Unermüdliche Aktivistin gegen das Vergessen: die 93-jährige Camille Senon, die ihren Vater beim Massaker von Oradour-sur-Glane verlor. foto: kn

Regisseurin Karen Breece über ihr neues Stück „Oradour“

Vieles muss noch erzählt werden

Zum ersten Mal hat sich eine Dachauerin mit den tragischen Geschehnissen in dem französischen Dorf Ordadour-sur-Glane während des Zweiten Weltkriegs künstlerisch auseinandergesetzt.Anhand ihres Dokumentartheaterstücks„Oradour“ möchte die Regisseurin Karen Breece das schreckliche Ereignis aufarbeiten.

Dachau Im Sommer 1944 verübten SS-Soldaten in Oradour-sur-Glane das schlimmste deutsche Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs in Westeuropa. Rund 150 Soldaten ermordeten 642 Dorfbewohner, mehr als die Hälfte der Opfer waren Frauen und Kinder. Während die Männer in Scheunen zusammengedrängt und erschossen wurden, trieben die SS die Frauen und Kinder in eine Kirche. Diese wurde anschließend beschossen und in Brand gesetzt. Nur sechs Bewohner überlebten.

Die heute 93-jährige Camille Senon ist eine der Nachfahren der Opfer von Oradour. Sie hatte ihren Vater während des grausamen Blutbades verloren. Ihre Mutter überlebte, allerdings nur, weil sich sich zum Zeitpunkt des Massakers nicht im Dorf befand. Dennoch starben an diesem Tag eine Vielzahl von Senons Familienmitgliedern. „Jahrzehntelang kämpfte Camille Senon als Aktivistin unermüdlich gegen das Vergessen und für Demokratie, demonstrierte gegen Veteranentreffen der Waffen-SS, auch in Deutschland. Jedes Jahr fuhr sie zur Gedenkfeier nach Oradour. Nach ihrer Pensionierung zog sie sogar wieder ganz dorthin“, berichtet Breece.

Regisseurin Karen Breece: Wie kann man von dem Grauen erzählen, ohne das Grauen zu zeigen? foto: kn

Dachau war eine der ersten deutschen Städte, die sich mit der Aufarbeitung dieses Kriegsverbrechens auseinandersetzten. Vor allem über den Sport erfolgten bereits vor einigen Jahren erste Kontaktaufnahmen. In ihrem Theaterstück begibt sich nun auch die Dachauer Regisseurin Breece auf Spurensuche: nach den Konsequenzen des Massakers für die Opfer, die Tatbeteiligten und ihre Nachfahren. Auf der Grundlage ihrer einjährigen Recherche schuf Breece aus Ermittlungs- und Gerichtsprotokollen sowie aus Gesprächen mit Zeitzeugen und Nachfahren von Opfern als auch Tätern ein Drehbuch, welches den Ausgangspunkt für eine Reihe fiktionaler Spielszenen bildet. Die Inszenierung entwickelte Breece gemeinsam mit ihren Schauspielern Katja Bürkle, Benny Claessens und Sebastian Mirow. Im Interview spricht Breece über ihr Werk:

Was hat Sie dazu bewegt, gerade dieses geschichtliche Ereignis zum Anlass ihres Theaterstücks zu nehmen?

Ich konnte in den vergangenen Jahren Oradour-sur-Glane mehrere Male besuchen und hatte das große Glück, dass uns Robert Hébras, der letzte Überlebende des Massakers, persönlich durch die Ruinen geführt hat. Die Geschichten der Menschen, die dort am 10. Juni 1944 so grausam umkamen, erzählen sich in den Besuchern weiter. Ich habe mich gefragt: Wie kann man diese Geschichten, die im Grunde nicht erzählbar sind, erzählen? Wie spielen? Wie kann man von dem Grauen erzählen, ohne das Grauen zu zeigen? Und wie eine künstlerische Übersetzung dafür finden?

Was erhoffen Sie sich, mit „Oradour“ bei den Zuschauern auszulösen?

Was der Abend mit den einzelnen Zuschauern macht oder nicht, liegt nicht in meiner Macht. Ich kann nur anregen, nachzudenken über das, was auch heute noch in unserem Umfeld, in unserer Gesellschaft, in unserer Welt schief läuft und wie wir es besser machen können. Nachzudenken darüber, was richtig, was falsch ist und wie man den Mut aufbringen kann, Dinge, Situationen, die nicht hinnehmbar sind, zu verändern. Nein zu sagen, wenn Nein gesagt werden muss. Auch und insbesondere im Kleinen, im Alltäglichen. In allen meinen Projekten geht es mir eigentlich um Empathie und Mut.

Wie haben die Zeitzeugen und Nachfahren auf Ihre Recherchearbeit reagiert?

Das Goethe-Institut hat mir einen Rechercheaufenthalt in Oradour ermöglicht. Ich konnte dort mit vielen Zeitzeugen und Nachfahren Gespräche führen, die hochinteressant und natürlich auch sehr berührend waren. In Oradour habe ich große Offenheit vorgefunden. Schwieriger war es, mit Tatbeteiligten oder Nachfahren der Tatbeteiligten in Kontakt zu kommen. Letztlich konnte ich aber doch drei Täterkinder finden, mit denen es zu sehr spannenden Interviews kam. Für zwei dieser Kinder war es ein großer Schock, denn sie wussten bislang nichts über die SS-Vergangenheit des Vaters.

Warum finden Sie es nach wie vor relevant, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen?

In einer Zeit zunehmenden Überdrusses an der Aufarbeitung der deutschen NS-Geschichte ist es mir wichtig dagegenzuhalten. Es gibt noch vieles, das hierzu erzählt werden muss.

Was bedeutet Oradour-sur-Glane für Sie?

In erster Linie ist Oradour ein Ort mit einer sehr dunklen Vergangenheit, ein Ort, der mich über lange Zeit beschäftigt hat. Man geht durch den Ort, der in Frankreich zu einem Symbol der Grausamkeit der Nazis geworden ist, und kann nicht fassen, wie Menschen 642 Männer, Frauen und Kinder so brutal töten konnten. Andererseits ist da das neue Oradour, das direkt neben dem Ruinendorf neu erbaut wurde; ein Ort mit Menschen, die ich kennenlernen durfte und die mir sehr lieb geworden sind: Überlebende, Zeitzeugen, Nachfahren. Auch ihre Perspektive will ich versuchen zu erzählen.

Waren Sie bei der Gedenkfeier in Oradour dabei? Mit welchen Gefühlen haben Sie den Ort besucht?

Ja, ich konnte am 10. Juni 2017 an der Gedenkfeier in Oradour teilnehmen. Es war ein sehr beeindruckendes und für mich wichtiges Erlebnis. Die Reden, die dort gehalten wurden, vor allem auch die von Staatspräsident Macron, waren sehr klug, und die Einbindung der vielen Kinder und Jugendlichen aus ganz Frankreich hatte große Symbolkraft. Für mein Projekt habe ich an diesem Tag eine Reihe von wichtigen Impulsen erhalten.

Interview: Verena Möckl


Uraufführung

Die Uraufführung von „Oradour“ findet am Donnerstag, 15. Februar, um 20 Uhr im HochX Theater an der Entenbachstraße 37 in München statt. Karten gibt es unter www.theater-hochx.de oder an der Abendkasse. Darüber hinaus wird die Arbeit „don’t forget to die – Ein Theaterprojekt über das Sterben“ von Karen Breece am Samstag, 24. Februar, und Montag, 26. Februar, nochmals als Gastspiel in den Münchner Kammerspielen zu sehen sein.

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