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„Das ist alles so verlogen!“

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Dekan Peter Dietz
Dekan Peter Dietz © MM-Archiv

Hunderte Fälle von sexuellem Missbrauch sollen im Erzbistum München und Freising unter den Tisch gekehrt worden sein. Die Reaktionen von Katholiken aus dem Landkreis.

Dachau - Dekan Peter Dietz, Leiter des Pfarrverbandes Petershausen-Vierkirchen-Weichs, richtete beim Vorabendgottesdienst am Samstag in Weichs seine ganze Predigt auf den Missbrauchsskandal aus. Mit schonungslosen Worten, obwohl er bei der Verkündigung der grausamen Taten anhand der Untersuchungen eigentlich sprachlos sei, prangerte er die Täter, aber auch „Vertuscher“ an, und sprach den Betroffenen sein großes Bedauern aus. Es müsse alles aufgeklärt und daraus die Konsequenzen gezogen werden. „Die Kirche darf nicht über dem Gesetz stehen!“ Der synodale Weg muss uneingeschränkt weitergegangen werden, war zu hören. „Vertrauen ist die beste Währung“, betonte Dietz, „und da haben wir leider sehr viel verloren. Dass die Kirche seit 2010 (da begannen die Missbrauchsvorwürfe) nichts gemacht hat, ist falsch.“

Von einem Kirchenbesucher war nach dem Gottesdienst in Weichs zu hören: „Respekt, wie Pfarrer Peter Dietz das Thema in aller Deutlichkeit angesprochen hat und dabei nichts beschönigte.“

„Nicht erst in den letzten Wochen, als immer wieder von dem Missbrauchsgutachten und seiner Veröffentlichung in der Erzdiözese München und Freising gesprochen worden ist, habe ich mir gedacht: Da ist einiges, was schon 2010 hätte auf den Tisch gelegt werden müssen“, sagt Josef Mayer, Pfarrer am Petersberg. Denn es gelte: „Die Wahrheit allein macht frei. Es steht mir nicht zu, in übler Weise nachzutreten. Aber ich halte die Rechtfertigungsadressen von Erzbischof Gänswein und von unserem emeritierten Papst Benedikt XVI. – wenn ich vom Standpunkt der Opfer aus denke, und das hätte schon längst passieren müssen – für wenig hilfreich und für begrenzt glaubwürdig.“

Pfarrer Josef Mayer
Pfarrer Josef Mayer © MM-Archiv

Sorge bereiteten ihm die zwölf Jahre, in denen „mancher dringliche Schritt nicht gegangen worden“ sei. „Sorge bereitet mir aber auch die Tatsache, dass es viele in der Seelsorge tätige Menschen gibt, die gut und authentisch ihre Wege gegangen sind, und deren Existenz ebenfalls in Misskredit geraten ist und noch mehr geraten dürfte. Es ist keine leichte Zeit – für alle in der Kirche. Aber es ist auch eine Zeit, die uns alle an der Seite der Opfer sehen muss.“

Pfarrer Michael Bartmann
Pfarrer Michael Bartmann © MM-Archiv

Bei der Eucharistiefeier am Sonntagvormittag kam auch Pfarrer Michael Bartmann, Leiter des Pfarrverbands Hebertshausen-Röhrmoos, auf die Ereignisse in den vergangenen Tagen zu sprechen. „Wir erleben gerade Erschütterungen in unserer Kirche“, sagte Bartmann in seiner Predigt. „Da erleben wir das Versagen unserer Institutionen und Kirchenvertreter, da erleben wir, dass es kein Weiter so gibt, wenn die Kirche weiter als Kirche auftreten will.“ Bartmann stellte Fragen, die viele Gläubigen umtreiben: „Was muss geschehen, was muss sich in der Kirche, was muss sich in der Institution ändern? Wie kommen wir weg von der Macht, die einige haben, die alles beherrschen? Wie kommen wir weg von der Ausgrenzung von Frauen? Wie kommen wir weg von den schrecklichen und fürchterlichen Ereignissen des Missbrauchs, wie können wir es aufarbeiten? Ein Hoffnungsblick für mich ist, dass in 14 Tagen in Frankfurt bei der Synodal-Konferenz wirklich grundlegende Beschlüsse gefasst werden, dass sich was ändern kann, sich was ändern muss. Dass nicht einige wenige, die sich dagegenstellen, die Oberhand gewinnen, sondern dass die Mehrheit da zum Tragen kommt.“

„Leider haben sich meine schon lange gehegten Vermutungen und Befürchtungen durch das Gutachten bestätigt bzw. sind noch übertroffen worden“, sagt Jürgen Meyr von der Kirchenverwaltung Weichs. „Es ist beschämend, dass sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen systematisch vertuscht, verharmlost und total fehleingeschätzt wurde. Täter wurden geschützt, Opfer spielten keine oder nur eine Nebenrolle, ihnen wurde viel zu lange nicht geglaubt. Barmherzigkeit galt den Tätern, unbarmherzig war man zu den Opfern.“ Der Täterschutz sei stets im Vordergrund gestanden, „und dies alles, um vermeintlichen Schaden von der Institution Katholische Kirche abzuwehren – unglaublich, aber leider wahr.“ Die Strukturen und Machtverhältnisse, eine fragwürdige Sexualmoral und auch die teilweise Überhöhung der priesterlichen Autorität bildeten den Nährboden, sagt Meyr.

Jürgen Meyr
Jürgen Meyr © MM-Archiv

„Als Ehrenamtlicher, der sich seit vielen Jahren und bis heute aktiv in unserer Pfarrei engagiert, bin ich fassungslos und wütend über den immensen Schaden und den Scherbenhaufen, den die verantwortlichen Amts- und Würdenträger angerichtet haben. Die gravierenden Folgen, vor allem in der Seelsorge, werden wir leider noch lange, wenn nicht Jahrzehnte zu spüren bekommen.“

Wenn jetzt nicht endlich in der Katholischen Kirche die „notwendigen Lehren“ gezogen würden und „offen und ehrlich“ gehandelt werde, sehe er „die Kirche in unserem Land auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit“, so Meyr weiter.

„Ein taktisches Aussitzen und auf die lange Bank Schieben geht jetzt nicht mehr. Der synodale Weg muss unbedingt fortgeführt und darf nicht sabotiert werden. Bei allem, was vorgefallen ist, sollten man dennoch nicht die wichtige Arbeit der Kirche und ihrer Einrichtungen vergessen. Dies gilt vor allem für die vielen hervorragenden Seelsorgerinnen und Seelsorger und ehrenamtlichen Laien. Sie sollen wir ermutigen und ihnen den Rücken stärken.“

Meyr abschließend: „Übrigens: Ich bleibe und trete nicht aus!“

„Das ist alles so verlogen“, sagt Sylvia Schlabitz. Sie ist seit 1997 Mitglied des Pfarrgemeinderats Hebertshausen, lebt ihren Glauben seit der Kindheit. Das aktuelle Missbrauchsgutachten hat sie aufgebracht. „Ich habe immer das Gefühl, dass die Kirche geschützt wird, nicht nur durch die Kirche selbst, sondern auch durch andere Institutionen, zum Beispiel die Justiz.“ Sie vermisse, dass die Täter angemessen bestraft werden. „Aber man schickt sie einfach woanders hin.“ Kinder und Jugendliche brächten den Geistlichen so viel Vertrauen entgegen, „und dann werden sie so missbraucht“. Es seien nur wenige, „die die Kirche ins schlechte Licht rücken“. Doch seien die Konsequenzen schon spürbar, viele Gläubige seien frustriert, habe sie beobachtet.

Sylvia Schlabitz
Sylvia Schlabitz © MM-Archiv

Nicht nur im Umgang mit den Missbrauchsfällen müsse sich etwas ändern in der katholischen Kirche, fordert Sylvia Schlabitz; in vielerlei Hinsicht agiere die Kirche „wie vor Hunderten von Jahren“. Als Beispiel nennt sie das überkommene Frauenbild. „Aber ich hoffe immer noch, dass sich etwas ändert.“ Bei den anstehenden Pfarrgemeinderatswahlen will Schlabitz wieder kandidieren.

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