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Pfarrer Gerhard Last von der Friedenskirche Dachau. 

GOTT UND DIE WELT

Zwischen nichts tun könnenund alles geben

Der evangelische Pfarrer Gerhard Last aus Dachau verspürt selbst den Zwiespalt, zum Nichtstun verdammt zu sein und trotzdem alles geben zu wollen

„Hurra, die Schule brennt“? Nein, sie ist zu. Wie so vieles andere. Kein Hurra. Vermaledeites Corona. Wohin kann ich mit meiner Energie? Was kann ich tun? Eine drängende Frage in diesen Tagen, für Kinder – und Erwachsene ebenso.

Mir fehlt die Schule. Ich vermisse meine Reli-Klassen und meine Konfi-Gruppen genauso. Keine vertrauensvollen Runden, um frei heraus von Freude, Hoffnung oder Kummer zu erzählen. Kein befreiendes Spielen und Lachen. Klar, manchmal gibt es Streit. Aber der hat auch Energie und zeugt von Beziehung, wenn auch im Konflikt.

Aber wir sitzen zuhause und dort ziemlich aufeinander. Das ist durchaus reizend, manchmal schön, manchmal nervig. Wir können alles geben in der verordneten Häuslichkeit: vom Frühjahrsputz bis zum Spielemarathon. Aber wir können nichts tun, um die Situation zu verändern. Die Rufe nach einer Aussicht auf ein Ende des Ausnahmezustandes werden lauter. Es wird vorerst keine klare Antwort geben können. Die Situation ist zu eigenmächtig. Wir müssen abwarten und Tee trinken – zuhause natürlich.

Was kann ich tun, wenn mir nichts mehr einfällt? Reden. Aber mit wem? Mit den Liebsten zuhause natürlich. Oder mit anderen, die mir nahestehen. Bei einigen habe ich mich schon eine Weile nicht gemeldet. Und wenn alles gesagt ist, mit wem rede ich dann?

Würde ich diese Frage meinen Schülern stellen, wäre die erste Antwort: Gott. Oder: Jesus. Das sind gute Antworten im Reli-Unterricht. Das passt fast immer. Die Kids sind clever! Ich versuche, es auch zu sein, und antworte: mit dem Himmel.

Reden Sie manchmal mit dem Himmel? Ich kann es nur empfehlen! Es ist ähnlich wie das Sprechen mit Zimmerpflanzen. Es beruhigt. Weil das Gegenüber so geduldig zuhört und sich nie abwendet. Besonders gerne spreche ich mit dem Sternenhimmel. Ein königlich weiß-blauer Himmel ist auch wunderbar. Die Muster von Lichtern oder Wolken helfen mir, eine Verbindung aufzubauen. Dann spreche ich für mich mithilfe des Himmels zum Himmel.

In unserer angespannten Lage ereignen sich zunehmend Nachrichten, die das Potenzial haben, himmlisch zu wirken. Die bedrückenden Meldungen sind in der Überzahl, keine Frage. Aber wie gerade zwischen Pflastersteinen Blumen hervorbrechen, so begegnen zwischen den unumstößlich schlechten Nachrichten solche, die mehr in sich tragen.

Zum Beispiel Aktionen und Helferkreise. Was wird nicht alles musiziert und gesungen in der Welt! Gegen die Einsamkeit, gegen die Angst, für den Mut und für den Zusammenhalt. Von einem Gemeindemitglied wurde ich auf das Balkonsingen der EKD hingewiesen. Um 19 Uhr ins Freie hinaus singen oder spielen „Der Mond ist aufgegangen“. Ich weiß so von einem Menschen, der sich freut, nach langer Zeit wieder etwas Trompete zu spielen. Und andere freuen sich mit ihm – Gott sei Dank.

Viele weitere kreative Impulse werden gerade umgesetzt und auf den Weg gebracht. An der Friedenskirche und an der Gnadenkirche ist die „Dachauer Wäscheleine“ installiert. Vor den Kirchen finden sich gute Worte an der Leine zum Mitnehmen.

Die Evangelische Jugend Dachau hat beschlossen einen Helferkreis zu organisieren. Im Vergleich zur beeindruckend und großartig organisierten Corona-Hilfe Dachau sind die „Helferengel“ der EJ Dachau ein kleines Format. Aber es geht ja nicht um Konkurrenz. Es geht ums Helfen und ums Alles-geben mitten im Nichts-tun-können. Dazu bieten sich die beiden Kreise auch gegenseitige Unterstützung an. Jesus! So viel Tatendrang!

„Wenn Hoffnung bei uns einzieht“, heißt es in einem Kirchenlied, „öffnet sich der Horizont. Wir fangen an zu leben, weil der Himmel bei uns wohnt“. Der Himmel wohnt mitten unter uns, auch in dieser Krise. Sie ist unheimlich schwer auszuhalten, in Form der Nachrichten, der Einschränkungen, der Langeweile, der Angst und der Bilder von Tod und Verzweiflung.

Die Eigendynamik der Situation wirkt übermächtig. Wir können nichts tun. Und doch können wir alles geben, mitten in der Krise ein Stückchen Himmel herbeirufen. Ein guter Rat dabei ist dieser, den nicht nur die Religion besingt. „Ging es nach mir, sollten wir viel öfter in den Himmel schauen“ heißt es im Song „Siehst du das genauso?“ (Sportfreunde Stiller).

Ich glaube: Jesus würde es genauso sehen. Er, der so einmalig mit dem Himmel redete und umgekehrt. Er spricht uns zu: „Siehe, der Himmel ist mitten unter euch.“ (Lk 17,21). Das liegt quer zur aktuellen Krise, trotz der guten Nachrichten. Doch es ist „eine Gotteskraft“ (1Kor 1,18).

VON GERHARD LAST
Friedenskirche Dachau

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