Zeigt im Wasserturm ihre Werke: Ines Seidel. foto: mik

ausstellung von ines seidel im wasserturm

„Nachrichten verändern auch mich“

„Nachrichten verändern“ heißt die Ausstellung im Wasserturm von Ines Seidel. Die Künstlerin verändert Nachrichten – ganz offensichtlich: Sie nimmt alte Zeitungen und näht beispielsweise mit rotem und schwarzem Faden darüber und löst das Papier durch einen nassen Schwamm wieder auf, bis feine Gitter entstehen.

Dachau – „Ich schaue mir eine Seite an und umkreise mit dem Faden Stichwörter, die mir auffallen“, sagt die freischaffende Künstlerin aus Neufahrn von einem meterlangen Zeitungsbogen. Sie griff für das Werk die Linien des Aktienkurses auf und wiederholte sie mit schwarzem Faden auf der gesamten Papierbahn. Bei einem anderen Werk schnitt sie Texte und Bilder aus einer Zeitungsseite, bis nur noch die weißen Zwischenräume, also das weiße Papier übrig ist. Bei einem Objekt, das aussieht wie eine menschliche Lunge, formte die Medienwissenschaftlerin und frühere Fernsehforscherin aus Zeitungsschnipsel mit der Pappmaschee-Technik kieselsteinartige Elemente und nähte sie mit schwarzem Faden zur Lunge zusammen. Viele solcher Objekte zieren die vier Ausstellungsräume des Wasserturmes. Doch es ist nicht nur Seidel, die verändert.

„Nachrichten verändern auch mich“, sagt sie. Jeder habe ein bestimmtes Muster, wie er mit Nachrichten umgeht. „Die einen lassen sich emotional mitnehmen, die anderen lässt alles kalt und gehen schnell zum Kreuzworträtsel über“, sagt sie. Dadurch, dass sie den Nachrichten eine neue Form gibt, hofft sie dieses Muster zu brechen – auch ihre eigenen. Wenn Ines Seidel mit ihrem Faden die Muster auf das Zeitungspapier bringt, entstehen oft Lungen, Gehirne, Körper, Blumen – ein Zeichen dafür, dass sie ein kleiner Teil des pulsierenden Weltgeschehens ist, aber kaum Einfluss darauf hat. Bei der Lunge mit den einzelnen Elementen kann man Stichwörter wie „Syria“, „immigrants“, „fight“, „go it alone“ lesen, genauso wie Begriffe wie „beauty“ oder Schnipsel aus Kreuzworträtseln. „Diese Nachrichten beispielsweise über Menschen, die fliehen müssen, lasse ich an mich ran, in mich rein, ich amte alles ein“, erklärt sie ihre Intention. Gleichzeitig will sie zeigen, dass schlechte Nachrichten neben guten stehen, vielleicht sogar darunter das Rätsel der Woche lockt.

Mit ihrer Kunst will sie nicht zwingend auf den Inhalt der Nachrichten und Überschriften, die sie verarbeitet, hinweisen. Sie stehen lediglich für ein Gefühl, das sie bei Seidel einmal ausgelöst haben. „Wenn ich mit den Nachrichten arbeite, ist das für mich mein Material“, sagt sie. Dabei könne sie auch vergessen, was darauf steht. Mit weißem Papier könne sie dagegen nichts anfangen. „Ich muss mit Materialien arbeiten, die eine Geschichte haben“, führt sie aus. Deshalb benutzt sie auch oft Bücher oder gebrauchte Teebeutel.

Die Künstlerin und Mutter zweier Kinder fordert während ihrer Ausstellung bis zum 6. Mai im Wasserturm auch Besucher auf, Nachrichten zu verändern. Dafür hat sie im Dachgeschoss einen Tisch aufgestellt und viele Zeitungen bereit gelegt.  mik

Die Ausstellung

„Nachrichten verändern“ ist noch an diesem Wochenende sowie von 4. bis 6. Mai geöffnet. Öffnungszeiten: Freitag 16 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr.

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