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Pfarrer Björn Mensing hat die Geschichte seiner Familie erforscht.

Die NS-Geschichte des Großvaters erforscht

Pfarrer Mensings Zeitreise

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Der Pfarrer der Versöhnungskirche, Björn Mensing hat sich mit seiner eigenen Familiengeschichte befasst – als Enkel eines Mannes, von dem er nicht wusste, wie er sich zur NS-Zeit verhalten hat.

VON KATRIN WOITSCH

Dachau – Am Anfang steht ein Schwarz-Weiß-Foto. Björn Mensing hat es in den vergangenen Jahren oft in der Hand gehalten. Es zeigt seinen Großvater Konrad. Er ist gestorben, bevor Mensing auf die Welt kam. Geblieben sind ihm einige Dokumente, Briefe, ein paar vergilbte Fotos. Wie dieses, das Konrad Mensing im Jahr 1942 zeigt. Er trägt eine Uniform, auf den Knöpfen prangt der Reichsadler, auf der Schirmmütze ein Hakenkreuz. Konrad Mensing blickt starr und ausdruckslos in die Kamera.

Das Bild gehört zu einem Kapitel im Leben seines Großvaters, von dem Björn Mensing wusste, bevor er anfing, die Geschichte seiner Familie zu erforschen. Konrad Mensing hatte von 1942 bis 1945 als Amtskommissar die Stadtverwaltung im polnischen Exin (heute Kcynia) geleitet. Die Region war damals von Nazi-Deutschland besetzt und annektiert. Sein Vater hatte ihm oft von seiner Kindheit dort erzählt. Doch die Lebensgeschichte seines Großvaters war für ihn bis vor vier Jahren noch großteils unbekannt.

Natürlich brauche man etwas Mut, um die Vergangenheit der eigenen Familie während der NS-Zeit zu erforschen, sagt Björn Mensing. Er wusste nicht, was er finden würde. Und unter welchen Umständen sein Großvater die Uniform getragen hatte. Ob er vielleicht sogar an NS-Verbrechen beteiligt war. Jetzt, im Nachhinein, ist er froh, dass er nach Polen gereist ist und dort mit Hilfe eines jungen Historikers die Archive durchforstet hat und eine Zeitzeugin interviewt hat. Gemeinsam haben sie herausgefunden, dass Konrad Mensing die Uniform nicht freiwillig getragen hat.

Er hatte nach seiner Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg die Verwaltungslaufbahn eingeschlagen. Doch seine SPD-Mitgliedschaft kostete ihn 1933 seinen Job. Die Nationalsozialisten entfernten damals alle „nichtarischen oder politisch unzuverlässigen“ Beamten aus dem Dienst. Seiner hochschwangeren Frau Frieda setzte die Aufregung damals so sehr zu, dass ihre Zwillinge einige Wochen zu früh zur Welt kamen. Zwei Jahre war sein Großvater arbeitslos, bevor er bei der Lüneburger Heeresstandortverwaltung eingestellt wurde. Als 1937 die Angestellten im öffentlichen Dienst zum Eintritt in die NSDAP gedrängt wurden, tat er diesen Schritt.

1940 wurde er zwangsverpflichtet und als Verwaltungsfachmann „nach dem Osten einberufen“. 1942 wurde er zum Amtskommissar von Exin ernannt – und wurde damit automatisch NSDAP-Ortsgruppenleiter.

„Mein Großvater war durch das Amt in die verbrecherische NS-Herrschaft verstrickt“, sagt Mensing. „Aber er ist nicht unmittelbar an NS-Verbrechen beteiligt gewesen.“ Der 57-Jährige hat gründlich recherchiert, bis er sich dessen sicher war. Der wichtigste Beleg ist für ihn ein Dokument von 1942. Damals wurde Konrad Mensing vom Kreisleiter für das „Kriegsverdienstkreuz zweiter Klasse ohne Schwerter“ vorgeschlagen – nicht für Verdienste im Sinne der NS-Ideologie, sondern für gute Verwaltungsarbeit. Auch die Geschichtsbeauftragte der Stadt Kcynia kannte den Namen Mensing nicht, berichtet der Pfarrer. „Von meinem Großvater ist dort nichts Belastendes überliefert.“

Björn Mensing ist nicht nur Pfarrer der Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte, er ist auch Historiker. Und als Historiker sind Objektivität und hartnäckiges Nachforschen sein Maßstab. Aber wenn es um die eigene Familiengeschichte geht, forscht man eben nicht völlig unbesorgt, sagt er: „Ich bin nun erleichtert.“

Der 57-Jährige ist überzeugt: Die meisten Familiengeschichten sind nicht schwarz oder weiß – sondern liegen so wie seine eigene irgendwo dazwischen. „Die Biografie meines Großvaters ist ein Beispiel dafür, dass es zwischen den Kategorien NS-Verbrecher und Widerstandskämpfer einen breiten Graubereich gibt“, sagt er. Er möchte andere Menschen ermutigen, sich mit der Geschichte ihrer Vorfahren auseinanderzusetzen – auch mit Blick auf die Gegenwart. Denn seine Recherche hat ihm auch gezeigt: „Wenn ein autoritäres Regime erst da ist, besteht ein hohes Risiko, dass man sich darin verstrickt. Deshalb müssen wir alles dafür tun, dass es nicht wieder zu einer autoritären Staatsform kommt.“

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