Sechs Angeklagte vor dem Schöffengericht Dachau

Brutalo-Überfall am Ernst-Reuter-Platz

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Filmreife Szenen spielten sich im Mai 2016 am Ernst-Reuter-Platz in Dachau-Ost ab. Die Beteiligten: mehrere Brüder, viele Fäuste und jede Menge Wut. Das Schöffengericht hatte alle Mühe, den Überblick zu behalten.

Dachau – Während draußen sibirischer Ostwind durch die Gassen der Dachauer Altstadt pfiff, wehte drinnen, im Dachauer Amtsgericht, gestern ein Hauch von Kreuzberg. Sechs Angeklagte, drei davon Brüder, saßen mit ihren Anwälten dicht gedrängt auf der Anklagebank. Auf der Zuschauerbank nahmen Freunde und Verwandte Platz; die Männer im Alter von 22 bis 28 Jahren begrüßten sich per beidwangigem Bruderkuss. Man gab sich entspannt und scherzte.

Was die Staatsanwaltschaft den Männern jedoch vorwarf, war alles andere als ein Pappenstiel: gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung; das Gesetz sieht dafür einen Strafrahmen von bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe vor. Allein: Der Nachweis, dass die sechs Dachauer tatsächlich schuldig waren, war schwer zu führen. Es brauchte zwei Verhandlungstermine, etliche Zeugen und intensive Diskussionen zwischen Richter Daniel Dorner und den Verteidigern, bis am Ende folgendes Geschehen (mehr oder weniger exakt) rekonstruiert wurde: Eine Freundin der Angeklagten soll demnach eines Samstagabends im Mai 2016 mit einem der Zeugen im Laufe einer Chat-Unterhaltung in Streit geraten sein. Es folgten wechselseitige Beleidigungen – erst wieder per Chat, dann auch telefonisch. Einer der Angeklagten soll dabei mit einem der späteren Opfer telefoniert haben und – um die Sache zu klären – um 1 Uhr einen Treffpunkt vereinbart haben. Drei Zeugen waren pünktlich vor Ort; wer nicht kam, waren die Freunde des Mädchens. Das Trio spazierte daraufhin nach Hause. Am Ernst-Reuter-Platz kam es dann zu einer filmreifen Szene: Drei voll besetzte Autos hielten mit quietschenden Reifen an. Aus den Autos sprangen mehrere Männer und prügelten auf die drei Zeugen ein. Es flogen Fäuste und ein Zahn. Ärzte attestierten später Schädelprellungen, Blutergüsse und Schürfwunden. Laut Dorner wurde bei dem Überfall „brutal auf wehrlose, am Boden liegende Personen eingeschlagen“.

Da alles sehr schnell ging, wussten die Zeugen gegenüber der Polizei nicht mehr mit Sicherheit zu sagen, wer die Schläger waren. An sechs Männer schienen sich die Opfer aber besonders gut erinnern zu können, so kam es zur Anklage. Doch die Zeugen verhedderten sich vor Gericht in Widersprüche, auch die Aussagen der Polizeibeamten warfen Fragen auf. Am Ende musste ein sogenanntes Rechtsgespräch, neudeutsch auch Deal genannt, die Sache klären. Demnach sprach das Schöffengericht zwei der Angeklagten frei; ihnen konnte nicht nachgewiesen werden, dass sie am Tatort waren beziehungsweise dass sie dort zuschlugen. Drei Angeklagte räumten die Tat ein und akzeptierten dafür eine Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung. Der sechste Angeklagte nahm das Angebot einer achtmonatigen Bewährungsstrafe nicht an: Er stellte weitere Beweisanträge, seine Verhandlung wird nun am 8. März fortgesetzt. Damit geht er ein Risiko ein: Er kann freigesprochen oder aber zu einer Strafe von über einem Jahr verurteilt werden – die dann ohne Bewährung ausfallen dürfte.

Richter Dorner äußerte sich am Ende zuversichtlich, dass die „Angeklagten keine weiteren Straftaten mehr begehen werden“. Denn entgegen gängiger Kreuzberger-Banden-Klischees weisen die Angeklagten astreine Lebensläufe auf: Schulabschlüsse, feste Jobs und – in einem Fall – auch noch ein Ehrenamt in einem Landkreis-Fußballverein. Klar, räumte Dorner ein, hätten die drei unterschiedlich oft und fest zugehauen. Aber: „Bei einer gemeinschaftlichen Tatbegehung müssen sich eben alle die Taten zurechnen lassen.“

Rubriklistenbild: © picture-alliance / dpa

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