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Sie sorgen dafür, dass es zum Ausgleich zwischen Täter und Opfer kommen kann: Stefan Korntheuer und Carolin Wagner. 

Der Täter-Opfer-Ausgleich bei der Brücke Dachau

Die Dolmetscher der Opfer

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Oft muss ein eskalierter Streit vor Gericht verhandelt werden. Manchmal wird er aber zum Täter-Opfer-Ausgleich weitergereicht. Denn dort darf das Opfer mitreden. Bestimmen, was es will. Das ist meist: keine Entschuldigung – sondern eine Erklärung.

Dachau – Es ist früher Abend, mitten in Dachau. Ein Radfahrer und ein Autofahrer stoßen aufeinander. Es passiert eigentlich nichts, es gibt keinen Unfall – aber der Autofahrer ist verärgert. Sehr verärgert. Er schlägt den Radfahrer nieder.

Monate später sitzen sich die beiden an einem Holztisch gegenüber, im Dachgeschoss der Burgfriedenstraße 4. Neben ihnen: Carolin Wagner und Stefan Korntheuer von der Dachauer Brücke. Hier soll nun ein Täter-Opfer-Ausgleich stattfinden. Und das tut er.

Das Opfer beschreibt seine Situation. Den Schock, die Folgen. Die drängenden Fragen: Warum gerade ich? Habe ich was falsch gemacht? Die Panik davor, nach Dämmerung allein unterwegs zu sein. Der Täter hört zu. Und beschreibt seine Situation. Von der Last, die auf seinen Schultern liegt. Von der Enttäuschung – der riesengroßen Enttäuschung über das eigene Verhalten. Dass er nie gedacht hätte, dass er zu so etwas imstande ist. Das Opfer hört zu.

Manchmal kann es so einfach sein. „Es war befriedet zwischen den beiden“, sagt Carolin Wagner heute. Sie denkt gerne an dieses Treffen, denn es war ein Täter-Opfer-Ausgleich, wie er im Buche steht. „Die beiden haben das wirklich gut gelöst. Und dazu gehört viel.“

Etwa: ehrliches Interesse an der Klärung der Sache. Das ist das A und O – und zwar auf beiden Seiten, bei dem Beschuldigten und dem Geschädigten, wie Wagner die beiden Parteien nennt. Denn: Die Begriffe „Täter“ und „Opfer“ vermitteln ein großes Machtgefälle – das passive Opfer, der aktive Täter. Genau das soll beim Täter-Opfer-Ausgleich eben nicht passieren. Er soll ein Gegenstück zum Verfahren vor Gericht sein. Denn auch dort hat der Täter eine aktivere Rolle: Er wird begleitet von seinem Verteidiger, er darf schweigen oder sogar lügen. Das Opfer aber sitzt auf dem Zeugenstuhl in der Mitte des Raumes, ganz allein, und muss die Wahrheit sagen. „Somit kommt es noch einmal in die Opferposition“, erklärt Wagner. „Das Täterrecht hat auch sein Gutes – aber: Die Rolle des Opfers ist bei Gericht schwierig.“

Der Täter-Opfer-Ausgleich ist opferorientiert. Nicht jede Straftat ist dafür geeignet, welche sich eignen, entscheidet die Staatsanwaltschaft oder das Amtsgericht. Sie leiten die passenden Fälle an die zuständige Stelle weiter – und sie entscheiden danach, ob das Gerichtsverfahren dann eingestellt wird oder nicht. Im Landkreis Dachau ist der Verein „die Brücke“ zuständig. Hier bieten die Sozialpädagogen den Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) an; seit den 1990ern für Jugendliche, und seit etwa zehn Jahren auch für Erwachsene. Hier sind Stefan Korntheuer und Carolin Wagner ein eingespieltes Team. Sie wurden beide berufsbegleitend zu Mediatoren ausgebildet, etwa eineinhalb Jahre lang, und haben den Erwachsenen-TOA zusammen in Dachau aufgebaut. Seitdem bekommen sie etwa 55 bis 75 Fälle im Jahr zugeteilt, im Jahr 2016 waren es 44 bei den Erwachsenen und 22 bei den Jugendlichen.

Die Fälle unterscheiden sich sehr: Bei den Jugendlichen sind meist „situative“ Fälle der Anlass für eine TOA, etwa Eskalationen auf Partys oder in der S-Bahn – die zwei Jugendlichen treffen dort also das erste Mal aufeinander. Wie bei dem Beispiel des Radfahrers und des Autofahrers. Und wie dort sollte das Ausgleichsgespräch dann auch verlaufen: Beide sollen von sich erzählen, und den Blickwinkel des anderen kennenlernen. Dazu kommt ein absoluter Pluspunkt des Gesprächs: Der Täter wird bei dem Aufeinandertreffen entzaubert. „Manchmal wird er in der Erinnerung plötzlich zwei Meter groß – und dann steht ein Normalo vor mir“, erklärt Wagner. Der dann, im besten Fall, auch noch nachdenkt und sagt: „Das wollte ich so nicht.“

Dabei ist eine Entschuldigung nicht das Ziel des Täter-Opfer-Ausgleichs. „Nein“, sagt Wagner bestimmt. „Einen erzwungenen Handschlag wollen wir nicht.“ Eine läppisch dahingesagte Entschuldigung, die vielleicht nur ausgesprochen wird, um die eigene Strafe zu mildern – so was gibt es leider immer wieder bei Gerichtsverhandlungen. Aber nicht beim Täter-Opfer-Ausgleich. Denn der Täter kann sich nicht selbst entschuldigen, erklärt Wagner: „Wir sagen den Geschädigten: Nur Sie können die Schuld von jemand anderem nehmen – denn das bedeutet ,ent-schuldigen’.“

Das eigentliche Ziel bestimmt das Opfer. Meist will es eine Erklärung. Oder eine Zukunftsperspektive. Denn bei den Erwachsenen ist der größte Teil der Fälle häusliche Gewalt, gefolgt von Nachbarschaftsstreitigkeiten. Die Beteiligten werden also immer wieder aufeinandertreffen. Damit das in Zukunft friedlicher abläuft, dafür soll das Mediatorengespräch sorgen.

Doch das geht nicht einfach so Hoppladihopp. Als allererstes wird der oder die Geschädigte gefragt, ob er oder sie überhaupt bereit ist für ein Gespräch. Denn auf keinen Fall soll der Beschuldigte das Opfer dazu zwingen – etwa nur, damit er nicht vor Gericht erscheinen muss. Ist das Opfer bereit, und dazu ist es in vielen Fällen, kommt es zum Vorgespräch. „Der Täter-Opfer-Ausgleich lebt von dem guten Vorgespräch“, erklärt Wagner. Sie betreut als Frau immer die weibliche Beteiligte. Bei der häuslichen Gewalt sind das überwiegend die Opfer. Im geschützten Raum der Brücke wird also über den Vorfall gesprochen. Meistens schämt das Opfer sich: „Ich bin eine, der so was passiert“, heißt es dann.

Doch häusliche Gewalt kommt tatsächlich „in allen Familien vor“, sagt Wagner. „Selbstbeherrschung kann jeder Mensch verlieren – egal, in welchem Gefüge.“ Natürlich gebe es widrige Umstände, wie finanzielle Not, Perspektivlosigkeit – oder Alkohol. Oft läuft vieles nach immer demselben Muster ab. Problemthemen werden mal eben am Küchentisch angesprochen, in Du-Botschaften, auf ein Vorwurf folgt ein Gegenvorwurf, es spitzt sich zu. „Wenn der Affekt siegt, dann eskaliert es“, sagt Wagner.

Im Täter-Opfer-Ausgleich soll so etwas selbstverständlich nicht passieren. Deshalb geht es vor allem darum: Was will jeder? Das Opfer will eben die Erklärung, wie kam das denn? Und dann eine Aufforderung für die Zukunft: Ich will, dass Du mir zusicherst, dass das nicht mehr passiert.

Der Täter wird ebenfalls in einem Vorgespräch betreut. Hier geht es eben um die Frage: Gibt es überhaupt ein ernsthaftes Interesse an der Klärung? Nur dann kann es funktionieren. „Denn wir klären gar nichts“, sagt Wagner. „Wir sind nur behilflich. Wie Dolmetscher.“

Genau diese Eigenschaft brauchen die beiden Mediatoren dann im Ausgleichsgespräch. Dazu kommt es erst nach den intensiven Vorgesprächen, und erst, wenn das Opfer bereit ist. Dann sitzen die beiden Beteiligten an dem Holztisch in der Burgfriedstraße 4, neben Carolin Wagner und Stefan Korntheuer. Und beginnen, zu reden. „Es geht ganz schnell weg von der Tat“, erzählt Wagner. „Denn die Watschn ist meist nur das Symptom.“ Sondern es geht um die Frage: Welches Gefühl steht hinter dem Konflikt? Welches Bedürfnis?

Etwa, wenn es eigentlich ums Geld gibt. Dann heißt es an diesem Tisch nicht: „Immer gibst Du zu viel Geld aus!“ Sondern: „Ich mach mir so viele Sorgen. Mir liegt so viel daran, dass wir bis zum Ende des Monats genug Geld haben.“ Und plötzlich sagt der andere: „Das hat sie mir ja noch nie gesagt.“ Wagner seufzt. „Manchmal merkt man: Die sprechen wirklich zwei unterschiedliche Sprachen.“ Also: wird gedolmetscht. Irgendwann, hoffentlich, kommt das Verstehen. Kein Akzeptieren, betont Wagner. „Wenn mir jemand etwas erklärt, kann ich es vielleicht verstehen. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich es akzeptiere.“

Und dann? Manchmal verläuft es nicht so perfekt wie bei dem Rad- und dem Autofahrer. „Wir können nicht zaubern“, seufzt die Sozial-Pädagogin. Manchmal lautet das Fazit: Trennung. „Aber auch das ist ein Ergebnis“, betont Wagner. „Dann geht es darum, dass ein Mindestmaß an beherrschter Kommunikation möglich sein muss.“ Ein anderes Mal lautet das Fazit bei einem Nachbarschaftsstreit auch nur: eine sichtbare Kennzeichnung für den Parkplatz. „Manchmal platzt dann der Knoten“, betont Wagner. So einfach kann es sein.

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