Mann mit weißen Haaren
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Verteidigt die Sparpläne: Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.

Bangen in der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte

Evangelische Kirche setzt in Dachau den Rotstift an

Sparpläne der Evangelischen Kirche treffen die Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte voll. Kirchenrat Mensing: „Das ist für unsere Arbeit existenzbedrohend.“

Dachau – Weniger Mitglieder, weniger Einnahmen, weniger Personal: Die evangelische Landeskirche in Bayern (ELKB) plant in den nächsten Jahren massive Einsparungen. Das trifft die Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau: Die Stelle des Diakons, eine von zwei Vollzeitstellen, soll nur noch bis Ende 2023 finanziert werden. Die Entscheidung wird kontrovers diskutiert.

Oberkirchenrat Michael Martin beschreibt den Spardruck: Allein fürs Haushaltsjahr 2021 müssten 32,5 Millionen Euro eingespart werden. Ohne schmerzhafte Einschnitte gehe das nicht, sagt er. Immerhin bleibe man mit einer vollen Pfarrstelle in Dachau präsent. Die inhaltliche Arbeit könne auch mit einer Stelle „ohne Abstriche weitergeführt werden“.

Dr. Björn Mensing, Pfarrer der Versöhnungskirche, erklärt, dass er und auch Diakon Frank Schleicher eingestellt waren darauf, dass der Umfang der stelle um 50 Prozent reduziert werde. „Dann wäre die Stiftung Evangelische Versöhnungskirche eingesprungen, um die Stelle aufzustocken“, so Mensing. Doch so hätte Diakon Schleicher hier keine Perspektive.

Die zweite Hiobsbotschaft: Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), Hausherrin der Versöhnungskirche, kürzt bis 2030 rund 30 Prozent der Sachkosten – etwa 24 000 Euro im Jahr. Dafür müssen die Teilzeitstelle der Teamassistentin Denise Wallner reduziert und die Mietwohnung für die Freiwilligen der „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ gekündigt werden. „Wenn die Teilzeitstelle der Teamassistentin reduziert wird, sind wir sie los“, so Mensing. Die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin übernehme unter anderem das Management für Führungsanfragen. Genauso gravierend wäre es, die Freiwilligen zu verlieren.

Es sei schmerzlich, dass vom Zwang zum Sparen „fast immer wichtige und segensreiche Arbeitsfelder betroffen sein werden“, sagt Heinrich Bedford-Strohm, bayerischer Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender. Er betont, dass sich die Kirche weiter durch zahlreiche Initiativen im Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus engagieren werde.

Stiftungsdirektor Freller: „Das ist extrem bedauerlich!“

Die Kürzungsbeschlüsse von EKD und ELKB stoßen auf Bedauern oder Unverständnis. Denn zu den Aufgaben des Diakons gehören auch Einzelführungen jugendlicher Straftäter im Rahmen der Jugendgerichtshilfe. Letzteres könne nicht durch staatliche Stellen übernommen werden, sagt Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten. „Dafür braucht man das Seelsorgegeheimnis“, betont der Landtagsvizepräsident. Seelsorge bräuchten auch die anderen Besucher: „Vonseiten der staatlichen Gedenkstätte können wir zeigen, erklären. Aber wir können nicht Fragen nach Schuld, Sühne und Gott beantworten.“ Dass die Landeskirche „ausgerechnet an dieser zentralen Stelle“ einsparen wolle, obwohl nicht nur die Nachfrage nach Gedenken ungebrochen sei, sondern auch die Zunahme von rechtsextremen Haltungen in der Gesellschaft, hält Freller für „extrem bedauerlich“. Denn die Erinnerungsarbeit müsse weiter einen festen Platz in unserer Gesellschaft und Kirche haben.

Noch ist das letzte Wort über die Zukunft des Diakons nicht gesprochen: Bei ihrer Frühjahrstagung Ende März entscheidet die Landessynode über den Landesstellenplan. Ebenso liegt der Synode ein Antrag auf Verstetigung der Diakonenstelle vor. Den Antrag haben auch der frühere Dachau-Diakon Klaus Schultz und der 94-jährige Holocaust-Zeitzeuge Walter Joelsen unterzeichnet. „Noch besteht s Hoffnung, dass die Kirchenleitungen die für unsere Arbeit existenzbedrohenden Kürzungen nicht im geplanten Umfang umsetzen werden“, so Mensing.

ep/no

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