Mann, Turm
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Um sich zu „ent-schuldigen“, drehte der selbst ernannte „Volkslehrer“ und „Rechtsradikale“ vor dem KZ Dachau ein Video. Der Fall landete nun erneut vor Gericht.

In rechter Szene prominent

Volksverhetzung im KZ Dachau: Rechtsradikaler „Volkslehrer“ wehrt sich gegen Urteil

  • Stefanie Zipfer
    vonStefanie Zipfer
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Der rechtsextreme „Volkslehrer“ Nikolai Nerling, den das Amtsgericht Dachau wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe verurteilte, ist in Berufung gegangen.

München/Dachau – Der Dachauer Amtsrichter Lukas Neubeck hatte am 8. Dezember 2019 Mut bewiesen. Er hatte Nikolai Nerling, einen 40-jährigen ehemaligen Berliner Grundschullehrer, der in den vergangenen Jahren als selbst ernannter „Volkslehrer“ in der rechten Szene Bekanntheit erlangt hatte, für schuldig befunden, bei einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau im Februar 2019 den Holocaust geleugnet zu haben – auch wenn Nerling das Wort „Holocaust“ dabei explizit gar nicht in den Mund genommen hatte. Neubeck aber hatte es in seinem Urteil als erwiesen angesehen, dass Nerlings „Aussagen in der Gesamtschau darauf abzielen, den Völkermord nicht nur zu verharmlosen, sondern auch zu leugnen“. Die Konsequenz: Er hatte Nerling wegen Volksverhetzung und Hausfriedensbruch zu einer Geldstrafe von 10 800 Euro verurteilt. Nerlings Begleiter, ein Kameramann, hatte wegen Beihilfe zur Volksverhetzung und ebenfalls Hausfriedensbruch eine Geldstrafe von 3000 Euro aufgebrummt bekommen.

„Volkslehrer“ geht in Berufung: Dachauer Zeugen sind dieselben wie vor einem Jahr

Nerling und sein Kameramann aber legten Rechtsmittel gegen das Urteil ein; die Staatsanwaltschaft, die in Dachau eine Haftstrafe gefordert hatte, legte ebenfalls Berufung ein, weshalb der Fall noch einmal vor dem Landgericht München II unter Vorsitz von Richter Johannes Feneberg aufgerollt wird.

Die Zeugen, die dabei gehört wurden, waren die selben wie vor einem Jahr in Dachau. Auch ihre Aussagen, abgesehen von der schwächer werdenden Erinnerung, hatten sich in der Zwischenzeit nicht geändert. Demnach waren Nerling und sein Kameramann am 4. Februar 2019 nach Dachau gekommen, um gegen den „Schuldkult“ zu filmen. Nerling hatte auf seinem damaligen Youtube-Kanal regelmäßig antisemitische und verschwörungsideologische Videos gepostet und damit tausende Follower generiert.

Zeugenaussagen im „Volkslehrer“-Prozess: Schüler bestätigen Sprüche von Nerling

Aufgrund seiner Prominenz in der rechten Szene hatte ihn eine Referentin der Gedenkstätte, die gerade eine Schulklasse über das Gelände hatte führen wollen, dabei aber erkannt. Die Referentin unterstrich in ihrer gestrigen Aussage erneut, dass sie Nerling untersagt habe, auf dem Gelände zu drehen. Anschließend habe sie die Verwaltung der Einrichtung alarmiert.

Währenddessen, dies bestätigten die Schüler, habe Nerling das Tor des ehemaligen KZ mit der zynischen Aufschrift „Arbeit macht frei“ zugeschlagen und den Schülern dahinter zugerufen, dass sie jetzt eingesperrt seien. Zudem habe Nerling die Schüler gewarnt, nicht alles zu glauben, was ihnen in der Gedenkstätte erzählt werde; dass der Großvater der Referentin, ein Kommunist, als Gefangener das KZ Dachau überlebt habe, sei doch Beweis genug, dass es „wohl nicht so schlimm war“.

„Volkslehrer“ Nikolai Nerling: Verteidigung gelingt „kleiner Sieg“ - wird das reichen?

Dass dies eine Verhöhnung nicht nur der mehr als 41 000 Dachauer KZ-Opfer, sondern auch aller anderen Opfer des Nationalsozialismus ist, wollten die Verteidiger nicht anerkennen. Ihnen ging es vielmehr um die Frage, ob der „Volkslehrer“ überhaupt auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte war, als er dort sein Youtube-Video gedreht hatte, und ob Nerling mit seinen Aussagen tatsächlich den Holocaust geleugnet habe, wenn er das Wort doch gar nicht in den Mund genommen habe? Ein kleiner Sieg in dieser Argumentation gelang ihnen: Die Referentin fand, dass Nerling wohl kein Holocaust-Leugner sei, sondern eher ein „Verharmloser“. Als ehemaliger Lehrer, so die Referentin, sei der 40-Jährige wohl „intelligent genug, dass er Fakten akzeptiert“. Der Prozess wird heute (27.11.) fortgesetzt.

Trotz seiner Verurteilung vor rund einem Jahr hatte Nerling, der sich selbst als rechtsextrem bezeichnet, in der Zwischenzeit weiter seine radikalen YouTube-Videos produziert - obwohl sein Channel bereits mehrfach gesperrt worden war. Anfang September 2020 war Nerling unter der Gruppe von Demonstranten, die versuchten, im Verlauf einer Querdenker-Veranstaltung gegen die Corona-Maßnahmen in Deutschland den Berliner Reichstag zu stürmen.

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