+
Bei der Verabschiedung: Pfarrerin Claudia Buchner und Pfarrer Dr. Björn Mensing. 

Versöhnungskirche

Jeden Abend zündete sie eine Kerze an

Pfarrerin Claudia Buchner widmet sich neuen Aufgaben und verlässt Dachau. Zwei Jahre lang hat die junge Frau vor allem Schüler durch die KZ-Gedenkstätte  geführt - und verschiedenste Erfahrungen gemacht.

VON ELFRIEDE PEIL

Dachau – „Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl, dass das jetzt endet. Ich habe es sehr, sehr gern gemacht.“ Gerade kommt Pfarrerin Claudia Buchner von ihrer letzten Führung einer Schulklasse durch die KZ-Gedenkstätte. Ganz durchgefroren ist sie jetzt an diesem windigen Februartag, kann sich aber leider nicht aufwärmen im Gesprächsraum der evangelischen Versöhnungskirche – die Heizung geht wieder mal nicht. Also behält sie ihren Mantel an. Aber es wird einem warm ums Herz, wenn diese junge Frau so glücklich auf die vergangenen Jahre zurückschaut und genauso glücklich in die Zukunft blickt.

Nach zwei Jahren endet das „Spezialvikariat“ von Claudia Buchner in der Gedenkstättenarbeit. Sie hatte nach ihrem „normalen“ Vikariat in Gmund unbedingt noch etwas anderes kennenlernen wollen. Und da passte es bestens, dass Dr. Björn Mensing Verstärkung für das Team der Versöhnungskirche suchte. Weil sie sich schon als Studentin sehr für neuere Kirchengeschichte interessiert hatte, wurde Mensing von der Universität auf sie aufmerksam gemacht. „Und so kamen wir zusammen“, berichtet Claudia Buchner.

Neben Gottesdiensten, Seelsorgegesprächen, Abendveranstaltungen und Gedenkfeiern gehörten Führungen durch die KZ-Gedenkstätte zu ihren Aufgaben. Die unterschiedlichsten Schulklassen waren es, Förderschule, Mittelschule, Gymnasium, Klassen mit hohem Migrationsanteil oder keinem. Die Schüler seien auch sehr unterschiedlich vorbereitet gewesen. „Manchmal wissen sie gar nichts. Andere sind durch schulische Projekte sehr gut informiert.“

Hier die richtige Sprache zu finden, war für Claudia Buchner die Herausforderung. Sie setzte bei den Erfahrungen der jungen Leute an. Wie es wohl ist, wenn man nichts Persönliches haben behalten darf. Die Inhaftierten mussten bei der Einlieferung alles abgeben, sogar Fotos. „Oder wenn wir in der Schlafbaracke stehen und sie sich vorstellen, wie es wohl war, nie allein sein zu können, keine Sekunde Privatsphäre zu haben, nie die Tür hinter sich zu machen zu können – dann war das Mitgefühl zu spüren.“

Neben den Schulklassen hat Buchner auch Erwachsenengruppen geführt: Firmen, Seniorenclubs, Kirchengemeinden, Bildungswerke. Und sie hat Einzelführungen gemacht. „Die sind richterlich angeordnet für Jugendliche, die antisemitische oder rassistische Schmierereien angebracht hatten oder solche Kommentare in Chats geteilt haben.“ Die meisten wissen, dass sie „Mist“ gemacht haben, und es tut ihnen leid. Und wer das nur absolviert, ohne jede Einsicht, der äußert sich vielleicht auch nicht.

Für Claudia Buchner waren die letzten zwei Jahre auch ein großer Gewinn in der Zusammenarbeit mit den vielen engagierten Ehrenamtlichen und in der guten ökumenischen Praxis. Sie waren aber auch eine Herausforderung: „Sich diesem Ort jeden Tag auszusetzen. Durch die Baracke zu gehen, das Krematorium – das verliert nie seinen Schrecken.“ Es hat ihr geholfen, nach jedem Arbeitstag eine Kerze in der Kirche anzuzünden. Und die 40-minütige Fahrt zu ihrer Wohnung nach Augsburg war ein guter Abstand-Geber.

Ab dem 1. März wird sie mit ihrem Mann Pfarrer Andreas Buchner in Bad Reichenhall arbeiten. Sie teilen sich eine 1,5 Stelle in Gemeinde und Kur- und Klinikseelsorge. Im Mai kommt ihr erstes Kind auf die Welt. Ab Ostern geht Claudia Buchner in Mutterschutz, aber bis dahin will sie „noch richtig loslegen“. Sie freut sich auf das ganz normale Leben einer Gemeinde mit Taufen, Trauungen, Gemeindefesten, Besuchen. „Wir wollen ja was machen, wir haben große Lust darauf.“

Wie heißt es doch: „Des einen Freud ist des anderen Leid.“ Ernst Grube sagte beim Abschiedsgottesdienst: „An Ihrem neuen Einsatzort dürfen sich die Menschen glücklich schätzen.“ Soweit zur Freud der einen. Und hier sagt Dr. Björn Mensing: „Leider endet jetzt das Spezialvikariat von Claudia Buchner, bei dem ich die überaus kompetente, talentierte und mit viel Herzblut engagierte junge Kollegin als Fachmentor begleiten durfte.“ Soweit das Leid der anderen. Aber es wird gemildert durch die spürbare Freude dieser Pfarrerin über das Erlebte in Dachau und die Zukunft, die auf sie wartet.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Coronavirus im Landkreis Dachau: Über 300 Infektionen
Das Coronavirus hat Bayern fest im Griff, auch den Landkreis Dachau. In diesem Liveticker erfahren Sie alle aktuellen Geschehnisse rund um Covid-19.
Coronavirus im Landkreis Dachau: Über 300 Infektionen
Karlsfeld überzeugt mit „erstaunlicher Entwicklung“
In einem Vergleich bei „verbesserten Lebensbedingungen aufstrebender Kommunen“ schnitt Karlsfeld besser ab als alle anderen vergleichbaren Kommunen in Bayern. …
Karlsfeld überzeugt mit „erstaunlicher Entwicklung“
Axel Noack rückt für Astrid Rötzer in den Indersdorfer Gemeinderat nach
Noch vor Amtsantritt rückt Axel Noack für Astrid Rötzer in den Indersdorfer Gemeinderat nach. Wegen ihres Sitzes im Kreistag hatte sie den Gemeinderat abgelehnt. 
Axel Noack rückt für Astrid Rötzer in den Indersdorfer Gemeinderat nach
Interview: Bürgermeister Beniamino Maschietto über die verzweifelte Lage in Fondi
Die Dachauer Partnerstadt Fondi in der italienischen Region Latium ist vom Coronavirus schwer getroffen und wurde von der Regierung offiziell als Seuchenherd eingestuft …
Interview: Bürgermeister Beniamino Maschietto über die verzweifelte Lage in Fondi

Kommentare