Dr. Nicolay Marstrander Chefarzt kbo-Klinik
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„Wir wollen Hilfsangebote nahe an der Lebenssituation der Menschen machen“, sagt Dr. Nicolay Marstrander, Chefarzt der kbo-Klinik.

Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Erkrankungen

Psychiatrie: Klinik hat Modellcharakter

Seit fünf Jahren gibt es eine Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Region: das kbo-Klinikumin Fürstenfeldbruck. Es hat sich in dieser Zeit weiterentwickelt – von der stationären Therapie bis hin zu Tagesklinik und ambulanten Angeboten.

Fürstenfeldbruck/Dachau – Das Ziel ist es, Menschen mit psychischen Problemen möglichst in ihrem persönlichen Umfeld zu betreuen und so eine Einweisung in die Klinik zu vermeiden. Von einer gewaltigen Entwicklung spricht Josef Mederer, als Bezirkstagspräsident zuständig für die kbo-Kliniken.

Die Planungen für die Brucker Einrichtung starteten noch im vergangenen Jahrhundert. 2007 wurde die Tagesklinik im Haeuslerpark eröffnet, im September 2016 folgte die offizielle Einweihung des kbo-Klinikums. Man wolle die Psychiatrie zu den Menschen bringen, mit kurzen Wegen und niederschwelligem Angebot, sagt Mederer. Und man wolle neue Wege gehen in der Versorgung der Patienten.

Inzwischen genießt das Haus Modellcharakter und wird deutschlandweit beobachtet, berichtet der ärztliche Direktor Dr. Peter Brieger. „Die tagesklinische und stationäre Behandlung erfolgt durch ein Team.“ So könne man auf den Bedarf der Patienten besser reagieren. Auch die Integration mitten in einem Wohngebiet war neu. Dagegen gab es anfangs großen Widerstand. Inzwischen werde die Einrichtung geschätzt, so Mederer. „Psychische Erkrankungen werden als normale Erkrankungen angesehen.“

Für die Landkreise FFB und Dachau

Das kbo-Klinikum versorgt die Bevölkerung in den Landkreisen Fürstenfeldbruck und Dachau. Die Patienten leiden hauptsächlich an Suchterkrankungen, Psychosen, Krisen wie Depressionen und gerontopsychiatrische Erkrankungen. Rund 2000 Behandlungsfälle gibt es im gesamten Jahr in der Klinik. Im Herzstück – der Ambulanz – sind es rund 1200 im Quartal, berichtet Chefarzt Dr. Nicolay Marstrander.

Hier versucht man, dass die Menschen etwa nach einem Aufenthalt mit Unterstützung daheim zurecht kommen. Sie können in die Tagesklinik kommen – oder das Personal kommt zu ihnen ins Haus. Der aufsuchende Dienst werde vor allem im gerontopsychiatrischen Bereich genutzt – bei Senioren mit psychischen Erkrankungen wie Demenz. Das erklärt Pflegedienstleiterin Nina Tantarn. Die Nachsorge bei Suchterkrankungen laufe überwiegend telefonisch und ambulant. Aber auch hier etabliere man derzeit die aufsuchende Therapie.

„Die Zahl der Betten reicht“, sagt Mederer. „Der Mehrbedarf muss mit anderen Angeboten abgedeckt werden.“ Dazu gehört der Krisendienst – eine Telefonhotline, die rund um die Uhr besetzt ist. Alleine in Oberbayern wurde die Nummer 2020 30 000 Mal gewählt. Auch im kbo-Klinikum gibt es eine Belegungsstelle, die alle Anrufe entgegennimmt und je nach Bedarf reagiert.

50 bis 60 Anfragen laufen am Tag ein. Man versuche, die Wartezeit so gering wie möglich zu halten, sagt Marstrander. Doch gerade während der Corona-Pandemie sei der Bedarf an Plätzen in der Tagesklinik gestiegen – dabei mussten diese wegen der Abstandsregeln reduziert werden. „Wir haben versucht, ambulant mehr aufzufangen“, sagt Tantarn.

Diesen Weg wird man auch in Zukunft weiter gehen müssen. Die Bevölkerung wächst – und damit auch der Bedarf an psychiatrischer Betreuung. Man müsse an vielen kleinen Stellschrauben drehen, sagt Franz Podechtl, Geschäftsführer des kbo-Isar-Amper-Klinikums. „Wir wollen Hilfsangebote nahe an der Lebenssituation der Menschen machen“, erklärt Chefarzt Marstrander. Unter anderem wird in München bereits die stationsadäquate Behandlung – Hausbesuche morgens, mittags und abends – etabliert. Das könnte auch in Fürstenfeldbruck kommen.

24-Stunden-Hotline

Der Krisendienst Psychiatrie ist täglich von 0 bis 24 Uhr erreichbar unter Telefon (0180) 6 55 30 00.

iz

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