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Todesmarsch-Überlebender Abba Naor. 

Todesmarsch-Gedenkfeier mit Abba Naor am Samstag

Abba Naor hofft auf neue Gesichter bei der Gedenkfeier am Mahnmal

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Zum Gedenken an den sogenannten Todesmarsch aus dem KZ Dachau kurz vor Kriegsende findet am Samstag eine Gedenkfeier statt. Mit dabei: der Überlebende Abba Naoor. Angesichts wachsenden Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft ist die Feier für ihn wichtiger denn je.

Dachau – Am 26. April 1945 traten mindestens 1000 Häftlinge des KZ Dachau ihren letzten Weg an. Die SS wollte die KZ-Insassen zu ihrer ominösen Alpenfestung in Tirol treiben, doch sie kamen dort nie an. Am vierten Tag des Todesmarschs befreiten die US-amerikanischen Truppen die halb verhungerten Gefangenen. Einer von ihnen war der damals 17-jährige Abba Naor.

In Litauen geboren, war er während des Holocaust in mehrere KZ verschleppt worden, das letzte war Dachau. Der Moment, in dem er das erste Mal die Hoffnung hatte, den Marsch überleben zu können, wird er nie vergessen, sagt er. „Ich sah ein Auto, ein weißes Cabriolet aus der Schweiz, mit einem roten Kreuz, am Steuer saß ein blonder Mann.“ Unvergesslich ist ihm auch die erste Mahlzeit nach der Befreiung: „Wir haben uns vollgefressen!“ Dass die Amerikaner die Überlebenden des Todesmarschs in ein Auffanglager in Bad Tölz „gehen, nicht fahren“ ließen, erzählt er heute sogar mit einer Art Schmunzeln. Dennoch: Wenn er vom Marsch oder seiner Zeit im KZ berichtet, klingt der 90-Jährige erstaunlich nüchtern. Emotionen wie Wut oder Trauer, betont er, hätten bei seinen Auftritten nichts zu suchen. „Ich erzähle nur wie’s war!“

Seit rund 20 Jahren tourt Naor, der in Israel lebt, mit seiner Lebensgeschichte unermüdlich durch Deutschland. In den kommenden drei Wochen wird er vor rund 1700 Schülern sprechen. Denn: „Kinder sind das Beste, was es gibt. Wir müssen sie ernst nehmen, denn sie sind offen!“

Das Faszinierende an Naor aber ist: Über Menschen, die nicht offen sind, die Fremde, Andersdenkende oder Juden ablehnen, möchte er sich gar keine Gedanken machen. Ja, der wachsende Antisemitismus in Deutschland sei in Israel aktuell Thema. Doch ihm wäre es lieber, weniger über diese „Idioten“ und stattdessen mehr über die Vergangenheit zu sprechen. Antisemiten seien Leute, „die reden laut“. Aber „wie viele Antisemiten gibt es in Deutschland wirklich“? Der Eklat um die Echo-Verleihung an die Rapper Kollegah und Farid Bang, deren Texte antisemitische Passagen enthalten, mache ihn „nicht wütend. Nur nachdenklich“. Die meisten Israelis seien nach wie vor pro-Deutsch. Am Mittwochabend habe das halbe Land dem FC Bayern die Daumen gehalten. Seine Angst sei nun, dass rechte Politiker – in beiden Ländern – die aufgeheizte Stimmung für ihre Zwecke nutzen wollen.

Aus diesem Grund will er auch noch so lange wie möglich weiter nach Deutschland beziehungsweise nach Dachau kommen. Eine Arbeit sieht er darin nicht, vielmehr eine Pflicht, denn: „Ich habe überlebt. Die meisten anderen nicht.“

In Dachau, betont er, habe er im Lauf der Jahre Freunde gefunden, beispielsweise den früheren OB Peter Bürgel. Insofern sei die Todesmarsch-Gedenkfeier auch immer wie ein Familientreffen. Gerade heutzutage würde er sich aber wünschen, auch einmal neue Gesichter am Mahnmal an der Ecke Theodor-Heuss- und Sudetenlandstraße willkommen zu heißen. „Es kommen jedes Jahr die gleichen Gäste, die sind alle keine Antisemiten.“ Am liebsten sähe er daher, natürlich, junge Menschen. Ihnen könne er noch am ehesten seine Lebensphilosophie erklären, nämlich: „Das Leben ist so eine feine Sache. Daher muss man es genießen!“

Die Gedenkfeier

am morgigen Samstag beginnt um 18 Uhr am Mahnmal in der Theodor-Heuss-/Ecke Sudetenlandstraße. Neben Abba Naor werden auch OB Florian Hartmann und die evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler sprechen.

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