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Viele Fragen nach dem ersten „Willkommen“

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Von: Petra Schafflik

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Auf dem Schirm: Die Dachauer Nachrichten luden ein zum digitalen Bürgerdialog. Bis zu 80 Interessierte schalteten sich in der Spitze dazu.
Auf dem Schirm: Die Dachauer Nachrichten luden ein zum digitalen Bürgerdialog. Bis zu 80 Interessierte schalteten sich in der Spitze dazu. © ps

Dachau – Der schockierende Krieg in der Ukraine hat auch im Landkreis Dachau eine Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft ausgelöst. Aber nach wie vor gibt es viele Fragen rund um die Unterstützung für Geflüchtete. Das zeigte sich beim virtuellen Bürgerdialog der Dachauer Nachrichten, zu dem sich am Freitagabend zeitweise gut 80 Teilnehmer eingeloggt hatten.

VON PETRA SCHAFFLIK

Vor allem Familien, die Geflüchtete bei sich aufgenommen haben, meldeten sich in der zweistündigen Diskussion mit konkreten Anliegen zu Wort. Kein Wunder: Die meisten Menschen aus der Ukraine, die aktuell im Landkreis leben, sind privat untergebracht. Und nach einem ersten Willkommen gilt es nun, den gemeinsamen Alltag zu organisieren. Antworten und Hinweise gaben in dem von DN-Redaktionsleiterin Nikola Obermeier moderierten Gespräch neben Landrat Stefan Löwl auch die Koordinatorin EBI (Ehrenamt, Bildung und Integration) im Landratsamt, Martina Tschirge, und Oksana Bonauer, die private Hilfslieferungen in die Ukraine initiiert und auch Menschen von dort nach Dachau gebracht hat.

1067 Geflüchtete aus der Ukraine leben – Stand Freitag – im Landkreis, davon 486 Kinder und Jugendliche, informierte Landrat Löwl. Die Großherzigkeit und Leistungsfähigkeit, mit der Mitbürger, Landratsmitarbeiter und Katastrophenschutz in den vergangenen vier Wochen die Hilfe auf die Beine gestellt haben, nannte Löwl „beeindruckend“. Allein 180 Helfer habe sich bei Oksana Bonauer registriert.

Und bei Martina Tschirge kommen „immer noch täglich Wohnungsangebote rein“. Doch wer helfen möchte, fragt sich oft: Wie? Was wird gebraucht?

Einige Antworten ergaben sich aus dem Bürgerdialog.

Sachspenden

 Im Dachauer AEZ werden keine Sachspenden mehr gesammelt, so Bonauer. Dafür haben Haimhausen, Hebertshausen und Röhrmoos gemeinsam ein Lager in Ampermoching eingerichtet. Informationen, was aktuell angenommen wird, finden sich auf den Internetseiten dieser Gemeinden.

Deutschkurse

 „Unsere Familie ist sehr gewillt, Deutsch zu lernen, wo gibt es Kurse?“, fragte ein Teilnehmer. Die Volkshochschulen schaffen „ganz schnell zusätzliche Kurse, die kommende oder übernächste Woche beginnen“, so der Landrat. Auch der Kreisjugendring hat einen kostenfreien Deutschkurs gestartet, ein Online-Angebot beginnt dort am heutigen Montag. Oksana Bonauer leitet vier Deutsch-Crash-Kurse, wie sie erklärte.

Integration in den Arbeitsmarkt

 Die von ihr aufgenommene Ukrainerin habe im Landratsamt eine sogenannte Fiktionsbescheinigung bekommen, so eine Bürgerin. „Darf man damit eine Arbeit aufnehmen?“ Dieses vorläufige Dokument ersetzt den Aufenthaltstitel, der einige Zeit dauert, so der Landrat. „Das ist rechtlich genauso gut.“ Was Arbeitsangebote betrifft, will die Arbeitsagentur bis nach Ostern startklar sein. „Wir überlegen eventuell eine Job-Börse für ukrainische Geflüchtete“, so Landrat Stefan Löwl.

Schule

 Ein allgemeingültiges Konzept für den Schulbesuch fehlt, wie Landrat Löwl erklärte. Noch sei unklar, ob die Kinder nach dem deutschen Lehrplan beschult werden sollen. „Oder soll man versuchen, ukrainische Lerninhalte zu vermitteln, die alle digital vorliegen?“ Um den Kindern die deutsche Sprache näher zu bringen, ihnen soziale Kontakte und Tagesstruktur zu ermöglichen, gibt es individuelle pädagogische Angebote der Schulen am Ort. Als Übergang könnten Ukrainer auch selbst etwas organisieren, „da braucht es oft nur einen Raum“.

Finanzielle Unterstützung

 „Mit 65 Euro Nebenkostenpauschale komme ich nicht ewig klar“, sagte ein Teilnehmer. Doch wer freiwillig Geflüchtete aufnimmt, erhalte dafür keinen Mietzins. „Das ist von Anfang an so kommuniziert worden“, so der Landrat. Dennoch stelle sich die Frage, ob die Gäste von ihrer finanziellen Unterstützung, die sie erhalten können, etwas den Gastfamilien abgeben, die sie vielfach umfangreich versorgen, so Moderatorin Obermeier. „Da muss es Gerechtigkeit geben, das muss von Anfang an besprochen werden, sonst entsteht Unzufriedenheit auf beiden Seiten“, rät Bonauer.

 Wo gibt es Hilfe bei Unstimmigkeiten oder Krisen?

 Die Flüchtlings- und Migrationsberatung der Caritas berät, sagte Leiterin Irmgard Wirthmüller. Anlaufstelle für traumatisierte Kinder und Jugendliche ist die Caritas-Kinder-, Jugend- und Elternberatung. Gastgeber finden auch Unterstützung beim Sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas. „Und wenn Sie sich nicht mehr zu helfen wissen, rufen Sie beim Krisendienst an“, appellierte Wirthmüller. Dort sind Experten rund um die Uhr unter 08 00/65 53 000 erreichbar.

Perspektive:

 Mehrfach nachgefragt wurde, wo Geflüchtete künftig längerfristig unterkommen können. „Die private Unterbringung muss zeitlich begrenzt sein“, so eine Teilnehmerin. „Wir haben keine Wohnungen, eine schnelle Lösung gibt es da nicht“, erklärte Landrat Löwl. Schon vor der Ukrainekrise herrschte in der Region eine Wohnungsnot, bestätigte Hebertshausens Bürgermeister Richard Reischl. Er fordert Unterstützung des Freistaats, „um auf lange Sicht den Wohnungsbau voranzutreiben“. Aktuell wisse niemand, wie es weitergeht, erklärte Löwl. „Die meisten Geflüchteten wollen so schnell wie möglich wieder zurück in die Ukraine.“

 Angesichts des andauernden Kriegs und der großen Zerstörungen in der Ukraine sei unklar, ob tatsächlich alle rasch zurückkehren können, so Löwl weiter. Tatsächlich dürfte bei allen ein langer Atem notwendig sein, das wurde in dem intensiven Gedankenaustausch deutlich. Oksana Bonauer appellierte: „Gehen wir Schritt für Schritt zusammen.“

Antworten

auf viele Fragen rund um die Unterstützung für Geflüchtete aus der Ukraine finden sich auf folgender Internetseite des Landratsamts Dachau, die ständig aktualisiert wird https://www.landratsamt-dachau.de/familie-bildung-migration/migration-asyl/kriegsfluechtlinge-aus-der-ukraine-informationen-fragen-und-antworten

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