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Er verlässt die Institution Schule: Dr. Kurt Stecher.

Schulleiter Kurt Stecher verlässt das Josef-Effner-Gymnasium

„Ich will einfach frei sein!“

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Es sind die letzten Arbeitstage von Dr. Kurt Stecher. 17 Jahre lang leitete der Astronomiebegeisterte das Josef-Effner-Gymnasium (JEG) in Dachau. Nun geht er in den Ruhestand, freiwillig und mit 62 Jahren. Im Interview spricht er über das G 8, das G 9, über den Souverän, Handysucht – und über die Freiheit.

-Welche Erlebnisse in Ihrer Zeit als Schuldirektor sind Ihnen im Gedächtnis geblieben?

Ein positiver Moment im Leben eines Schulleiters ist zweifellos die alljährliche Verleihung der Abiturzeugnisse. Die Letzte jetzt ist eine sehr schöne Verabschiedung gewesen, eine der schönsten überhaupt; und das, obwohl sie teilweise traurige Inhalte hatte, weil ein Mitschüler in den Bergen ums Leben gekommen und ein anderer Mitschüler vor einem Jahr sehr schwer verunglückt ist und noch nicht klar ist, wie es weitergeht. Der beiden ist würdig gedacht worden, und es war insgesamt eine sehr harmonische Feier. In manchen Jahren gab es auch mal ein wenig Ärger, das ist klar, zum Beispiel, wenn mal ein Abiturstreich aus dem Ruder gelaufen ist. Aber das war bei uns eher selten. Auch unsere Konzerte oder die von den Schülern organisierten Veranstaltungen, wie der Tanzkursabschlussball, waren immer sehr schön. Und so gibt es noch vieles, das ich hier aufzählen könnte.

-Was waren negative Erlebnisse?

Traurig ist es immer, wenn Kinder ums Leben kommen. Wir haben vier Todesfälle gehabt im Lauf der Jahre, drei durch Unfälle und einen durch Krankheit. Das ist immer ein schlimmer Moment, wenn man das erfährt. Der Morgen des 12. September 2001 bleibt mir auch unvergessen. Da haben ja am Vortag die Anschläge in New York und Washington stattgefunden. Und ich habe vorher nicht und auch nachher Gott sei Dank nie wieder erlebt, dass es in einem vollen Schulhaus, in dem die Kinder warten, dass sie rauf in ihre Klassenzimmer dürfen, so unheimlich leise war und nur ganz gedämpft geredet wurde. Diese Bedrückung und diese Angst, wie wird es jetzt weitergehen, das war körperlich spürbar und wirklich ein ganz schlimmer Moment. An dem Tag haben wir fast keinen Unterricht gemacht, da haben die Lehrer mit den Kindern nur über diese Ereignisse gesprochen.

-Gab es Aufreger in Ihrer Zeit?

Ärgerlich war die „Roadshow“ im März 2004 zur Einführung des G 8. Da hatten wir eine, nennen wir es mal „etwas eigenartige“ Veranstaltung im Haus. Man war auf die Idee gekommen, dass die Ministerin und der Staatssekretär (Monika Hohlmeier und Karl Freller; Anmerk. d. Redaktion) durch die Lande reisen und jeweils zehn Schulen die Vorzüge des G 8 erklären. Das war damals natürlich eine aufgeheizte Atmosphäre, ich weiß nicht, wer auf diese Idee gekommen ist... Es war auf jeden Fall kontraproduktiv. Hier im Haus ist das zum Teil ausgeartet in Beschimpfungen von Schulleitern, die herabgewürdigt und als unfähig hingestellt wurden. Bei durchaus berechtigten Fragen fielen dann Sätze wie „Wenn Sie das nicht umsetzen können, sind Sie unfähig für Ihren Posten.“ Das war eine sehr unerfreuliche Veranstaltung und ein absoluter Tiefpunkt. Gott sei Dank hat sich seitdem das Klima wieder wesentlich gebessert.

-Das war ja ein schlechter Start des G 8. Wie hat sich das weiterentwickelt?

Als Beamter muss ich umsetzen, was mir der Souverän, also die Volksvertretung, vorgibt. Ob ich das für gut oder schlecht halte, tut nichts zur Sache. Wir haben am Anfang mit unterschiedlichen Modellen, wie wir das umsetzen können, experimentiert, zum Beispiel mit langen Nachmittagen, was sich als völlig kontraproduktiv erwiesen hat. Letztendlich ist es auf das Modell hinausgelaufen: Wir machen Nachmittagsunterricht in den Klassen 5 bis 10 nur bis 15.15 Uhr und nicht an zwei Tagen hintereinander. Wie man den Nachmittag organisiert, das haben wir alles lernen müssen. Mittlerweile klappt das ganz gut, aber zeitlich ist das G 8 trotzdem ausgereizt. Und nach dem Ministerwechsel ging es auch im Verhältnis mit der Regierung wieder bergauf.

-Mittlerweile lief das G 8 gut – und jetzt wieder die Kehrtwende zum G 9...

Es wird ja nicht zurück zum alten Modell gegangen, sondern es wird ein neues geben. Man schafft mit neun Jahren die Möglichkeit für mehr Stunden und gewinnt damit Zeit für zum Beispiel mehr Unterricht in den Kernfächern und nicht nur je drei Stunden in Deutsch, Mathematik oder Fremdsprachen in der zehnten Klasse, zwei Jahre vor dem Abitur. Da kann die Wissensbasis größer werden.

-Wie lief die Zusammenarbeit mit dem Landkreis?

Immer sehr gut. Der Kontakt zu den zuständigen Stellen ist sehr direkt und unmittelbar. Der Landkreis investiert viel Geld in seine Schulen – das hat man bei der Generalsanierung gesehen, wo fast 14 Millionen Euro verbaut wurden. Außerdem haben wir seit Februar letzten Jahres in jedem Zimmer Beamer, Laptop und Dokumentenkamera. Das ist bei über 70 Klassenzimmern eine ziemliche Investition gewesen.

-Wie hat sich denn das Schulleben während Ihrer Zeit verändert?

Smartphones gab es ja beispielsweise vor 17 Jahren noch nicht... Handys gab es natürlich schon. Aber heute mit den Smartphones und der Internetverbindung, das hat schon eine große Veränderung gebracht. Die Kinder kommunizieren viel mehr auf dem Gebiet. Vielleicht ist die Aufmerksamkeit gesunken, weil sie durch die sozialen Medien gebunden wird. Das lenkt stark ab und kostet viel Zeit.

-Ist Cyber-Mobbing an Ihrer Schule ein Thema?

Ja. Immer mal wieder. Wir versuchen dagegen anzugehen. Wir haben eine Sozialpädagogin im Haus. Sie arbeitet mit Kindern und Klassen, in denen es Probleme gibt. Sie hat viele Erfolge, aber sie wird nicht jeden Fall lösen können. Und auch für die Prävention muss man einiges tun. Früher war die Drogenprävention im Vordergrund, inzwischen ist das Thema Sucht ausgeweitet worden, und da gehört auch die Handysucht dazu. Hier sind Präventionsmaßnahmen wichtig. Das sieht man auch daran, dass im neuen G 9 Informatikunterricht mit entsprechenden Inhalten für alle kommen soll, also auch für sprachliche Gymnasien.

-Was wird Ihnen fehlen, wenn Sie im Ruhestand sind?

Vor allem die Menschen, sowohl die Schüler als auch die Lehrer, weniger die Institution Schule.

-Gehen Sie leichten Herzens?

Ich habe den Zeitpunkt ja bewusst gewählt. Ich bin 62 Jahre alt. Ich bin seit zwei Jahren in einem Teilzeitmodell, das heißt, zwei Jahre voll arbeiten, dann eineinhalb Jahre freigestellt werden, und nur ein Teilzeitgehalt bekommen. Ich gehe dann mit 64 endgültig in Ruhestand. Die Entscheidung habe ich vor zwei Jahren getroffen. Dafür hat es viele Gründe gegeben. Dass ich es hier nicht mehr aushalten würde, ist aber bestimmt kein Grund, ganz im Gegenteil! Es ist das Drumherum – und man weiß ja auch nicht, wie lange man noch einigermaßen gesund ist. Ich gehe sowohl leichten als auch schweren Herzens.

-Was planen Sie für die Zeit nach dem Beruf?

Ich möchte mich mindestens das nächste halbe Jahr für nichts und von niemandem einfangen lassen. Ich möchte keine Verpflichtung eingehen. Ich will einfach frei sein! Das schließt das Ausschlafen ein, ich möchte Dinge machen, für die ich bisher keine oder nur wenig Zeit hatte, zum Beispiel lesen oder im Winter unter der Woche zum Skifahren gehen. Und genau am 1. Schultag fliegen wir auf die Kanarischen Inseln. Das hat sich einfach so ergeben...

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