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Ein Streit zwischen Nachbarinnen beschäftigte am Mittwoch das Dachauer Amtsgericht.

Nachbarschaftsstreit vor dem Amtsgericht Dachau

Gestohlene Post, vergiftete Hasen: Zwei Nachbarinnen im Krieg

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Videoüberwachung am Stall, Anzeigen wegen Körperverletzung und angeblich geklaute Post: In einem Mehrfamilienhaus in herrscht Krieg.

Dachau –  Ob Friedrich Schiller jemals in Erdweg war? Die Inspiration für seinen Satz „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, jedenfalls könnte er sich in der Erdweger Steinstraße geholt haben. 

Dort nämlich tobt in einem Mehrfamilienhaus seit Jahren ein erbitterter und nun auch mit juristischen Mitteln ausgetragener Krieg. Seinen – vorläufigen – Höhepunkt fand dieser Krieg am Mittwoch vor dem Amtsgericht Dachau. Die Kriegsparteien: eine 41-Jährige, die sich von ihrer 74-jährigen Nachbarin gemobbt, bedroht und beleidigt fühlt. Die 74-jährige Angeklagte wiederum sieht sich als Opfer von Verleumdung und Lügen. 

Gestrüpp aus Beschuldigungen

In diesem Gestrüpp aus Beschuldigungen ein Urteil zu fällen, sollte für Richter Lukas Neubeck keine einfache Aufgabe werden. Tatsächlich schien die gegenseitige Abneigung sehr tief zu sitzen. Die 41-jährige Beschwerdeführerin, die vor Gericht im Zeugenstand aussagte, hatte ihre Nachbarin angezeigt, weil diese sie vom Balkon aus mit einem Imbus-Schlüssel beworfen und an „Drecksschlampe“ bezeichnet haben soll. 

Nicht angezeigt, aber immerhin thematisiert wurde vor Gericht außerdem der Vorwurf, dass die Angeklagte die Post ihrer Nachbarin gestohlen und deren drei Hasen „mit hoch dosierten Eisentabletten“ vergiftet haben soll. Ach ja, außerdem würde die 74-Jährige jeden Morgen gegen 7.30 und 8.30 Uhr durch lautes Springen und „Uuuuhuhuuu“-Rufen versuchen, die 41-Jährige aus dem Schlaf zu reißen. 

Doch die 74-Jährige hielt dagegen: Die Rivalin habe ihr ein Inkasso-Unternehmen auf den Hals gehetzt! Und weil sie einmal mit ihren Enkeln geschimpft habe, habe diese sie beim Jugendamt denunziert. 

Der Vorwurf des Post-Diebstahls beruht zudem auf Gegenseitigkeit: Auch die 74-Jährige war sich sicher, dass aus ihrem Briefkasten Korrespondenz verschwunden sei. 

Überwachungskameras installiert

Dass die 41-jährige Zeugin zur Wahrheit – vorsichtig formuliert – zuweilen ein sehr flexibles Verhältnis hat, machte die Sache für das Gericht nicht einfacher. Während sie im Zeugenstand behauptete, durch den Imbusschlüssel-Wurf eine Schwellung erlitten zu haben, konnte Richter Neubeck auf dem Foto allenfalls eine „punktuelle Verletzung, fast wie ein Mückenstich“ erkennen. 

Durch ihre in ihrem Briefkasten installierte Kamera wollte sie außerdem zweifelsfrei erkannt haben, dass es die Hand der Angeklagten war, die ihre Post geklaut habe. Die Kamera am Gemeinschaftsgarten, behauptete die gelernte Kauffrau außerdem, würde ausschließlich benutzt, um den Hasenstall zu überwachen. Dass das Anbringen von Kameras im öffentlichen Raum verboten ist, focht die Erdwegerin dabei nicht im Geringsten an. 

Schlichtungsstelle soll für Frieden sorgen

Richter Lukas Neubeck versuchte daher erst gar nicht, ein Urteil zu finden. „Sie müssen ja nicht die besten Freundinnen werden. Aber wir müssen Regeln für einen vernünftigen Umgang aufstellen“, betonte er. Beide Damen sollen nun bei der Dachauer Schlichtungsstelle „Die Brücke“ vorstellig werden. 

Die Angeklagte, die zuvor noch betont hatte, ausziehen zu wollen – „Ich halte das nicht mehr aus“ – zeigte sich einverstanden. Friedrich Schiller würde dazu wohl sagen: „Wer nichts wagt, der darf nichts hoffen.“

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