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„Europa bedeutet vor allem Frieden!“ Dr. Bernadetta Czech-Sailer ist überzeugte Europäerin, hier ist sie im Landratsamt Dachau mit den eingereichten Beiträgen zum Wettbewerb „Mein Europa“ zu sehen. 

Interview zur Europawahl

„Jeder ist verantwortlich, Europa zu erhalten“

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In Zeiten, in denen nationalistische Strömungen Zulauf gewinnen, verteidigt Dr. Bernadetta Czech-Sailer Europa und die EU. Größtes Problem in ihren Augen: Wir halten die Errungenschaften der EU leider für selbstverständlich.

Dachau – Als sie aufgewachsen ist, gab es viele der Vorzüge, die wir der EU verdanken, noch nicht. Deshalb macht sich Dr. Bernadetta Czech-Sailer als überzeugte Europäerin für die EU stark. Die 46-Jährige ist gebürtige Polin und arbeitet seit Jahren im Landratsamt Dachau. Dort betreut sie das Projekt „Demokratie leben!“ und die Landkreispartnerschaft mit Oswiecim, zudem engagiert sie sich stark für die Gedenkstättenarbeit. Im Interview erklärt sie, warum wir Europa brauchen, warum die Europawahl wirklich jeden etwas angeht und warum es gefährlich ist, dass uns viele der Errungenschaften heute als selbstverständlich erscheinen.

- Warum geht die Europawahl wirklich jeden etwas an? Selbst diejenigen, die sagen, sie hätten mit der EU nichts zu tun?

Allein schon, weil es das nicht gibt. Jeder ist im Alltag von der EU betroffen, jeder genießt ihre Vorteile. Den meisten ist dies nur nicht bewusst. Deshalb ist es so wichtig, dass sich jeder bewusst macht, was er eigentlich an Europa hat. Und dann muss man sich selber fragen: Kann es in meinem Interesse sein, dass künftig mehr Menschen im Europäischen Parlament sitzen, die gegen Europa sind? Und somit gegen vieles, von dem ich heute persönlich profitiere.

- Von Ihrer früheren Arbeit im polnischen Konsulat in München wissen Sie: Gerade bei Europawahlen ist die Beteiligung immer gering. Ist das ein Problem?

Ja, denn jeder trägt heute, gerade jetzt, wo es so viele radikale Bewegungen gibt und die Leute mit Hass gefüttert werden, eine Verantwortung. Eine Verantwortung, das Europa, das wir kennen, zu erhalten.

- Was bedeutet für Sie
Europa?

Vor allem Frieden. Wir machen uns leider keine Gedanken mehr über Frieden, zumindest bei uns, weil das für uns normal ist. Aber so normal ist es eben nicht. Für unsere Großeltern war es alles andere als normal. Zudem ist Europa meine Heimat. Polen ist mein Zuhause, Deutschland ist mein Zuhause, aber Europa, das ist meine Heimat.

- Wo ist die EU für jeden im Alltag spürbar?

Wir können innerhalb der EU zu gleichen Tarifen telefonieren, weil wir keine Roaminggebühren mehr zahlen müssen. Viele verstehen nicht, dass wir das Europa zu verdanken haben. Oder täglich im Supermarkt, wenn man sich die Herkunft der Lebensmittel anschaut. Oder als ich früher mit dem Reisebus nach Deutschland gefahren bin, und stundenlang an der Grenze warten musste und Sorge hatte, ob auch ja alles mit den Dokumenten in Ordnung ist und ich nicht zu viel mitführe. Das ist heute undenkbar. Heute dürfen wir in Europa leben und arbeiten, wo wir möchten. Wie großartig ist das?!

- Was ist das Gefährliche daran, dass vielen all diese Errungenschaften selbstverständlich erscheinen?

Die Gefahr ist, dass sie aufhören, dafür zu kämpfen. Man muss den Menschen ab und zu in Erinnerung rufen, dass es nicht selbstverständlich ist, welche Errungenschaften wir heute genießen. Woanders leben und arbeiten zu dürfen. Das wäre ohne Europa nicht möglich. Wer sich dessen nicht bewusst ist und europafeindliche Parteien wählt, setzt alles aufs Spiel. Für sich und alle anderen.

- Bei der letzten Landtagswahl gab es für die Anti-Euro-Partei „Alternative für Deutschland“ im Landkreis in manchen Gemeinden ein zweistelliges Wahlergebnis. Wie stehen Sie dazu?

Ich bin immer davon ausgegangen, dass es gerade hier im Landkreis Dachau selbstverständlich ist, für Europa und für die Erinnerungsarbeit zu sein. Ich war umso schockierter, als ich gemerkt habe, dass dem nicht so ist. Wie kann ich – zum Beispiel als Polin – hier leben und das europäische Leben genießen und dann bei Wahlen gleichzeitig für rechte Parteien wie AfD oder die polnische PIS stimmen? Also für Parteien, die gegen die EU sind. Ich kann sowas nicht nachvollziehen. Das tut mir auch weh.

- Was wollen Sie den Europaskeptikern und -gegnern sagen?

Zuerst sollten sie sich mal informieren, was uns die EU eigentlich gebracht hat. Viele sind sich bei Dingen, die sie schätzen, gar nicht bewusst, dass dies Errungenschaften der EU sind. Es geht um leben und leben lassen. Hass gegen Menschen zu schüren, nur weil sie eine andere Hautfarbe, Religion, Sexualität haben – das darf heute nirgendwo mehr sein!

- Warum brauchen wir Europa?

Um in Frieden und Freiheit zu leben. Das ist für mich das Wichtigste. Damit es nicht so viel Hass gibt. Um unsere Werte leben zu können. Um offen zu sein. Andere Leute und andere Kulturen einfacher kennenlernen zu können. Viele, die sich jetzt nicht regelmäßig mit Politik beschäftigen, wissen nicht, dass offene Grenzen und eine einheitliche Währung Dinge sind, die wir Europa zu verdanken haben. Das muss dringend wieder in unser Bewusstsein.

- Es ist noch nicht allzulange her, da waren die Dinge noch anders. Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen ohne Vorzüge der EU?

Nach meinem dritten Studienjahr wollte ich für ein Jahr nach Deutschland gehen. Aber es gab damals keine Austauschprogramme. Die einzige Möglichkeit, die ich damals hatte, war als Au-Pair-Mädchen. Arbeiten durfte ich sonst nicht. Das ist heute unvorstellbar. Heute ist alles völlig anders: Heute kann meine 16-jährige Tochter, obwohl sie noch nicht mal studiert, für ein Schulsemester nach Spanien gehen. Whats-Appen, täglich kostenlos ins Ausland telefonieren – heute alles kein Thema mehr. Ich konnte damals nur einmal in der Woche von der Telefonzelle aus meine Eltern anrufen, weil es so teuer war.

- Wo wären wir heute ohne die EU?

Ich bin noch in einem völlig anderen politischen System aufgewachsen. EU bedeutet für mich auch die Zeit der Wende. Freiheit und keine Mauern mehr. Ich kenne noch alles mit Grenzen, mit Wechselstuben und Mangelversorgung. Unser Leben ist mittlerweile so entwickelt, dass so viele Steine aufeinander aufbauen, dass ich mir ein Leben ohne Europa nicht mehr vorstellen kann. Man gewöhnt sich sehr schnell an die Dinge, die angenehm sind und vergisst sehr schnell alle Hindernisse, die es einmal gab.

- Wie erklärt man Kindern und jungen Menschen, die mit all den Errungenschaften aufgewachsen sind, am besten die EU?

Hier spielt die Schule eine sehr, sehr große Rolle. Aber natürlich auch die Eltern. Eigentlich geht das nur mit Reden, Erklären und Zeigen. Damit sich jeder bewusst ist, woher die Freiheiten kommen, die wir heute genießen. Sprechen über Dinge, die wichtig sind, und darüber wie es früher war. Wie das grenzenlose Telefonieren. Oder, dass sie Großeltern und Freunde ohne Probleme besuchen können, die in einem anderen EU-Land leben.

- Wenn Sie an Europas Zukunft denken, was wünschen Sie sich?

Dass wir auch in Zukunft all das genießen können, was uns die EU für Vorzüge gebracht hat. Dass Meinungsfreiheit und offene Grenzen nicht nur auf dem Papier stehen, sondern, dass wir all das auch in Zukunft ausleben können. Und, dass die EU-Gegner zur Vernunft kommen und sich überlegen, was sie alles kaputt machen können.

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