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„Spotlight on DAHoam“: Ende mit Legende

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Von: Stefanie Zipfer

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2 Männer, in der Mitte eine Kamera
Eine Skisprung-Legende zu Gast in Dachau: Sven Hannawald sprach, sympathisch und völlig ohne Star-Allüren, am Donnerstagabend im Rahmen von „Spotlight on DAHoam“ mit Dominik Härtl über sein Leben. © Habschied

Um das Spendenprojekt „Spotlight on DAHoam“ zu unterstützen, ist der frühere Weltklasse-Skispringer Sven Hannawald am Donnerstag nach Dachau gekommen. Mit Dominik Härtl plauderte der 46-Jährige dabei offen über seine sportlichen Höhenflüge genauso wie über seinen psychischen Absturz. Und er zeigte auf, wie wichtig es ist, auch einfach mal Ruhe zu geben.

Dachau – Den sportlichen Höhepunkt seiner Karriere erreichte Sven Hannawald am 6. Januar 2002. Er gewann das Skispringen in Bischofshofen und damit die Vierschanzentournee – als erster Sportler überhaupt gelang ihm dabei das Kunststück, bei allen vier Springen der Serie der Beste zu sein. Auf dieses Ziel hin, berichtete der heute 46-Jährige am Donnerstagabend in der „Sparkassen-Lounge“ in Dachau, habe er sein ganzes Leben hingearbeitet.

Die Frage, welcher der absolute Tiefpunkt seiner Karriere war, beantwortete der mittlerweile in Gauting lebende, frühere Spitzensportler dagegen erst nach einem Zögern. Und einem tiefen Schnaufen. Und dann: „Der Tiefpunkt war, als ich einsehen musste, dass es nichts mehr wird.“ Er war im Sommer 2005 gerade nach einem Burnout-bedingten-Klinikaufenthalt zurückgekehrt zur Mannschaft, hatte sich auf den Weg machen wollen zum Training, und habe dann wieder „dieses Gefühl“ gehabt. In dem Moment sei ihm klar gewesen: „Ich muss meine große Liebe, das Skispringen, gehen lassen.“

Vermutlich schluckte bei diesen Worten nicht nur Hannawald schwer, sondern auch die vielen Zuhörer vor den Bildschirmen, die sich in die Online-Übertragung der Talkrunde, die im Rahmen der Veranstaltungsserie „Spotlight on DAHoam“ stattfand und von Dominik Härtl moderiert wurde, eingeschaltet hatten.

Der Auftritt Hannawalds war der Abschluss der Reihe, die Theater und Konzerte beinhaltet hatte und bei der insgesamt über 30 000 Euro gesammelt wurden für heimische Künstler und Kulturveranstalter. Die Zuschauer vor den Bildschirmen konnten im Rahmen der Event-Serie die Übertragungen kostenlos verfolgen, wurden aber gleichzeitig dazu aufgerufen, einen Spendenbetrag ihrer Wahl zu überweisen.

Einer der Initiatoren von „Spotlight on DAHoam“ war Ralf Weimer, der Hannawald seit längerem persönlich kennt. Hannawald, der mittlerweile als TV-Kommentator, Autor und Redner seinen Lebensunterhalt verdient, wollte den Freund aus Dachau mit seiner unentgeltlichen Teilnahme gern unterstützen. Sein Thema – psychische Gesundheit und Krisenbewältigung – passt perfekt in diese Coronazeit, darin waren sich beide einig.

Klar, vieles von dem, was der Ex-Olympiasieger, Ex-Weltmeister, Ex-Sportler des Jahres am Donnerstag erzählte, ist für den Otto-Normal-Bürger und Hobbysportler nicht nachzuvollziehen. Dass man sich – um des Erfolgs willen – bei einer Körpergröße von 1,85 Metern auf ein Gewicht von 61 Kilo runterhungert, dass man seine komplette Freizeit dem Training unterordnet oder dass er es selbst heute nur schwer schafft, einfach mal normal Sport zu treiben, ohne immer gewinnen zu müssen. „Für einen 20. Platz spring ich nicht mit“, erklärte er seinen damaligen Perfektionismus. Und selbst heute, bekannte er offen, hätte er keine Lust mehr, auf eine Schanze zu steigen: „Da verlier ich ja bei der Anfahrt schon vier Sekunden auf die Jungs!“

Aber dennoch ist seine Burnout-Erkrankung, die ihn kurz nach dem Gewinn der Vierschanzentournee langsam aber sicher in die Knie zwang, durchaus auch bei Nicht-Leistungssportlern möglich: Die Krankheit, erklärte er, „trifft oft Menschen, die Ehrgeiz und Perfektionismus als normal empfinden“. Am Ende brennen diese Menschen buchstäblich aus, sie leiden – oft monatelang – an totaler emotionaler, körperlicher und geistiger Erschöpfung. Hannawald formulierte es so: „Ich konnte keinen Fuß mehr vor den anderen setzen.“

Seine Krise überwunden hat Hannawald durch den Abschied vom Leistungssport, eine lange Therapie und seine Familie. Mit seiner Frau Melissa – einer früheren Profifußballerin – hat er zwei Kinder, die würden ihn „bremsen“. Klar, „ein bisschen Schmerzen brauch’ ich immer noch“, aber jetzt würde er seinem Körper nach anstrengenden Trainings oder Projekten „die Ruhe und Zeit geben, die er braucht und die er damals nicht bekommen hat“.

Insofern ist Hannawalds Krise und sein bis heute dauernder Kampf gegen Perfektionismus und Erfolgshunger auch ein Vorbild für alle. Denn bewusster zu leben, einfach mal eine Pause einzulegen, sich Rat bei Ärzten zu suchen, sind für ihn nun keine Schande oder Ausweis von Bequemlichkeit mehr. Heute, sagt er, lasse er sich von „Ruhe nicht mehr kirre machen“.

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