Breites Bündnis: Pflegepersonal, Gewerkschafts- und KAB-Mitglieder sowie Politiker. BI-Mitorganisator Christian Reischl (stehend) ist zufrieden. foto: Habschied

Initiative für eine bessere Pflege an den Kliniken in Dachau und Indersdorf

Bürger erhöhen Druck

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Besorgte Bürger sind entschlossen, am 28. November eine Bürgerinitiative zu gründen, die sich für eine bessere Pflege an den Helios Amper-Kliniken Dachau und Indersdorf einsetzen möchte. Und nicht nur das.

Dachau – Je länger der Vortrag von Dr. Peter Hoffmann über die Krankenhausfinanzierung und die in Deutschland gültige Fallpauschalenregelung (siehe Kasten) dauerte, desto klarer wurden drei traurige Tatsachen: Das deutsche Gesundheitssystem ist krank, die Politik kümmert sich nicht darum, und: Die privaten Krankenhausträger machen unglaublich hohe Profite zulasten ihres Pflegepersonals. Der Anästhesist am Klinikum Harlaching und führende Kopf des Bündnisses „Krankenhaus statt Fabrik“ war am Donnerstagabend zu Gast bei Landkreisbürgern, die eine Bürgerinitiative (BI) für eine bessere Pflege in den Helios Amper-Kliniken Dachau und Indersdorf gründen möchten.

An den beiden Krankenhäusern fehlen laut der Gewerkschaft Verdi insgesamt über 100 Kräfte. Krankenschwestern und Pflegehelfer sind daher seit Jahren völlig überlastet. Die Folge: Es kam zu gravierenden Missständen bei der stationären Patientennachsorge. Als die Heimatzeitung diese öffentlich machte, folgte ein Sturm der Entrüstung, der bis heute nicht abgeflaut ist. „Patienten werden wie Werkstücke behandelt“, sagte Referent Dr. Hoffmann. Um dies zu ändern und noch aus anderen Gründen, trafen sich BI-Interessierte im Gasthaus Drei Rosen.

Die 25-köpfige Gemeinschaft bestand aus Mitarbeitern des Amper-Klinikums, Mitgliedern von Verdi sowie der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) Dachau und Odelzhausen, Kreisrätin Mechthild Hofner (Bündnis für Karlsfeld) sowie Oberbürgermeister Florian Hartmann und dem frisch gewählten Bundestagsabgeordneten Michael Schrodi (beide SPD). Jeder, der wollte, durfte das Wort ergreifen. Manche taten dies auf bemerkenswerte Weise.

Hartmann etwa warb noch einmal für den Eilantrag, den seine Partei im Kreistag gestellt hatte (wir berichteten), Schrodi warb für sich selbst. Das SPD-Begehr sieht eine sofortige Mitarbeiterbefragung, ein Ausfallmanagement, einen zusätzlichen Beirat sowie ein Rederecht des örtlichen Helios-Betriebsratsvorsitzenden im Kreistag vor. Schrodi meinte schlicht: „Ich möchte Ihr Ansprechpartner sein.“ Die ganze Ohnmacht der Politik wurde aus den Worten von Kreisrätin Hofner deutlich, die zugab, sie habe bislang nicht mehr tun können, als gebetsmühlenartig auf die Missstände in den Häusern hinzuweisen. Angesichts der Tatsache, dass der Landkreis schlappe 5,1 Prozent der Anteile an den Krankenhäusern in Dachau und Indersdorf hält, hätten die Klinikchefs diese Hinweise nicht ernst genommen.

Die entscheidende Frage an diesem Abend lautete daher: Wie kann die BI erfolgreich Druck auf die Helios-Geschäftsleitung und Politiker ausüben? Man müsse zunächst mit den Politikern reden, dass es bei Helios eine „verbindliche Personalbemessung“, sprich: mehr Personal, gibt, so der KAB-Diözesansekretär und Mitorganisator des Abends, Heinz Neff. Zudem soll es immer wieder Protest-Veranstaltungen geben. Schließlich möchte die BI einen immens wichtigen Punkt in den Vordergrund rücken: „Wir haben in den Amper-Kliniken exzellente Mitarbeiter. Das müssen wir der Öffentlichkeit mitteilen“, so der Leiter der Nothilfe am Dachauer Krankenhaus, Thomas Günnel.

Es gebe keine Schicht, wo seine überlasteten Kollegen nicht weinend nach Hause gehen. Dennoch komme es immer wieder vor, dass die Patienten eine Krankenschwester als „faul“ beschimpfen, wenn sie nicht gleich zur Stelle sei, oder als „motzig“, wenn sie sich nicht genügend Zeit nehme.

Als Mitorganisator und Verdi-Vertreter Christian Reischl von der Runde wissen wollte, wer bei der BI dabei ist, gingen acht Finger in die Höhe, darunter auch der von OB Hartmann. Verbrieft werden soll das Ganze nun am Dienstag, 28. November, ab 18.30 Uhr im Gasthaus Drei Rosen. Wer bei der BI mitmachen möchte, kann sich per E-Mail an BesserePflegeAmperkliniken@ gmx.de anmelden.

Das Fallpauschalensystem und seine Schwächen

Seit über zehn Jahren gilt für deutsche Krankenhäuser das Abrechnungssystem der Fallpauschalen. Sie erhalten einen einheitlichen Betrag für eine bestimmte Behandlung einer bestimmten Diagnose und Zusatzentgelte für besonders teure Behandlungen (Dialyse, Chemotherapie). Die Pauschalen gibt es nur für voll- und teilstationäre Leistungen (eingeschränkt auch für Psychiatrie), nicht für die ambulante Behandlung. Nach politischen Vorgaben erhalten die Krankenhäuser in Bayern für einen Fall zwischen 3278 und 3465 Euro (Basisfallwert). Für die endgültige Berechnung der Höhe der Fallpauschale muss noch die Schwere des Falles berücksichtigt werden, und zwar so: Einem Durchschnittsfall wird eine Bewertungsrelation von 1,0 zugewiesen. Schwerere Fälle bekommen eine Bewertungsrelation von mehr als 1,0, leichtere eine Bewertungsrelation von weniger als 1,0. Multipliziert man den Basisfallwert mit der Bewertungsrelation, kommt die endgültige Summe heraus. Bei einem Basisfallwert von 3278 Euro mal einer Bewertungsrelation von 0,86 bekommt das Krankenhaus am Ende 2819,08 Euro. Nach Meinung von Experten führt dieses System zu einem massiven Anreiz zu Liegezeitverkürzung, Kostensenkungen und Leistungsausdehnungen (mehr Operationen).

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