Pflegekräfte
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Danke fürs Essen: Im Frühjahr bekamen die Pflegekräfte des Klinikums Pizzen, Torten – und hohe Wertschätzung. Davon ist wenig übrig geblieben.

Wieder mehr Gleichgültigkeit

Pflegekräfte am Dachauer Klinikum: Applaus und mehr Lohn reichen nicht

Zwei Pflegekräfte des Dachauer Klinikums erzählen, wie viel von der Wertschätzung aus Bevölkerung und Politik zu Beginn der Corona-Pandemie übrig geblieben ist.

Dachau – „Helden des Alltags“ nannte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) die Pflegekräfte im Mai. Es war eine Zeit voller Dankbarkeit, jeden Abend klatschten Menschen an den Fenstern und auf den Balkonen den Pflegekräften Applaus. Auch die Pfleger im Dachauer Klinikum waren damals überwältigt von all den Brotzeiten, Torten mit der Aufschrift „Danke“, den 700 Pizzen für alle Beschäftigten oder Süßigkeiten, die an den Pforten des Krankenhauses abgegeben wurden – als Wertschätzung für all die Überstunden, die Gefahr sich mit Covid-19 anzustecken, für all die Anstrengungen, die sie jeden Tag während dieser Pandemie leisten.

Das war im Frühjahr. Aber was ist jetzt von dieser besonderen Wertschätzung geblieben? Der Applaus von den Fenstern aus ist jedenfalls schon lange verstummt. Und auch in den Kliniken scheint die Situation eher dem Zustand vor dem Ausbruch der Pandemie zu gleichen. „Wir spüren wieder mehr Gleichgültigkeit“, erzählt Petra M. (Namen geändert), eine Pflegekraft des Amper Klinikums.

Gesten der Dankbarkeit gehören wohl der Vergangenheit an

„Unsere Arbeit wird als selbstverständlich erachtet. Patienten diskutieren mit uns über die Maskenpflicht –dabei sind wir doch diejenigen, denen die Ohren von den Masken wund gescheuert sind.“ Die besonderen kleinen und großen Gesten der Dankbarkeit gehören wohl auch in Dachau der Vergangenheit an: „Diejenigen, die immer schon wertschätzend waren, sind es weiterhin. Diejenigen, die fordern und nicht warten wollen oder können, sind es jetzt auch nicht“, ergänzt ihre Kollegin Martina T.

Das Frühjahr war nicht nur die Zeit der großen Wertschätzung für die Pflegekräfte, sondern im Zuge dessen auch die Zeit der großen Versprechungen – Stichwort Corona-Bonus.

Pflegekräfte bekamen vom Klinikum eine Koch-Box geschenkt

Letztendlich war Bayern neben Schleswig Holstein eines der zwei einzigen Bundesländer, in denen tatsächlich ein Bonus für Pflegekräfte ausgezahlt wurde: einmalig 500 Euro, steuerfrei. Die Antragsstellung war bis Ende Juni möglich und sei einfach gewesen, berichten die beiden Dachauer Pflegerinnen. Wer den Antrag noch im Mai stellte, erhielt bereits kurze Zeit später das Geld – wer zu lange brauchte, wartet zum Teil heute noch auf den Bonus. Einige mussten den Antrag noch ein zweites Mal stellen. Vom Amper-Klinikum selbst bekamen alle Pflegekräfte eine Koch-Box mit Zutaten für italienisches Essen, als Anerkennung ihres Engagements, geschenkt.

Es lässt sich streiten, ob 500 Euro und Lebensmittel eine angemessene Wertschätzung für all die harte Arbeit und das Risiko ist, das die Pflegekräfte täglich tragen – die Pflegerinnen selbst machen jedoch klar, dass es ihnen nicht um höhere Boni oder mehr Lunchpakete geht: „Es geht darum, dass die Politik und Gesellschaft das grundsätzliche Problem sehen. Es reicht nicht aus, uns Pflegekräften zu applaudieren oder einmalige Bonuszahlungen zu geben. Bessere Arbeitsbedingungen wären höchst angemessen“, meint Petra M.. „Wir haben uns den Beruf ausgesucht und waren uns bewusst, dass es auch Pandemien geben kann.“

Pflegekräfte wollen bessere Arbeitsbedingungen

Bessere Arbeitsbedingungen, das heißt im Klartext: ein adäquates Ausfallmanagement, Mitspracherecht, realistische Personaluntergrenzen. „Vor wenigen Wochen waren wir Helden, wurden von der Politik, die uns viel versprach, sehr gelobt. Jetzt scheint Pflegenotstand wieder nur ein Wort zu sein.“

Doch es gibt Grund zu Hoffnung, dass dies nicht nur leere Versprechungen waren. Am Wochenende haben sich Arbeitgeber und Gewerkschaften im Tarifstreit des öffentlichen Dienstes geeinigt – mit einem, wie es zuerst scheint, sehenswerten Ergebnis: Pflegekräfte können mit bis zu 8,7 Prozent mehr Lohn rechnen. Laut der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di heißt das konkret: eine Pflegefachkraft im Krankenhaus mit derzeit einem Monatseinkommen von ungefähr 3540 Euro brutto, verdient mit dem neu vereinbarten Zulagen zirka 300 Euro monatlich mehr. Verhandlungsführer Innenminister Horst Seehofer nannte die Einigung „einen historischen Durchbruch, der den Beschäftigten die Wertschätzung zukommen lässt, die sie verdienen“.

„Beruf wird aus Gründen gewählt, die nichts mit Geld oder Anerkennung zu tun haben“

Die Pflegerinnen stehen dazu kritisch: „Ich sehe das auch nur als Kompromiss, aber nicht als Wertschätzung“, sagt Petra M.. „Dieser Beruf wird aus Gründen gewählt, die nichts mit Geld oder Anerkennung zu tun haben“, so ihre Kollegin. Ein höheres Gehalt allein werde nicht reichen, um den Pflegenotstand aufzuheben: „Die Arbeit, die wir leisten, besser zu bezahlen, ist definitiv fair. Allerdings ändert das nichts an den Arbeitsbedingungen.“

Paula Kühn

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