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Etwa 100 Gäste kamen in das Max-Mannheimer-Haus. 

Podiumsdiskussion im Dachauer Max-Mannheimer-Haus

Wenn man Massenmörder im Stammbaum hat

Wie fühlt man sich, wenn man einen Massenmörder in seinem Stammbaum findet. Darüber fand im Dachauer Max-Mannheimer-Haus  eine Podiumsdiskussion statt

Dachau – Heinrich Himmler, Hitlers Vollstrecker und Massenmörder, als Großonkel, und Hans Frank, der „Schlächter von Polen“, als Vater – wie es sich anfühlt, Nachfahre eines NS-Täters zu sein, das versuchte eine Diskussionsrunde im Dachauer Max-Mannheimer-Haus im Rahmen der Internationalen Jugendbewegung zu vermitteln. Auf dem Podium saßen die 52-jährige Katrin Himmler und der 80-jährige Niklas Frank. Der Abend stieß auf großes Interesse. Etwa 100 Gäste begrüßte Moderator und SZ-Redakteur Helmut Zeller im Seminarraum.

Beide Podiumsgäste haben sich mit ihrer Familiengeschichte auseinandergesetzt. Niklas Frank sorgte bereits 1973 mit seinem schonungslosen Buch „Der Vater – Eine Abrechnung“ für Aufsehen. Katrin Himmler wurde vor allem durch ihr Buch „Die Brüder Himmlers“ im Jahr 2005 bekannt. So lag die erste Frage nahe: Was hatte die beiden bewegt, so tief in die Familiengeschichte einzutauchen. „Ich musste meine Recherchen immer wieder unterbrechen, um zu verarbeiten, was ich erfahren habe. Irgendwann kam ich in einen Sog, ich wollte plötzlich alles wissen“, erzählt Katrin Himmler. Denn gerne hätte sie auch nur einen Vorfahren gefunden, der nicht mitgemacht hatte, also jemanden, der sich gegen das NS-Regime widersetzte oder zumindest nicht das gleiche Gedankengut teilte. „Ich habe keinen gefunden“, sagt sie trocken. Doch von Anfang an wollte sie sich nicht versöhnen, sondern nur verstehen.

Niklas Frank wollte vor allem das Schweigen „ohne wenn und aber“ brechen, das in der Nachkriegszeit vorherrschte. Nicht jedem habe sein Buch gepasst. Auch er wollte aufarbeiten, doch: „Ein Aufarbeiten gibt es nicht, nur ein Anerkennen.“ Denn er sagt, dass die Anerkennung der Taten der NS-Zeit nach wie vor fehle. Immer noch werde sich herausgeredet. Sein Buch habe er mit viel Wut geschrieben –Wut auf seinen Vater sowie auf Deutschland. „Eigentlich liegt es an jedem Deutschen, nachzufragen, was bei den Groß- oder Urgroßeltern war“, sagt er. Bei ihm damals wusste man: „Wenn man nachfragt, gibt es Ärger.“

Doch auch heute noch scheint es eine Ausnahme zu sein.

Katrin Himmler ist, genau wie Frank oft in Schulen unterwegs. Dabei fällt ihr auf: „Die meisten wissen nicht, was die Groß- oder Urgroßeltern während der Zeit getan haben. Wenn, hört man nur von Bomben- oder Fluchtgeschichten.“

Erst seit einigen Jahren sind die Leute irritiert wegen des Namens

Ein Mann unter den Gästen interessierte sich, ob die beiden sich jemals überlegten, ihre Namen zu ändern. Himmler antwortet: „In meiner Jugend wollte ich den Namen loswerden, auch wenn ich nicht darauf angesprochen wurde.“ Erst seit einigen Jahren seien die Leute irritiert und fragen nach. „Neonazis schreiben mich aus allen Ländern an, die Nachrichten gehen dabei weit auseinander, von Drohungen bis zu Heiratsanträgen ist alles dabei“, erzählt sie weiter.

Frank wurde gefragt, ob er verbittert über das Leben sei, der jedoch das Gegenteil behauptet: „Ich habe mir geschworen, dass ich mir mein Leben nicht von meinen Eltern verderben lasse.“ Er sei zufrieden mit seinem Leben. „Meinen Vater mochte ich nicht, das hat mich gerettet, aber Deutschland habe ich gern“, ergänzt er. Eine Gästeführerin der KZ-Gedenkstätte erzählt: „Ein Mädchen hat mich gefragt, warum die Menschen so schlimme Dinge getan haben, was es ihnen gebracht hat.“ Sie erhoffte sich von den beiden eine Antwort für die Zukunft. Niklas Frank: „Mein Vater war ein eiskalter, charakterloser Karrierist. Ihm waren Menschen egal, Hauptsache er bekam, was er wollte.“ Frank war sich sicher, dass alle damals die zehn Gebote im Kopf hatten. Jeder wusste, dass töten schlecht war, vor allem sein Vater als Jurist. Katrin Himmler bestätigt: Auch ihr Großonkel sowie seine Brüder seien schon immer hemmungslose Karrieristen gewesen.

VON MIRIAM KOHR

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