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„Verreckt elendig am Virus“: Anonymer Hassbrief an ungeimpften Handballer

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Von: Stefanie Zipfer

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Der BLSV fordert die bayerischen Sportler auf, sich impfen zu lassen.
Der BLSV fordert die bayerischen Sportler auf, sich impfen zu lassen. Doch nicht alle Sportler wollen. In den Vereinen tun sich deswegen tiefe Gräben auf. © Sven Hoppe/dpa

Kaum hatten sich Sportvereine vom Lockdown erholt, schon droht ihnen das nächste Problem: Wie umgehen mit Impfverweigerern? Dass der Spalt bei den Mitgliedern hier tief ist, zeigt ein Fall aus Indersdorf.

Dachau – Dass er dem Thema Impfen skeptisch gegenüber steht, daraus machte ein Mitglied der Indersdorfer Handballer zuletzt nicht wirklich einen Hehl. In der Abteilungsleitung, so Lars Röckle, sei man von dieser Haltung zwar nicht unbedingt begeistert gewesen, aber man habe es toleriert, zumal sich das Mitglied ohnehin weitgehend aus dem Vereinsleben zurückgezogen habe.

Impfverweigerer in Sportvereinen: Anonymer Hassbrief erreicht Handballer

Die mehr oder weniger öffentlich vorgetragene Impfskepsis des Mitglieds schien sich dennoch herumgesprochen zu haben. Zumindest fand Handballer-Chef Röckle vor wenigen Tagen einen anonymen Brief im Vereinspostkasten, in dem das Mitglied übel beschimpft wurde. Ein Auszug: „Wegen so Leuten wie euch kann mein Kind jetzt nicht mehr zum Sport gehen. Einmal darüber nachgedacht? Nein, sicher nicht, bei solchen Idioten geht es ja nur um ICH, ICH, ICH. Hoffentlich verreckt ihr elendig am Virus.“

Hassbrief gegen Impfverweigerer: „Wegen so Leuten kann mein Kind nicht mehr zum Sport“

Weil es kein Verbrechen ist, anderen Leuten den Tod zu wünschen, aber eine Beleidigung, andere Leute als „Idioten“ zu bezeichnen, ermittelt die Dachauer Polizei nun gegen den Anonymus.

Die Handballabteilung stellt sich hinter das Mitglied. In einer auf der Internetseite der Indersdorf Panthers veröffentlichten Stellungnahme heißt es, dass sich der Verein „von solchen und verletzenden Nachrichten an die Mitglieder unserer Handballfamilie distanziert“. Denn auch „wenn nicht alles zur Zufriedenheit aller läuft“, seien „Anfeindungen dieser Art fehl am Platz und werden in unserem Verein nicht geduldet“.

Lard Röckle, Handball-Abteilungsleiter beim TSV Indersdorf
Lars Röckle, Handball-Abteilungsleiter beim TSV Indersdorf, bittet seine Sportler um Toleranz und Solidarität © TSV Indersdorf

Das angefeindete Mitglied möchte sich auf Nachfrage nicht mehr öffentlich äußern. Er spricht von einer „Hexenjagd“ und hat mittlerweile sogar schon „Angst um meine Familie“, wie er erklärt. Abteilungsleiter Röckle, seit gut einem Jahr im Amt, bittet – nicht nur die Indersdorfer – Breitensportler daher um „Toleranz und Solidarität“. Wenn einer nun mal nicht geimpft werden wolle, „dann kriegen wir das trotzdem hin“: Anders als viele andere Vereine hätten die Indersdorfer Handballer noch keine Mannschaft abmelden müssen.

Impfverweigerer im Handball: „Aktuell zwei Lager, die nicht mehr miteinander reden können“

Andreas Wilhelm, Vorsitzender beim ASV Dachau, ist wie Röckle „um jeden froh, der sich impfen lässt“. Allerdings kennt auch er die Problematik, dass nicht jeder im Verein den Pieks will. „Böse Briefe“, wenn auch nicht in der Schärfe wie nun in Indersdorf, landeten deswegen regelmäßig im ASV-Briefkasten. Es gebe, seufzt er, „aktuell zwei Lager, die nicht mehr miteinander reden können“. 

Die Politik allerdings erleichtere ihm seine Arbeit nicht. Seit fast zwei Jahren mühe er sich, die Ankündigungen aus München buchstabengetreu umzusetzen. Wie schwierig das zuweilen ist, lässt sich auch am Beispiel Impfen veranschaulichen. So gelte für die Mitglieder nun die 2G-Regel, das heißt, sporteln dürfen nur Geimpfte oder Genesene; für Schüler – die ja in der Schule engmaschig getestet werden – gilt aber bis Jahresende eine Ausnahme. Sie können damit (noch) ohne Pieks in die Halle. Ein minderjähriger Azubi, der gerade nicht Berufsschule hat, sondern im Betrieb ist, muss damit draußen bleiben.

Andreas Wilhelm, Vorsitzender des ASV Dachau
Andreas Wilhelm, Vorsitzender des ASV Dachau, kämpft seit Beginn der Pandemie mit Vorschriften, wirbt um Verständnis und versucht, quasi nebenbei, den Sportbetrieb aufrechtzuerhalten. © ASV Dachau

Noch kniffliger wird es bei „Beschäftigten“ des Vereins, die laut aktuellem Regelwerk nicht geimpft, sondern nur zweimal die Woche PCR-getestet sein müssen. Denn, so Wilhelm: „Wer ist denn beschäftigt?“ Gilt diese Corona-Regelung damit auch für ehrenamtliche, ungeimpfte Übungsleiter, die eine Aufwandsentschädigung bekommen? Das Ergebnis dieser ungeklärten Frage, so Wilhelm, sei: „Es gibt im Verein noch Ungeimpfte.“

Corona-Zoff im Sportverein: Tonlage „seit zehn Tagen rapide verschlechtert“

Wie Lars Röckle sei er derzeit fast ausschließlich damit beschäftigt, zwischen den Fronten zu vermitteln – wobei sich die Tonlage „seit zehn Tagen rapide verschlechtert hat“. Über Sport, sagt der Indersdorfer Röckle, „wird dabei leider nicht mehr geredet“.

Der stellvertretende Dachauer Polizeichef Stefan Priller betont in diesem Zusammenhang, dass jeder, der „ehrenrührige“ Briefe oder sonstige Anfeindungen von Impfbefürwortern oder -gegnern erhalte, sich bei der Polizei melden soll. „Wenn einer Hilfe braucht, dann sind wir da.“

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