Mann, Turm
+
Der selbst ernannte „Volkslehrer“, hier vor der KZ-Gedenkstätte in Dachau, hat auch die Berufung verloren.

Der rechtsradikale „Volkslehrer“ Nikolai Nerling verurteilt

„Klares Zeichen“ gegen NS-Leugner: Gedenkstätte erleichtert über Landgerichts-Urteil

  • Stefanie Zipfer
    vonStefanie Zipfer
    schließen

Der rechtsradikale „Volkslehrer“ Nikolai Nerling hat sich in der KZ-Gedenkstätte der Volksverhetzung schuldig gemacht. Dies stellte das Landgericht München II nach einer grotesken Verhandlung fest. Die Gedenkstätte ist erleichtert über das Urteil.

  • Der rechtsradikale „Volkslehrer“ Nikolai Nerling hat sich in der KZ-Gedenkstätte der Volksverhetzung schuldig gemacht.
  • Das Landgericht München II verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 6000 Euro
  • Jetzt zeigt sich die Gedenkstätte erleichtert

Update, 30. November: Der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und Vizepräsident des Bayerischen Landtags, Karl Freller (CSU), hat das Urteil des Landgerichts München gegen den rechtsextremen Aktivisten Nikolai Nerling begrüßt: „Mit dem Urteil wurde ein klares und eindeutiges Zeichen gesetzt.“ Die KZ-Gedenkstätte Dachau sei ein Ort des Gedenkens und eine internationale Stätte der Bildung und Begegnung. In keiner Weise dürften dort rechtsradikale Auftritte geduldet oder junge Menschen eingeschüchtert oder davon abgehalten werden, sich mit dem Thema Holocaust auseinanderzusetzen, so Freller.

Auch Gabriele Hammermann als Leiterin der KZ-Gedenkstätte war „wirklich froh, dass auch das Landgericht die Verharmlosung beziehungsweise Leugnung des Nationalsozialismus auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau als völlig inakzeptabel betrachtet“.

Die Gedenkstätte bedauert laut einer Pressemittelung jedoch „außerordentlich“, dass das Gericht in seinem Urteil hinter den Forderungen der Staatsanwaltschaft – diese hatte eine sechsmonatige Haftstrafe gefordert – zurückblieb und prüft nun eigene rechtliche Möglichkeiten. Nerling und sein Kameramann prüfen dagegen nicht mehr: Sie erhoben gestern Revision zum Oberlandesgericht.

28. November: Der rechtsradikale „Volkslehrer“ Nikolai Nerling hat sich in der KZ-Gedenkstätte der Volksverhetzung schuldig gemacht. Dies stellte das Landgericht München II am späten Freitagabend nach einer am Ende fast schon grotesken Verhandlung fest und bestätigte damit das vor einem Jahr in Dachau gegen Nerling gefällte Urteil.

Wer den Dachauer Amtsrichter Lukas Neubeck schon einmal erlebt hat, weiß: Dieser Mann lässt sich weder von der öffentlichen Meinung beeinflussen, noch fürchtet er Kritik an seinen Urteilen.

Genau das aber unterstellte der Berliner Rechtsanwalt Martin Geisler am Freitag im Münchner Landgericht. Das Verfahren in Dachau wegen Volksverhetzung und Hausfriedensbruch, bei dem sein Mandant von Neubeck in beiden Fällen schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe in Höhe von 10 800 Euro verurteilt worden war, habe „mit einer ordentlichen Gerichtsverhandlung nichts zu tun gehabt“. Neubeck sei „im Städtchen Dachau“ unter derart großem öffentlichen Druck gestanden, dass er gar nicht anders konnte, als Nerling zu verurteilen. „Was hätte Herrn Neubeck denn erwartet, wenn er Herrn Nerling in Dachau freigesprochen hätte?“, fragte Geisler – und gab selbst die Antwort: „Der Mann wäre in Dachau geächtet worden!“

Geislers Kollege Andreas Wölfel, der den Kameramann Nikolai Nerlings bereits in Dachau vertreten hatte und nun erneut, vor dem Landgericht, gegen dessen Verurteilung wegen Beihilfe zur Volksverhetzung und Hausfriedensbruch kämpfte, ging sogar noch weiter. Nicht nur in Dachau werde „Gesinnungsjustiz“ betrieben, sondern auch in München. Das Landgericht sei einer derartigen „öffentlichen Erwartungshaltung ausgesetzt, die nichts anderes im Sinn hat als die Verurteilung meines Mandanten“.

Noch vor dem Urteilsspruch durch den Vorsitzenden Richter am Landgericht, Johannes Feneberg, kündigte Wölfel daher an: Er und Geisler würden weiterziehen. Die nächsthöhere Instanz ist nun das Oberlandesgericht München.

Referentin und Schüler erinnern sich gut

Feneberg aber ließ sich durch diese Rhetorik nicht aus der Ruhe bringen. Fair und geduldig hörte er noch einmal alle Zeugen des Vorfalls, der sich am 4. Februar 2019 in der KZ-Gedenkstätte ereignet hatte. Die wichtigste Rolle kam dabei der Gedenkstätten-Referentin zu, die Nerling damals bemerkt und erkannt hatte und die daraufhin im Verwaltungsgebäude Hilfe geholt hatte. Die Referentin hielt den Fragen der Verteidiger stand, auch wenn diese sich fast schon mühten, ihren slowakischen Nachnamen grundsätzlich falsch auszusprechen: So nannten sie die Zeugin, die eigentlich Gruberova heißt, ausdauernd „Grubinova“, „Grubanova“ oder „Gubinova“.

Weitere entscheidende Zeugen: die Schülergruppe, die von der Referentin an jenem Tag über das ehemalige KZ-Gelände geführt werden sollten: Sie erinnerten sich sämtlich daran, wie Nerling sie warnte, sie sollten nicht alles glauben, was man ihnen dort erzähle. Die Fragen der Verteidiger, etwa ob sie von der Referentin im Nachhinein gegen Herrn Nerling aufgehetzt worden seien, ließen die Jugendlichen cool ins Leere laufen. Nein, so die Antworten, sie seien von niemandem beeinflusst worden.

Eine 16-Jährige brachte es auf den Punkt: Sie habe Nerlings Warnung, nicht alles zu glauben, was ihnen erzählt werde, an dieser Stelle „natürlich als Verleugnung des Holocaust interpretiert, auch wenn das Wort Holocaust gar nicht gefallen ist“.

Der Staatsanwalt war gerade von dieser 16-Jährigen regelrecht begeistert: Die sei „ein wahnsinnig schlaues Mädchen“, bei der die von der Verteidigung unterstellte „ideologische Prägung“ absolut „nicht ersichtlich“ gewesen sei. Ohnehin gehe es in dem Fall nicht um „Gesinnungsjustiz“: Nerling und sein Kameramann hätten beim Drehen ihres „Gegen den Schuldkult“-Videos Hausfriedensbruch begangen, sich auf „eine ungeschützte Schülergruppe zubewegt“ und an einem symbolträchtigen Ort den Holocaust verharmlost und geleugnet. Dabei hätten sie nicht „nach der 37. Halben Oettinger etwas ins Internet gerotzt“, sondern seien gezielt nach Dachau gefahren und hätten dort „ein tropfendes Gift“ versucht zu verbreiten, das am Ende „unsere ganze Gesellschaft schädigt“. Dies zu verhindern, sei in Bayern „Staatsraison“!

Nerling berichtet von schwerer Kindheit

Nerling und sein Kameramann sahen es anders – und gaben, am Freitagabend zu vorgerückter Stunde, fast schon groteske Schlussworte zum Besten. So erklärte der Kameramann, unter Tränen, dass er sich von der rechten Szene und Nerling abgewandt habe und er eigentlich viel lieber Videos über Kunst oder Architektur drehen wolle. Nerling berichtete von seiner schweren Kindheit, in der es sein „antifaschistischer“ Vater verhindert habe, dass er „frei und fröhlich“, ohne Schuld habe aufwachsen können. Sein Lamento schloss er mit der Behauptung, dass er mit den Jugendlichen doch nur habe reden und sie zu kritischem Denken habe herausfordern wollen. Dann trug er Theodor Storms Weihnachtsgedicht „Knecht Ruprecht“ vor.

Richter Feneberg und seine zwei Schöffen schienen davon wenig beeindruckt. Nerlings Satz, die Kinder sollten nicht alles glauben, was man ihnen in der Gedenkstätte sage, sei eindeutig Volksverhetzung. Dafür muss der 40-Jährige nun eine Geldstrafe von 6000 Euro zahlen. Vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs sprach das Gericht Nerling dagegen frei: Die Polizei Dachau hatte den Strafantrag der Gedenkstätte offenbar verloren, de facto war Nerling dafür also nicht angezeigt worden.

Die Anzeige gegen den Kameramann wurde ordentlich abgeheftet, weshalb er dafür nun eine Geldstrafe in Höhe von 1500 Euro zahlen soll. Die Beihilfe zur Volksverhetzung sah Feneberg, anders als Neubeck, jedoch nicht als erwiesen an.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare