Der Schatten der deutschen Geschichte

Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren: Was wir nicht vergessen dürfen

  • Wolfgang Hauskrecht
    vonWolfgang Hauskrecht
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Am 8. Mai vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa – und mit ihm der Holocaust. Im Interview sprechen ein Absolvent des Gymnasiums Markt Schwaben und ein Geschichtslehrer aus Dachau darüber, ob Schüler heute noch für das Thema zu sensibilisieren sind.

  • Am 8. Mai vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa – und mit ihm der Holocaust.
  • Sind Schüler heute noch für das wichtige Thema zu sensibilisieren?
  • Interview mit mit einem 23-jährigen Absolvent des Gymnasiums in Markt Schwaben und einem Geschichtslehrer aus Dachau.

München – Am 8. Mai vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa – und mit ihm der Holocaust. Noch können Überlebende helfen, die Erinnerung wach zu halten. Aber wie geht es mit der Erinnerungskultur weiter, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt? Und gelingt es überhaupt noch, Schüler für das wichtige Thema zu sensibilisieren?

Julian Nett, 23, hat sein Abitur am Franz-Marc-Gymnasium in Markt Schwaben gemacht. Er sagt: Jungen Menschen fällt es schwer, den Holocaust richtig zu begreifen.

Dr. Robert Sigel unterrichtete Geschichte, Deutsch und Sozialkunde am Josef-Effner-Gymnasium in Dachau. Er sagt: Deutschland muss über neue Formen der Vermittlung nachdenken. Sigel ist heute Mitarbeiter von Ludwig Spaenle, Beauftragter des Freistaats für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus.

Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren: Noch erinnern Zeitzeugen an Holocaust

Herr Sigel: Was bedeutet der Verlust der Holocaust-Überlebenden als Zeitzeugen für die deutsche Erinnerungskultur?

Sigel: Die Zeitzeugen haben die deutsche Gesellschaft seit den 80er-Jahren mit geprägt. Man darf ihre Bedeutung nicht auf die Schulen begrenzen. Welche Folgen es hat, wenn es sie nicht mehr gibt, lässt sich noch gar nicht so genau abschätzen.

Julian: An deiner Schule war der Holocaust-Überlebende Leslie Schwartz zu Gast. Wie war das?

Julian: Herr Schwartz hat vor der ganzen Jahrgangsstufe einen Vortrag gehalten. Es war sehr interessant – aber auch sehr weit weg. Es ist schwer zu erklären, aber das Thema ist für viele Schüler tatsächlich sehr schwer zu greifen.

Ist die NS-Zeit auch zu Hause kein Thema mehr?

Julian: Meine Großeltern waren elf, als der Krieg vorbei war. Sie haben nie wirklich darüber gesprochen. Ich habe auch nie nachgefragt.

Sigel: Mein Vater war als junger Soldat dabei. Er hat auch nie erzählt, ich habe nie gefragt. Vielleicht gibt oder gab es eine Scheu, dass etwas ans Licht kommt. Dass der Großvater doch nicht nur der nette Mann ist, als den man ihn kennt.

Wie können wir die Erinnerung wachhalten? Julian Nett und Robert Sigel am Platz der Opfer des Nationalsozialismus in München.

In absehbarer Zeit wird es niemanden mehr geben, der erzählen kann. Werden die Nazi-Gräuel immer schwieriger zu vermitteln?

Sigel: Es wird schwieriger. In einer Studie wurden Mittelschüler, die die ehemaligen KZs Dachau und Flossenbürg besucht haben, befragt. Alle wünschten sich mehr Anschaulichkeit, etwa, indem man Figuren in Häftlingsuniform zeigt. Das kann man natürlich so nicht machen, aber man muss den Wunsch dahinter verstehen. Ein Barackenbau mit dreistöckigen Betten und jemand erzählt – das ist vielen Schülern zu abstrakt.

Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren: Hologramme  mit Holocaust-Überlebenden

In den USA hat man mit Holocaust-Überlebenden Hologramme entwickelt.

Sigel: Angefangen hat das die von Steven Spielberg gegründete Shoa-Foundation mit Mitteln aus seinem Film „Schindlers Liste“. Solche Hologramme gibt es inzwischen mehrfach, in England und auch in München. Ein Holocaust-Überlebender wird viele Stunden interviewt, die Antworten werden aufgenommen – und er selbst auch mit vielen Kameras aus vielen Perspektiven. Das wird dann von einem Programm verarbeitet. Ich habe solche Hologramme auf Tagungen gesehen. Der Überlebende sitzt dreidimensional da und man kann ihm Fragen stellen, auf die er antwortet: zu seinem Schicksal, dem seiner Geschwister und Eltern, zur Befreiung und dem schwierigen Weg zurück ins Leben.

Sind solche Hologramme schon im Einsatz?

Sigel: Ja. In einem Gedenkort in Nottinghamshire zum Beispiel. Schulklassen kommen, beschäftigen sich mit der Biografie des Überlebenden und stellen dem Hologramm dann Fragen. In München hat man das auch schon gemacht, unter anderem mit Abba Naor, einem litauischen Juden, der den Todesmarsch überlebt hat und in Waakirchen im Kreis Miesbach von den Amerikanern befreit wurde.

Wie kommt das an?

Sigel: In der Gedenkstättenpädagogik lehnen das die meisten ab. Jemand aus meiner Generation mag das respektlos finden, ein 16-Jähriger mag sagen: Jetzt kann ich mir das endlich vorstellen. Ich finde es richtig, das zumindest auszuprobieren.

Julian: Die Überlebenden geben ja auch ihr Einverständnis dafür. Hologramme sind etwas Neues, Modernes. Als Herr Schwartz bei uns war, war es tatsächlich so, dass viele eher gelangweilt wirkten. Nicht, weil ihnen das Thema egal ist, aber wenn jemand vor der ganzen Jahrgangsstufe steht und erzählt, ergreift das einfach nicht jeden.

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Ist der Schulunterricht nicht mehr zeitgemäß?

Julian: Der Weltkrieg kommt geballt in der Oberstufe und man bekommt alles von einer Person erklärt. Man sollte früher und stufenweise an das Thema rangeführt werden.
Sigel: Im Gymnasium hat man das Thema in der 9. und 11. Klasse. In der Mittelschule nur in der achten, in der Realschule nur in der neunten. Und es stimmt: Es hängt sehr viel von der Lehrkraft ab.

Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren: „Brauchen die Erinnerungskultur“

Den Lehrern fehlt ja auch der persönliche Bezug.

Sigel: Und was sie zu diesem schwierigen Thema vermittelt bekommen, ist nicht gerade wahnsinnig umfangreich. Der Holocaust ist in der universitären Ausbildung weniger präsent als man denkt.

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Ich provoziere mal: Nach 75 Jahren darf die NS-Zeit weniger präsent sein.

Sigel: Die NS-Diktatur war ein so ungeheuerliches Ereignis, dass sie im Gedächtnis bleiben muss. Wir brauchen die staatliche und gesellschaftliche Erinnerungskultur. Und wir brauchen das Wissen und Verstehen. Deshalb würde ich neue Formen des Unterrichts niemals von vornherein ausschließen. Selbst nicht Computerspiele – wenn sie gut gemacht sind.

Julian: Ob ein Spiel mit Lernfaktor gut ankommen würde, da bin ich mir nicht sicher.

Sigel: Man könnte Schüler vor Dilemma-Situationen stellen, vor denen die Menschen damals auch standen. Und je nachdem, wie man handelt, geht es weiter. Man sollte über alles nachdenken, was hilft, junge Menschen zu sensibilisieren.

Was wäre mit längeren Klassenfahrten?

Julian: Das wäre gut. Als ich in Dachau in der Gaskammer stand, habe ich am meisten begriffen. Man sieht auf die Duschköpfe und weiß: Hier wurden damals Menschen vergast. Da wird das greifbar.

Ende des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust vor 75 Jahren: Große Sorge, dass Erinnerung schwindet

Wie groß ist die Sorge der Shoa-Opfer, dass die Erinnerung schwindet?

Sigel: Sehr groß. Die Vorsitzenden mehrerer Komitees haben dies in einem gemeinsamen Schreiben offen geäußert. Sie bitten darum, dass dies nicht geschieht. Deshalb könnte ich mir solche längeren Schulfahrten gut vorstellen. Man könnte beginnen in München, der Hauptstadt der Bewegung, nach Berlin zum ehemaligen Gestapo-Hauptquartier, nach Auschwitz, Warschau. Ich glaube, dann hätte man viel begriffen. Der Unterricht in der Schule bleibt aber wichtig. Man muss den Schülern vermitteln: Wie konnte es dazu kommen? Und warum gibt es Dinge, die fortdauern, zum Beispiel den Antisemitismus.

Also mehr Transfer?

Julian: Ja. Der Film „Die Welle“ hat mich zum Beispiel beeindruckt, weil er zeigt, dass Nationalgefühle schnell neu aufkeimen können.

Sigel: Lehrer haben die schwere Aufgabe, die Mechanismen plausibel zu vermitteln. Man kann ja nicht sagen: So wie es damals war, so ist es auch heute. Genau so ist es nie.

Julian: Würde die NS-Zeit ein Jahr am Stück unterrichtet, könnte man sich mit einzelnen Themen mehr befassen.
Sigel: Das Thema ist nicht nur für Deutschland wichtig , sondern für ganz Europa. Das Problem ist: Länder wie Litauen oder Polen hatten ja zwei Diktaturen, mit denen sie heute umgehen müssen. Für das Thema Holocaust stehen dort oft nur zwei, drei Unterrichtsstunden zur Verfügung.

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Ist die Politik gefordert?

Sigel: In der universitären Lehrerausbildung kann mehr geschehen und in den Gedenkstätten sollte man die Geschichte anschaulicher vermitteln. Pädagogen dort sagen häufig: Weinen bildet nicht. Das mag stimmen. Aber das Weinen ist vielleicht Voraussetzung dafür. Nur wer fühlt, kann wirklich begreifen.

Julian: Anne Frank zum Beispiel haben wir in der Schule nie behandelt. Die Geschichte eines Opfers packt einen aber viel mehr als Zahlen.

Sigel: In den Gedenkstätten könnte man Einzelschicksale in den Mittelpunkt stellen. Wie kam jemand ins Lager? Wie hat er dort gelebt? Wie war es, eine ganze Nacht auf dem Appellplatz Strafe zu stehen? Es gibt dazu ja Berichte Überlebender.

Erinnerung kann also doch auch ohne lebende Zeitzeugen funktionieren?

Sigel: Für die Schule wohl ja, aber der gesellschaftliche Verlust wird enorm sein. All die mahnenden Stimmen, die es nicht mehr geben wird. Vielleicht können die Nachkommen uns erzählen, was ihre Eltern ihnen erzählt und was sie nicht erzählt haben. Die zweite Generation könnte das zumindest zum Teil fortführen.

Interview: Wolfgang Hauskrecht

Rubriklistenbild: © Marcus Schlaf

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