wir ihn!“

Mittels eines Hüftwurfs aus der Judotechnik habe er den sich heftig Wehrenden und Tretenden schließlich am Boden fixieren und ihm Hand- und Fußfesseln sowie einen Mundschutz verpassen können. Auf Richter Bauers Frage, ob diese Maßnahmen gerechtfertigt gewesen seien, meinte der Beamte sicher: „Es war eine deftige Reaktion auf eine deftige Handlung!“

Der Angeklagte wollte den Beamten vor Gericht auch keinen Vorwurf machen, im Gegenteil. Er entschuldigte sich, was Bauer besonders würdigte. Denn: „80 Prozent der Entschuldigungen von Angeklagten verdienen den Namen nicht.“ Diese Entschuldigung sei aufrichtig gewesen.

Weil der 39-Jährige zudem am Tag nach der Tat – nachdem er seine 2,35 Promille Alkohol im Blut abgebaut hatte – seinen Kollegen beim Aufräumen der Tankstelle half, zeigte sich Richter Bauer milde: Er verurteilte den 39-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren auf Bewährung sowie einer Geldbuße von 800 Euro zugunsten des Vereins Brücke Dachau. Bauer war sich sicher, dass der Angeklagte, der ja um seine Probleme bei Alkoholkonsum wisse, an dem Tag vermutlich „nicht leichtfertig gesoffen“ habe, sondern sicherlich „persönliche Probleme“ gehabt habe. Zudem beweise die Tatsache, dass auch sein Arbeitgeber dem 39-Jährigen „weiter die Stange hält, dass er ein guter und zuverlässiger Mitarbeiter“ sei.

Der Angeklagte selbst nannte die Strafe am Ende „fair“.

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